Lektion 9: Entzündliche Erkrankungen des Rachens (Pharyngitis, Tonsillitis) und ihre Differenzialdiagnose zu Zahnschmerzen
A. Klinische Relevanz
Halsschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden in der Allgemeinmedizin. Aufgrund der gemeinsamen nervalen Versorgung von Rachenraum und Kieferregion kann eine Entzündung im Halsbereich Schmerzen verursachen, die vom Patienten fälschlicherweise als Zahnschmerz, insbesondere im Unterkiefer-Molarenbereich, wahrgenommen werden (ausstrahlender Schmerz / “referred pain”). Die Fähigkeit des Zahnarztes, eine odontogene von einer nicht-odontogenen Schmerzursache zu unterscheiden, ist entscheidend, um unnötige und ineffektive zahnärztliche Behandlungen zu vermeiden und den Patienten an den richtigen Facharzt zu überweisen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die akute Pharyngitis (Rachenentzündung)
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Definition: Eine akute Entzündung der Rachenschleimhaut (“der Hals kratzt”).
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Ätiologie: Meist viral im Rahmen einer Erkältung.
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Klinik: Diffuse Rötung der Rachenhinterwand, Kratzen im Hals, leichte bis mäßige Schluckschmerzen, oft begleitet von Schnupfen und Husten.
2. Die akute Tonsillitis (Mandelentzündung, Angina tonsillaris)
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Definition: Eine akute Entzündung der Gaumenmandeln (Tonsilla palatina).
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Ätiologie: Viral oder bakteriell. Wichtigster bakterieller Erreger sind β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A.
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Klinik:
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Starke, oft in die Ohren ausstrahlende Halsschmerzen und ausgeprägte Schluckbeschwerden (Odynophagie).
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Hohes Fieber und starkes Krankheitsgefühl.
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Inspektion: Die Mandeln sind stark gerötet und geschwollen.
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Bakteriell (“Streptokokken-Angina”): Charakteristisch sind weiß-gelbliche Eiter-Stippchen auf den Mandeln. Oft schmerzhafte Schwellung der Halslymphknoten.
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Viral (z.B. Pfeiffersches Drüsenfieber): Oft flächige, konfluierende weiße Beläge.
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3. Der Peritonsillarabszess
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Definition: Eine Eiteransammlung im Raum hinter der Gaumenmandel. Eine ernste Komplikation der bakteriellen Tonsillitis.
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Klinik:
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Extrem starke, einseitige Halsschmerzen.
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Kloßige Sprache (“heiße Kartoffel im Mund”).
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Ausgeprägte Kieferklemme (Trismus).
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Diagnostisches Leitsymptom: Vorwölbung des Gaumenbogens und eine Abweichung des Zäpfchens (Uvula) zur gesunden Seite.
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Management: Ein Notfall, der eine sofortige HNO-ärztliche Behandlung (Inzision und Drainage) erfordert.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Differenzialdiagnose: Zahnschmerz vs. Halsschmerz Wenn ein Patient über Schmerzen im Unterkiefer-Molarenbereich klagt, aber die zahnärztliche Untersuchung völlig unauffällig ist, muss eine extra-orale Ursache in Betracht gezogen werden.
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Entscheidende Fragen & Befunde:
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Anamnese: “Haben Sie auch Schluckbeschwerden?”, “Fühlen Sie sich krank, haben Sie Fieber?”
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Klinische Untersuchung:
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Dental: Sind die Zähne vital? Nicht perkussionsempfindlich? Parodontal gesund?
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HNO-Screening: Inspektion des Oropharynx: Sind die Mandeln und der Rachenbogen gerötet oder geschwollen? Sind Beläge sichtbar? Palpation der Halslymphknoten: Sind sie vergrößert und schmerzhaft?
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Fallbeispiel:
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Szenario: Ein junger Patient kommt mit starken, ausstrahlenden Schmerzen im Bereich des linken Unterkiefers. Er kann den Schmerz nicht genau einem Zahn zuordnen. Er berichtet, sich seit zwei Tagen krank zu fühlen.
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Zahnärztliche Untersuchung: Der Zahnarzt untersucht die Zähne 36, 37 und 38. Alle Zähne sind kariesfrei, reagieren normal auf den Kältetest und sind nicht klopfempfindlich. Die parodontale Untersuchung ist unauffällig. Es findet sich keine odontogene Ursache.
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Erweiterte Untersuchung: Der Zahnarzt inspiziert den Rachenraum des Patienten. Die linke Gaumenmandel ist massiv geschwollen, hochrot und mit mehreren Eiterstippchen belegt. Die Halslymphknoten links sind geschwollen und druckschmerzhaft.
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Analyse: Die Symptome des Patienten (“Zahnschmerz”) sind ausgestrahlter Schmerz von einer klassischen akuten bakteriellen Tonsillitis.
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Klinische Konsequenz:
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Diagnose: Dringender Verdacht auf eine akute Tonsillitis.
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Aufklärung: “Ihre Zähne sind vollkommen gesund. Die Ursache Ihrer Schmerzen ist eine starke Mandelentzündung auf der linken Seite. Der Schmerz strahlt von dort nur in den Kiefer aus.”
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Überweisung: Der Patient wird zur weiteren Diagnostik (Streptokokken-Schnelltest) und Therapie (Antibiotika-Verordnung) an seinen Hausarzt oder einen HNO-Arzt überwiesen.
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Ergebnis: Durch eine einfache, aber systematische Untersuchung, die über den Tellerrand der Zähne hinausging, wurde eine Fehldiagnose und eine unnötige zahnärztliche Behandlung vermieden.