Lektion 9: Festsitzende Versorgung des zahnlosen Kiefers (z.B. “All-on-4”-Konzept)
A. Klinische Relevanz
Die festsitzende Versorgung eines komplett zahnlosen Kiefers auf Implantaten stellt für viele Patienten die ultimative Rehabilitation dar und führt zu einer dramatischen Steigerung der Lebensqualität. Das “All-on-4”-Konzept ist ein revolutionärer chirurgischer und prothetischer Ansatz, der es ermöglicht, einem Patienten mit nur vier strategisch platzierten Implantaten einen kompletten, festsitzenden Zahnbogen zu geben – oft sogar an einem einzigen Tag (“Feste Zähne an einem Tag”). Das Verständnis dieses Konzepts ist entscheidend, um die modernen Möglichkeiten der Full-Arch-Rehabilitation zu kennen und Patienten eine Alternative zur herausnehmbaren Prothese bieten zu können.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das “All-on-4”-Konzept: Die biomechanische Rationale
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Definition: Ein Behandlungsprotokoll zur Sofortversorgung eines zahnlosen Kiefers mit einer festsitzenden Brücke, die von nur vier Implantaten getragen wird.
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Das Schlüsselmerkmal: Gekippte (angulierte) posteriore Implantate.
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Die beiden vorderen Implantate werden gerade (axial) in den Kieferknochen inseriert.
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Die beiden hinteren Implantate werden bewusst distal um bis zu 45° gekippt.
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Die Vorteile der Angulation:
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Vermeidung von Knochenaufbau: Die Kippung ermöglicht die Verwendung von langen Implantaten, die im qualitativ hochwertigen anterioren Knochen verankert werden. Sie umgehen dabei anatomische Risikostrukturen wie die Kieferhöhle im Oberkiefer oder den Nervus alveolaris inferior im Unterkiefer. Aufwendige und riskante Knochenaufbau-Maßnahmen (Sinuslift) werden so oft vermieden.
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Maximierung der biomechanischen Abstützung: Durch die Kippung wird der Austrittspunkt der hinteren Implantate weiter nach distal verlagert. Dies vergrößert die A-P-Spreizung (den Abstand zwischen vorderstem und hinterstem Implantat) erheblich. Eine große A-P-Spreizung schafft eine breite, stabile Abstützungsbasis und reduziert die Hebelwirkung durch kurze Brücken-Anhänger (Cantilever).
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2. Indikationen und Patientenauswahl
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Hauptindikation: Der zahnlose Kiefer (oder ein Kiefer mit nicht erhaltungswürdiger Restbezahnung) mit moderater bis fortgeschrittener Atrophie des Knochens im Seitenzahnbereich, aber einem ausreichenden Knochenangebot im Frontzahnbereich.
3. Die prothetischen Komponenten
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Multi-Unit-Abutments (MUA): Auf die gekippten Implantate werden spezielle, abgewinkelte Abutments geschraubt. Sie korrigieren den Winkel, sodass die Schraubenkanäle für die Brücke alle annähernd parallel und vertikal verlaufen.
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Die Brücke: Es handelt sich um eine Hybridkonstruktion, die 10-12 Zähne ersetzt.
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Provisorische Brücke: Wird oft direkt am Tag der Operation hergestellt und festsitzend verschraubt (“Sofortversorgung”).
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Definitive Brücke: Nach der Einheilphase (ca. 4-6 Monate) hergestellt. Besteht meist aus einem hochpräzisen, gefrästen Gerüst (Titan oder Zirkonoxid), auf das die Prothesenzähne aus Komposit oder Keramik aufgesetzt werden.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der Behandlungsablauf “Feste Zähne an einem Tag”
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Planungsphase: Umfassende 3D-Diagnostik mittels DVT und digitales “Backward-Planning” zur exakten Bestimmung der Implantatpositionen.
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Chirurgischer Tag:
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Vormittags: Extraktion der Restzähne (falls vorhanden), Insertion der vier Implantate mittels Bohrschablone, Anbringen der Multi-Unit-Abutments, Abformung.
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Nachmittags: Während der Patient sich erholt, fertigt das Labor eine individuelle, provisorische Brücke.
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Später Nachmittag: Die provisorische Brücke wird auf den frischen Implantaten fest verschraubt. Der Patient verlässt die Praxis mit festsitzenden Zähnen.
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Definitive Phase: Nach 4-6 Monaten Einheilzeit wird die finale, langlebige Brücke hergestellt.
Vorteile und Nachteile im Überblick
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 62-jähriger Patient mit einer parodontal hoffnungslosen Restbezahnung im Oberkiefer. Er wünscht sich eine festsitzende Lösung und möchte eine herausnehmbare Prothese unter allen Umständen vermeiden. Die DVT zeigt, dass im Seitenzahnbereich beidseits nur noch 4-5 mm Knochenhöhe unter der Kieferhöhle vorhanden sind.
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Analyse: Eine konventionelle Versorgung mit 6-8 vertikalen Implantaten würde einen beidseitigen, externen Sinuslift mit einer Einheilzeit von 6-9 Monaten erfordern. Das “All-on-4”-Konzept ist hier die ideale Alternative.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Das “All-on-4”-Konzept.
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Planung: Extraktion aller Restzähne und die Insertion von vier Implantaten (zwei gerade in der Front, zwei distal gekippt vor den Kieferhöhlen) wird digital geplant.
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Umsetzung: An einem Operationstag werden die Zähne entfernt und die Implantate inseriert. Der Patient erhält am selben Tag eine festsitzende, provisorische Brücke.
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Ergebnis: Der Patient erlebt eine sofortige Transformation seiner Lebensqualität. Er vermeidet eine mehrmonatige Phase mit einer herausnehmbaren Übergangsprothese und die Belastung durch einen beidseitigen Knochenaufbau. Die Behandlung ist schneller, weniger invasiv und in der Regel kostengünstiger als die Alternative.