Lektion 9: Restaurative Materialien für Milchzähne (GIZ, Kompomere)
A. Klinische Relevanz
Die Auswahl des richtigen Füllungsmaterials im Milchgebiss folgt einer anderen Logik als bei bleibenden Zähnen. Während bei Erwachsenen die maximale Abrasionsfestigkeit und Ästhetik von Kompositen oft im Vordergrund stehen, sind bei Kindern die biologische Aktivität (Fluoridabgabe), die Feuchtigkeitstoleranz und die Verarbeitungsgeschwindigkeit oft die entscheidenden Kriterien. Glasionomerzemente (GIZ) und Kompomere sind Materialien, die speziell für diese Nische entwickelt wurden. Diese Lektion vertieft das Verständnis für diese beiden wichtigen Materialklassen und stellt ihre Eigenschaften und klinischen Protokolle denen von reinen Kompositen gegenüber, um eine fundierte, situationsgerechte Materialauswahl zu ermöglichen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Glasionomerzemente (GIZ) – Der “bioaktive” Ansatz GIZ sind die erste Wahl, wenn biologische Vorteile und Feuchtigkeitstoleranz im Vordergrund stehen.
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Wirkprinzip: Eine Säure-Base-Reaktion, die eine chemische Adhäsion an der Zahnhartsubstanz ermöglicht, ohne separates Adhäsiv.
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Die Schlüsseleigenschaft: Fluoridfreisetzung: GIZ wirken wie eine “wiederaufladbare Fluorid-Batterie”. Sie geben kontinuierlich Fluoridionen an die Umgebung ab (kariostatischer Effekt) und können Fluorid aus Zahnpasta wieder aufnehmen und speichern.
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Kunststoffmodifizierte GIZ (KM-GIZ / RMGI): Dies ist die in der Kinderzahnheilkunde am häufigsten verwendete Variante. Die klassische Säure-Base-Reaktion wird durch eine schnelle, lichtinduzierte Kunststoff-Polymerisation ergänzt.
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Vorteil: Das Material ist sofort nach der Lichthärtung fest (“Command Set”) und kann ausgearbeitet werden. Dies verkürzt die kritische, feuchtigkeitsempfindliche Phase und die gesamte Behandlungszeit drastisch.
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Klinisches Protokoll (KM-GIZ):
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Minimalinvasive Präparation.
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Konditionierung: Applikation einer milden Polyacrylsäure für 10 Sekunden zur Reinigung der Oberfläche.
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Applikation des KM-GIZ (meist aus einer Automix-Kapsel).
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Lichthärtung (20-40 Sek.).
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Sofortige Ausarbeitung.
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2. Kompomere – Der “vereinfachte Komposit”-Ansatz Kompomere wurden als Hybrid aus Komposit und GIZ entwickelt, verhalten sich aber klinisch eher wie Komposite.
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Wirkprinzip: Die Aushärtung erfolgt primär durch lichtinitiierte Polymerisation. Sie sind nicht selbstadhäsiv und erfordern ein eigenes Adhäsivsystem.
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Eigenschaften: Sie bieten eine bessere Abrasionsfestigkeit und Ästhetik als GIZ, sind aber mechanisch schwächer als moderne Komposite. Sie geben zwar Fluorid ab, aber deutlich weniger als GIZ.
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Klinisches Protokoll:
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Präparation.
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Adhäsivtechnik: Applikation eines spezifischen Self-Etch Adhäsivs auf Schmelz und Dentin.
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Applikation des Kompomers (oft in einer Schicht möglich).
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Lichthärtung (ca. 40 Sek.).
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Sofortige Ausarbeitung.
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3. Direkter Vergleich für die klinische Entscheidung
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die situationsgerechte Materialwahl:
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KM-GIZ ist indiziert bei: sehr hohem Kariesrisiko, sehr jungen/unkooperativen Kindern und bei klinischen Situationen, in denen eine adäquate Trockenlegung unmöglich ist (z.B. teil-durchgebrochene Molaren).
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Kompomer ist indiziert bei: moderatem Kariesrisiko und guter Kooperation, wenn eine bessere Abrasionsfestigkeit und Ästhetik als bei GIZ gewünscht ist. Es ist das “Arbeitspferd” für unkomplizierte Milchzahnfüllungen.
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Komposit ist indiziert bei: niedrigem Kariesrisiko, exzellenter Kooperation, garantierter Trockenlegung und hohen ästhetischen Anforderungen (v.a. Frontzähne).
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 4-jähriges Kind mit hohem Kariesrisiko (ECC) und beginnender Kooperationsschwäche benötigt eine Füllung an einem ersten Milchmolaren (Zahn 74). Die Speichelkontrolle ist schwierig.
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Analyse:
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Risikoprofil: Hoch -> Fluoridabgabe ist ein Hauptziel.
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Verhalten/Trockenlegung: Limitiert -> Ein feuchtigkeitstolerantes und schnell zu verarbeitendes Material ist zwingend erforderlich.
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Mechanische Anforderung: Moderat.
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Klinische Konsequenz & Materialwahl: Der kunststoffmodifizierte Glasionomerzement (KM-GIZ) ist hier eindeutig das Material der Wahl.
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Rationale: Die biologischen Vorteile (Fluoridabgabe) und die anwenderfreundlichen Eigenschaften (Feuchtigkeitstoleranz, schnelle Verarbeitung) überwiegen die unterlegene Mechanik bei Weitem. Ein Versuch, hier ein technisch anspruchsvolles Komposit zu legen, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt und würde das Kind unnötig belasten. Die KM-GIZ-Füllung bietet in diesem spezifischen Fall die höchste Erfolgsprognose.