Lektion 8: Das International Caries Detection and Assessment System (ICDAS)
A. Klinische Relevanz
Das ICDAS ist der international anerkannte Goldstandard für die visuelle Kariesdiagnostik. Es bietet eine standardisierte und evidenzbasierte Methode, um das gesamte Spektrum der Karies abzubilden – von der ersten, mit bloßem Auge sichtbaren Veränderung im Schmelz bis hin zur tiefen Dentinläsion. Für den Kliniker ist die Beherrschung des ICDAS-Systems von enormem Vorteil: Es ermöglicht eine präzise, reproduzierbare Diagnostik, eine objektive Verlaufsbeobachtung von Läsionen (Monitoring) und vor allem eine direkte Verknüpfung des Befundes mit einer adäquaten, minimalinvasiven Therapieentscheidung. Es ersetzt die vage Frage “Ist da ein Loch?” durch die wissenschaftliche Frage “In welchem Stadium befindet sich die Läsion und ist sie aktiv?”.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundprinzipien des ICDAS ICDAS ist ein System zur Stadieneinteilung der Karies, das auf einer systematischen visuellen Inspektion einer sauberen und trockenen Zahnoberfläche basiert. Eine stumpfe Sonde (WHO-Sonde) wird ausschließlich zur Plaque-Entfernung und zur sanften Prüfung der Oberflächentextur verwendet, niemals zum kraftvollen Sondieren.
2. Die ICDAS-Koronalkaries-Codes Das System klassifiziert die Karies in sieben Stufen (Code 0 bis 6), die den histologischen Schweregrad der Läsion widerspiegeln.
3. Essenzielle Ergänzung: Die Aktivitätsbeurteilung Ein ICDAS-Code allein ist nur die halbe Miete. Er muss zwingend mit einer Einschätzung der Läsionsaktivität kombiniert werden, um eine Therapieentscheidung zu treffen.
4. Die Verknüpfung von ICDAS-Code und Therapie Die Kombination aus Code und Aktivität führt direkt zu einer evidenzbasierten Handlungsempfehlung:
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ICDAS 1 & 2 (nicht-kavitiert):
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Aktiv: Nicht-invasive Therapie. Kausale Behandlung durch Optimierung von Mundhygiene, Ernährungslenkung und professionelle Fluoridierung zur Förderung der Remineralisation.
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Inaktiv: Keine Therapie. “Watchful waiting” und regelmäßiges Monitoring.
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ICDAS 3 (Mikro-Kavitation):
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Dies ist ein Übergangsstadium. Je nach Kariesrisiko des Patienten kommen mikro-invasive (Kariesinfiltration mit Icon®) bis minimalinvasive (erweiterte Fissurenversiegelung, kleine präventive Restauration) Maßnahmen in Frage.
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ICDAS 4, 5, 6 (Dentin-Kavitation):
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Diese Stadien erfordern in der Regel eine invasive, restaurative Therapie (Füllung). Die Größe der Läsion bestimmt die Ausdehnung der Kavitätenpräparation.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der diagnostische Denkprozess: Bei jeder Fissur folgt der Kliniker einem Entscheidungsbaum: Ist die Oberfläche nach dem Trocknen opak (mind. Code 1)? Wenn ja, war es schon nass sichtbar (Code 2)? Fällt die Sonde in einen Defekt (Code 3)? Scheint ein Schatten durch (Code 4)? Ist Dentin sichtbar (Code 5 oder 6)? Anschließend wird die Aktivität bewertet.
Fallbeispiel:
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Szenario: Bei einer 28-jährigen Patientin mit niedrigem Kariesrisiko wird an Zahn 36 okklusal in der Fissur eine schmale, dunkelbraune Linie entdeckt.
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Diagnostisches Vorgehen nach ICDAS:
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Reinigung & Trocknung: Die Fissur wird gereinigt und für 5 Sekunden trockengeblasen. Die Linie ist bereits auf nassem Zahn deutlich sichtbar.
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Visuelle Prüfung: Es ist kein unterliegender Dentinschatten (Code 4) und keine Kavität (Code 3, 5, 6) zu erkennen. Der umgebende Schmelz ist transluzent.
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Taktile Prüfung: Eine stumpfe Sonde fährt über die Fissur. Die Oberfläche ist glatt und extrem hart.
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Diagnose: ICDAS Code 2.
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Aktivitätsbeurteilung: Die glatte, harte Oberfläche und die dunkle Farbe sind starke Indikatoren für eine inaktive, arretierte Läsion.
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Klinische Schlussfolgerung:
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Befund: Inaktive Schmelzläsion (ICDAS 2).
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Therapie: Keine. Der Patientin wird der Befund erklärt (“eine alte, zum Stillstand gekommene Kariesnarbe”). Es wird ein Vermerk in der Akte gemacht, um den Befund bei der nächsten Kontrolle zu vergleichen. Eine Füllung wäre eine massive Übertherapie und ein klarer Behandlungsfehler.
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