Lektion 9: Grundlagen der Kephalometrie: Referenzebenen und Analysepunkte

A. Klinische Relevanz
Die Kephalometrie ist das präzise Vermessungsinstrument des Fernröntgenseitbildes (FRS). Sie transformiert die subjektive visuelle Beurteilung des Schädels in objektive, numerische Daten. Diese quantitative Analyse ist unerlässlich, um die Art und den Schweregrad einer skelettalen oder dentalen Fehlstellung exakt zu klassifizieren, den Wachstumstrend eines Patienten zu verfolgen und den Effekt einer kieferorthopädischen Behandlung wissenschaftlich zu dokumentieren. Das Verständnis der grundlegenden Referenzebenen und -punkte ist die Sprache, in der Kieferorthopäden Diagnosen stellen und Behandlungen planen.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Wichtige Referenzpunkte (Landmarks)

Analysepunkte sind definierte anatomische Strukturen, die zur Vermessung herangezogen werden. Man unterscheidet mediane (in der Mittellinie liegende) und paarige Punkte.

 
 
Punkt Abk. Definition & Bedeutung
Sella S Der Mittelpunkt der Hypophysengrube (Sella turcica). Zentraler Bezugspunkt im Schädelinneren.
Nasion N Der tiefste Punkt der Sutura nasofrontalis in der Mittellinie. Vorderer Bezugspunkt der Schädelbasis.
Porion Po Der höchste Punkt des äußeren Gehörgangs (anatomisch) oder des Ohrstifts (mechanisch).
Orbitale Or Der tiefste Punkt des unteren Orbitalrandes.
Punkt A A Der tiefste Punkt der Konkavität zwischen NAS und Spina nasalis anterior am Oberkiefer. Repräsentiert den skelettalen Oberkiefer.
Punkt B B Der tiefste Punkt der Konkavität zwischen Infradentale und Pogonion am Unterkiefer. Repräsentiert den skelettalen Unterkiefer.
Pogonion Pog Der vorderste Punkt der knöchernen Kinnkontur.
Gnathion Gn Der unterste und vorderste Punkt der Mandibula-Symphyse (Schnittpunkt aus vertikaler und horizontaler Tangente).
Gonion Go Der posterierste und unterste Punkt des Mandibula-Winkels (bestimmt durch Winkelhalbierende).
Menton Me Der tiefste Punkt der Mandibula-Symphyse.
Supramentale B’ Der tiefste Punkt der Konkavität zwischen Incisivum inferius und Pogonion (Weichteil-Punkt B).
Soft Tissue Pogonion Pog’ Der vorderste Punkt der Weichteil-Kinnkontur.

2. Wichtige Referenzebenen (Planes)

Ebene werden aus mindestens zwei Punkten definiert und dienen als Bezugssystem für Winkel- und Streckenmessungen.

 
 
Ebene Abk. Definition & Bedeutung
Frankfurter Horizontale FH Verbindungslinie Porion (Po) – Orbitale (Or). Wichtige horizontale Bezugsebene.
Schädelbasis-Ebene S-N Verbindungslinie Sella (S) – Nasion (N). Repräsentiert die vordere Schädelbasis.
Mandibularebene ML Verbindungslinie Gonion (Go) – Gnathion (Gn). Zeigt die Neigung des Unterkiefers an.
Okklusalebene OL Linie entlang der Okklusionsflächen der Prämolaren und Molaren. Repräsentiert die Bitebene.
Palatinale Ebene NL (ANS-PNS) Verbindungslinie Spina nasalis anterior (ANS) – Spina nasalis posterior (PNS). Repräsentiert den knöchernen Gaumen/harten Gaumen.
Ramus-Ebene RL Tangente an den hinteren Rand des Unterkieferastes.

3. Grundprinzip der kephalometrischen Analyse

  1. Tracing (Durchzeichnen): Auf einem FRS werden die relevanten Konturen (Schädelbasis, Kiefer, Zähne, Weichteile) auf einem transparenten Folienblatt nachgezeichnet.

  2. Punktemarkierung: Die definierten Analysepunkte werden eingetragen.

  3. Vermessung:

    • Winkelmessung: Bestimmung der sagittalen und vertikalen Kieferrelation sowie der Zahnstellung (z.B. SNA, SNB, ML-NSL).

    • Streckenmessung: Bestimmung von Distanzen, z.B. der sagittalen Stufe zwischen Ober- und Unterkiefer.

  4. Interpretation: Die gemessenen Werte werden mit populationsspezifischen Normwerten verglichen, um Abweichungen zu quantifizieren.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Die kephalometrische Basisdiagnostik

  • Szenario: Bei einem 12-jährigen Patienten mit Distalbiss wird ein FRS angefertigt und eine kephalometrische Analyse nach Downs durchgeführt.

  • Analyse: Die Auswertung ergibt folgende Werte:

    • SNA-Winkel: 78° (Norm: 81° ± 3°) → Retrognather Oberkiefer.

    • SNB-Winkel: 76° (Norm: 79° ± 3°) → Retrognather Unterkiefer.

    • ANB-Winkel: 2° (Norm: 2° ± 2°) → Neutrale skeletale Basis.

  • Klinische Konsequenz: Die Analyse zeigt, dass die klinisch sichtbare Distalbisslage (Klasse II) nicht auf eine skeletale Diskrepanz zurückzuführen ist, da der ANB-Winkel normal ist. Die Ursache muss folglich dental sein (z.B. nach mesial gewanderte obere Molaren). Die Therapie zielt daher auf eine dentale Korrektur (Distalisierung der Oberkiefermolaren) und nicht auf eine Wachstumsmodulation ab.

Fallbeispiel 2: Die Verlaufsdiagnostik

  • Szenario: Eine Patientin mit einer skelettalen Klasse III (Progenie) wird über zwei Jahre mit einer Delaire-Maske behandelt. Vor und nach der Behandlung wird ein FRS angefertigt.

  • Analyse: Der Vergleich der kephalometrischen Analysen (Anfang vs. Ende) zeigt:

    • Anfang: SNA: 78°, SNB: 84°, ANB: -6°

    • Ende: SNA: 82°, SNB: 83°, ANB: -1°

  • Klinische Konsequenz & Therapieerfolg: Die kephalometrische Verlaufsdiagnostik objektiviert den Behandlungserfolg. Sie zeigt, dass der SNA-Winkel um 4° zugenommen hat – ein Zeichen für das gewünschte Wachstum des Oberkiefers nach vorne unter dem Zug der Maske. Der SNB-Winkel ist nahezu gleich geblieben, was bedeutet, dass das Unterkieferwachstum gebremst werden konnte. Die skeletale Diskrepanz (ANB) hat sich von -6° auf -1° deutlich verbessert. Diese Daten sind entscheidend für die weitere Planung (Fortführung der Therapie oder Behandlungsende).