1. Einleitung und Zielsetzung #
Die endodontische Aufbereitung verfolgt das Ziel der vollständigen Desinfektion des Endodonts sowie der Formgebung für eine hermetische Versiegelung (Obturation). Die Erhaltung der ursprünglichen Kanalanatomie steht im Vordergrund.
2. Diagnostische Absicherung #
Präoperative Diagnostik mittels klinischer Inspektion, Sensibilitätsprüfung (Kältetest/CO2), Perkussionstest (apikale Beteiligung?) und Rö-Einzelbild in zwei Ebenen (exzentrisch), um die Anzahl und Krümmung der Kanäle sowie die apikale Situation zu beurteilen.
3. Technisches Equipment und Einstellungen #
- Endomotor: Drehmomentgesteuert mit Auto-Reverse-Funktion. Einstellungen je nach Feilensystem (z.B. 300 RPM / 2.5 Ncm).
- Apex-Lokator: Elektronische Längenbestimmung (EAL).
- Vergrößerung: Arbeiten unter dem Dentalmikroskop oder mit starker Lupenbrille (>4.5x) zur Identifikation von Isthmen und akzessorischen Kanälen.
4. Klinischer Ablauf Schritt-für-Schritt #
4.1 Access-Cavity (Zugangskavität) #
Erstellung einer geradlinigen Zugangskavität (Straight-Line-Access). Trepanation mit Turbinen-Diamant. Abtragung des gesamten Pulpendaches mittels Endo-Access-Bohrer oder Batt-Bohrer (stumpfe Spitze zum Schutz des Pulpabodens). Identifikation der Kanaleingänge mit der DG16-Sonde.
4.2 Gleitpfad und Längenbestimmung #
Manuelle Sondierung der Kanäle mit ISO 08 oder 10 Handfeilen unter Verwendung von EDTA-Gel als Schmiermittel. Elektronische Längenbestimmung mittels Apex-Lokator bis zur Anzeige ‘0.0’ (physiologischer Apex), dann Rückzug auf ‘Apex minus 0,5 mm’ als Arbeitslänge (WL).
4.3 Maschinelle Aufbereitung (Shaping) #
Anwendung von NiTi-Systemen (z. B. Protaper, Reciproc, VDW.ROTATE). Crown-Down-Technik: Erst koronale Erweiterung (Orifice Opener), dann sukzessive Aufbereitung bis zur Arbeitslänge. Ständige Kontrolle der Feilenspitze auf Deformation (Frakturgefahr!). Jede mechanische Feile wird von einer reichlichen Spülung begleitet.
4.4 Chemische Desinfektion (Spülprotokoll) #
Wechselweise Spülung mit 3% – 5,25% NaOCl. Zur Entfernung des Smear Layer (Schmierschicht) Einsatz von 17% EDTA für 60s pro Kanal. Schall- oder Ultraschallaktivierung (z.B. EDDY oder PUI) für 3x 20s pro Kanal, um die Spülflüssigkeit in die Seitenkanäle zu transportieren.
4.5 Medikamentöse Einlage #
Trocknung der Kanäle mit sterilen Papierspitzen (entsprechend der ISO-Größe der Masterfeile). Einbringen von Calciumhydroxid (z.B. Calxyl) mittels Lentulo oder Kanüle. Speicheldichter Verschluss (z.B. GIZ oder Cavit).
5. Fehlerquellen und klinisches Risikomanagement #
- Instrumentenfraktur: Meist durch Materialermüdung oder fehlenden Gleitpfad. Vorbeugung durch begrenzte Zyklenzahl.
- Stufenbildung (Ledge): Entsteht durch forcierte Instrumentierung bei gekrümmten Kanälen ohne ausreichende Vorkrümmung der Handfeilen.
- NaOCl-Unfall: Injektion der Spülflüssigkeit über den Apex hinaus. Prophylaxe: ‘Side-vented’ Kanülen ohne Verklemmen im Kanal.
