Lektion 8: Die implantatgetragene Brücke – Biomechanische Prinzipien
A. Klinische Relevanz
Wenn mehrere Zähne fehlen, dienen Implantate als Pfeiler für eine festsitzende Brücke. Im Gegensatz zu einer Brücke auf natürlichen Zähnen, die eine gewisse Flexibilität durch das Desmodont aufweisen, ist eine Implantatbrücke eine starre Konstruktion auf einem unbeweglichen Fundament. Dies stellt extrem hohe Anforderungen an die biomechanische Planung und die technische Präzision. Das Verständnis der grundlegenden statischen Prinzipien ist entscheidend, um Überlastungen der Implantate, Materialfrakturen oder Schraubenlockerungen zu vermeiden und eine langlebige, stabile Versorgung zu gewährleisten.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das oberste Gebot: Der passive Sitz (“Passive Fit”) Dies ist das wichtigste Konzept für mehrgliedrigen, implantatgetragenen Zahnersatz.
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Definition: Das Brückengerüst muss absolut spannungsfrei auf den Implantat-Abutments sitzen. Es darf keinerlei “Wackeln” oder “Klemmen” geben.
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Rationale: Da Implantate osseointegriert und starr sind, kann jede Ungenauigkeit im Gerüst nicht durch eine Eigenbeweglichkeit der Pfeiler ausgeglichen werden. Permanente Spannung im System würde zu mechanischen Komplikationen (Schraubenlockerung, Gerüstfraktur) oder, schlimmer noch, zu biologischen Komplikationen (Knochenabbau durch Überlastung, Implantatverlust) führen.
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Konsequenz: Erfordert höchste Präzision bei der Abformung und der zahntechnischen Herstellung.
2. Biomechanische Design-Prinzipien
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a) Die A-P-Spreizung (Anterior-Posterior Spread):
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Definition: Der Abstand zwischen dem Zentrum des vordersten (anterioren) und des hintersten (posterioren) Implantats. Dies ist die Größe des “Abstützungs-Polygons”.
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Die Hebelarm-Regel (Freiendbrücke/Cantilever): Ein Freiend-Brückenglied ist der Teil der Brücke, der über das letzte Implantat hinausragt. Die maximal empfohlene Länge dieses Hebels sollte das 1,5-fache der A-P-Spreizung nicht überschreiten.
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Beispiel: Beträgt der Abstand zwischen zwei Implantaten (A-P-Spreizung) 10 mm, sollte das distale Freiend-Brückenglied nicht länger als 15 mm sein.
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b) Anzahl und Verteilung der Implantate:
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Grundregel: Idealerweise wird jeder fehlende Zahn durch ein Implantat ersetzt.
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Brückenregel: Es sollten maximal zwei fehlende Zähne (zwei Pontics) durch eine Brücke auf zwei Implantaten ersetzt werden. Der Ersatz von drei Zähnen auf nur zwei Implantaten ist biomechanisch sehr riskant.
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Verteilung: Die Implantate sollten so weit wie möglich im Kiefer verteilt werden, um die A-P-Spreizung und damit die Stabilität der Konstruktion zu maximieren.
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c) Die Verbindung von Implantaten und natürlichen Zähnen:
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Problem: Dies ist ein hochkontroverses Thema und wird heute als kontraindiziert angesehen. Ein natürlicher Zahn hat eine physiologische Beweglichkeit im Desmodont (ca. 25-100 µm), ein Implantat ist starr (Beweglichkeit < 10 µm).
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Konsequenz: Wird eine starre Brücke zwischen einem mobilen Zahn und einem starren Implantat gebaut, wirkt der mobile Zahn wie ein “loser Pfosten”. Die gesamte Kaulast konzentriert sich auf das starre Implantat und überlastet es. Die häufigste Spätkomplikation ist die Intrusion (das “Einsinken”) des natürlichen Pfeilerzahnes.
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Fazit: Wann immer möglich, sollten Implantate und natürliche Zähne nicht durch eine festsitzende Brücke starr miteinander verbunden werden.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Bedeutung der Verschraubung: Bei mehrgliedrigen Versorgungen ist eine verschraubte Konstruktion der Standard of Care. Sie ist die einzige Methode, die eine Reversibilität gewährleistet, um die Brücke für Wartungsarbeiten oder zur Behebung von Komplikationen (z.B. Schraubenlockerung) einfach und zerstörungsfrei abnehmen zu können.
Fallbeispiel: Versorgung einer Freiendlücke
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Szenario: Einem Patienten fehlen die Zähne 36 und 37. Zahn 35 ist gesund. Der Patient wünscht eine festsitzende Versorgung.
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Analyse der Behandlungsoptionen:
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Option A (Schlecht): Eine Brücke vom natürlichen Zahn 35 auf ein einzelnes Implantat an Position 37. Dies würde den mobilen Zahn 35 mit dem starren Implantat verbinden – ein biomechanischer Kunstfehler.
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Option B (Besser, aber kompromissbehaftet): Zwei Implantate an Position 35 und 36 und ein Freiend-Brückenglied für Zahn 37. Dies würde Zahn 35 schonen, erzeugt aber einen Hebelarm.
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Option C (Ideal): Zwei Implantate an Position 36 und 37, die die beiden fehlenden Molaren ersetzen.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Option C wird gewählt. Es werden zwei Implantate gesetzt.
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Planung: Es wird eine zweigliedrige, verschraubte Brücke von Implantat 36 auf 37 geplant.
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Herstellung: Im Labor wird ein hochpräzises, spannungsfrei passendes Gerüst (z.B. aus Zirkonoxid) gefräst.
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Eingliederung: Die Brücke wird eingesetzt, und der passive Sitz wird sorgfältig überprüft (z.B. durch den “Sheffield-Test” – eine Schraube wird angezogen, an der anderen darf kein Spalt entstehen). Anschließend werden beide Schrauben mit dem vorgeschriebenen Drehmoment angezogen.
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Ergebnis: Der Patient erhält eine stabile und biomechanisch korrekte Versorgung. Die Kaukräfte werden physiologisch auf zwei Implantatpfeiler verteilt. Der natürliche Zahn 35 wurde geschont. Die Verschraubung sichert die zukünftige Wartbarkeit.