Lektion 9: Die systematische parodontale Befunderhebung II – Furkationsbefall, Lockerungsgrad, Rezessionen
A. Klinische Relevanz
Nach der Erfassung der vertikalen Dimension des Attachmentverlusts (ST, CAL) komplettiert diese Lektion die parodontale Befunderhebung durch die Beurteilung der horizontalen und funktionellen Krankheitsfolgen. Ein Furkationsbefall stellt eine dramatische Komplikation der Parodontitis an mehrwurzeligen Zähnen dar, die die Prognose erheblich verschlechtert und spezielle therapeutische Ansätze erfordert. Die Zahnbeweglichkeit ist ein spätes, aber für den Patienten oft alarmierendes Zeichen des fortgeschrittenen Stützgewebeverlusts. Gingivale Rezessionen sind nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern können auch zu Hypersensitivitäten und Wurzelkaries führen. Die systematische Erfassung dieser Parameter ist entscheidend für eine vollständige Diagnose, eine realistische Prognoseeinschätzung und eine umfassende Behandlungsplanung.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Furkationsbefall (Furcation Involvement)
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Definition: Horizontaler Attachment- und Knochenabbau im Bereich der Wurzelgabelung (Furkation) bei mehrwurzeligen Zähnen (Molaren, obere erste Prämolaren).
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Diagnostik: Erfolgt mit einer speziellen, gekrümmten Nabers-Sonde, die eine horizontale Sondierung der Furkation ermöglicht.
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Klassifikation nach Hamp:
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Prognostische Bedeutung: Ein Furkationsbefall (insbesondere Grad II und III) ist ein schwerwiegender Befund. Die komplexe Anatomie macht eine effektive Reinigung durch den Patienten und selbst durch den Profi extrem schwierig, weshalb Furkationen oft als “Bakterien-Reservoir” fungieren.
2. Zahnbeweglichkeit / Lockerungsgrad (Tooth Mobility)
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Definition: Das Ausmaß der Bewegung eines Zahnes in seiner Alveole.
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Diagnostik: Mit den Griffenden zweier starrer Instrumente (z.B. Spiegelgriff) wird der Zahn in bukkal-oraler/lingualer Richtung sanft bewegt. Die vertikale Beweglichkeit wird durch axialen Druck auf die Okklusalfläche geprüft.
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Klassifikation nach Miller:
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Ursachen: Primär der Verlust des knöchernen Stützgewebes. Weitere Ursachen können ein okklusales Trauma oder eine akute Entzündung im Desmodont sein.
3. Gingivale Rezessionen
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Definition: Die apikale Verlagerung des Zahnfleischrandes, die zu einer Freilegung der Wurzeloberfläche führt.
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Ätiologie: Multifaktoriell. Kann Folge einer Parodontitis sein, aber auch durch aggressive Zahnputztechnik, einen dünnen gingivalen Biotyp oder kieferorthopädische Zahnbewegungen verursacht werden.
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Klinische Bedeutung: Führt zu ästhetischen Beeinträchtigungen, schmerzhaften Hypersensitivitäten und einem erhöhten Risiko für Wurzelkaries.
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Klassifikation nach Miller: Dient primär der Prognoseeinschätzung einer möglichen chirurgischen Deckung der Rezession.
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Klasse I & II: Kein interdentaler Knochenabbau. Eine vollständige (100%) Wurzeldeckung ist chirurgisch vorhersagbar möglich.
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Klasse III & IV: Interdentaler Knochenabbau ist vorhanden. Eine vollständige Wurzeldeckung ist nicht mehr möglich.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Integration in die Gesamt-Diagnose (Staging & Grading): Diese Befunde sind entscheidend für die neue Klassifikation von 2018:
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Ein Furkationsbefall des Grades II oder III stuft einen Patienten automatisch mindestens in das Parodontitis-Stadium III ein.
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Eine hohe Anzahl an Zähnen mit fortgeschrittenem Lockerungsgrad kann die Diagnose in das Stadium IV heben, wenn die Kaufunktion beeinträchtigt ist.
Fallbeispiel:
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Szenario: Bei der systematischen Befunderhebung eines 50-jährigen Patienten wird an Zahn 26 (oberer erster Molar) eine tiefe mesiale Tasche von 8 mm gemessen.
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Weiterführende Diagnostik:
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Furcationssondierung: Eine Nabers-Sonde wird von mesio-palatinal in die Tasche eingeführt und kann die Furkation zwischen der mesio-bukkalen und der palatinalen Wurzel sondieren. Die Sonde dringt ca. 5 mm horizontal ein, ist aber nicht durchgängig. -> Furkationsbefall Grad II.
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Lockerungsgradprüfung: Der Zahn zeigt eine deutlich spürbare horizontale Beweglichkeit von ca. 1,5 mm. -> Lockerungsgrad II.
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Analyse: Der Patient leidet nicht nur an einem massiven vertikalen Attachmentverlust (8 mm Tasche), sondern auch an einem fortgeschrittenen horizontalen Knochenabbau in der Furkation und einem daraus resultierenden Funktionsverlust (Lockerung).
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Klinische Schlussfolgerung:
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Diagnose: Die Kombination aus einer Taschentiefe >6 mm und einem Furkationsbefall Grad II klassifiziert den Patienten eindeutig in ein Parodontitis-Stadium III.
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Prognose: Die Prognose des Zahnes 26 ist aufgrund des Furkationsbefalls und der fortgeschrittenen Lockerung als fragwürdig einzustufen.
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Therapieplanung: Eine rein nicht-chirurgische Therapie wird die Furkation nur unzureichend reinigen können. Es muss von vornherein ein chirurgisches Vorgehen (z.B. ein Access Flap oder regenerative Maßnahmen) für diesen Zahn eingeplant werden, um eine Chance auf Erhalt zu haben.
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