Lektion 8: Besonderheiten der Kariestherapie im Milchgebiss – Präparation und Materialwahl

A. Klinische Relevanz

 

Die Füllungstherapie an einem Milchzahn unterscheidet sich fundamental von der an einem bleibenden Zahn. Die abweichende Anatomie (dünnerer Schmelz, größere Pulpa), die begrenzte Kooperation des Kindes und das primäre Therapieziel – der Zahnerhalt bis zum physiologischen Zahnwechsel – erfordern angepasste Präparationsphilosophien und eine spezifische Materialauswahl. Ein “Copy and Paste” der Techniken aus der Erwachsenenzahnmedizin führt unweigerlich zu Misserfolgen, wie z.B. iatrogenen Pulpaeröffnungen oder Füllungsverlusten. Diese Lektion vermittelt die Grundprinzipien der Milchzahn-Restauration, die auf Effizienz, biologischer Verträglichkeit und Langlebigkeit bis zur Exfoliation abzielen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Ziel: Erhalt des funktionellen Platzhalters Das primäre Ziel der Milchzahntherapie ist die Beseitigung der Infektion und Entzündung, um den Zahn schmerzfrei und funktionstüchtig als natürlichen Platzhalter für den nachfolgenden bleibenden Zahn zu erhalten.

2. Besonderheiten der Kavitätenpräparation im Milchgebiss Die Präparation muss die einzigartige Anatomie des Milchzahnes berücksichtigen.

  • Flacher als im bleibenden Gebiss: Aufgrund der höheren Pulpahörner und der dünneren Hartsubstanzschichten muss die Kavitätenpräparation, insbesondere der pulpae Boden, deutlich flacher sein, um eine Pulpaeröffnung zu vermeiden.

  • Breiter statt tiefer: Die Ausdehnung erfolgt eher in die Breite (Einbeziehung des gesamten Fissurensystems), um retentive Nischen zu eliminieren, als in die Tiefe.

  • Abgerundete innere Kanten: Wie im bleibenden Gebiss, um Spannungsspitzen zu reduzieren.

  • Keine Anschrägung der Schmelzränder: Im Gegensatz zur Komposit-Präparation bei bleibenden Zähnen werden die Schmelzränder am Milchzahn in der Regel nicht angeschrägt. Der Verlauf der Schmelzprismen im zervikalen Bereich ist anders, sodass eine Anschrägung zu schwachen, ungestützten Prismen führen würde. Ein 90°-Kontaktwinkel (“Butt-Joint”) ist zu bevorzugen.

3. Materialwahl – Ein risikoadaptierter Entscheidungsprozess Die Materialwahl hängt von der Defektgröße, der Kooperation des Kindes (Behandlungszeit, Möglichkeit der Trockenlegung) und dem individuellen Kariesrisiko ab.

Material Vorteile Nachteile Hauptindikation im Milchgebiss
Glasionomerzement (GIZ / KM-GIZ) Fluoridfreisetzung – Chemische Adhäsion – Relativ feuchtigkeitstolerant – Geringere Abrasionsfestigkeit Kleine bis mittelgroße Füllungen, insbesondere bei hohem Kariesrisiko oder schwieriger Trockenlegung.
Kompomer – Bessere Ästhetik & Festigkeit als GIZ – Fluoridfreisetzung (weniger als GIZ) – Einfache Applikation – Benötigt Adhäsivtechnik (feuchtigkeitsempfindlich) Der “Allrounder” für kleine bis mittelgroße Füllungen bei moderatem Risiko und guter Kooperation.
Komposit Beste Ästhetik & Festigkeit Sehr feuchtigkeitsempfindlich – Aufwendige Schichttechnik – Hoher Polymerisationsstress Frontzahn-Aufbauten, sehr kleine Füllungen bei niedrigem Kariesrisiko und optimaler Kooperation, wenn eine perfekte Trockenlegung garantiert werden kann.
Konfektionierte Stahlkrone Langlebigste & haltbarste Versorgung – Schützt den gesamten Zahn – Sehr feuchtigkeitstolerant – Mangelnde Ästhetik Große, mehrflächige Defekte, Zähne nach Pulpotomie, bei Bruxismus, bei massivem Kariesbefall (ECC).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Der klinische Entscheidungsbaum:

  1. Kann der Zahn adäquat trockengelegt werden?

    • Nein -> GIZ oder Stahlkrone.

    • Ja -> weiter zu 2.

  2. Wie hoch ist das Kariesrisiko des Kindes?

    • Hoch -> Material mit Fluoridabgabe bevorzugen (GIZ, Kompomer, Stahlkrone).

    • Niedrig -> Ästhetik und Abrasionsfestigkeit können priorisiert werden (Kompomer, Komposit).

  3. Wie groß ist der Defekt?

    • Groß / mehrflächig / nach Pulpa-Behandlung -> Stahlkrone ist oft die beste Wahl.

    • Klein / 1-2-flächig -> Direkte Füllung ist indiziert.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 5-jähriges, kooperatives Kind (Frankl 4) hat eine mittelgroße, Zwei-Flächen-Karies (okklusal-mesial) an Zahn 75. Das allgemeine Kariesrisiko ist moderat.

  • Analyse:

    • Kooperation & Trockenlegung: Eine gute relative Trockenlegung für eine moderate Zeit ist möglich.

    • Kariesrisiko: Moderat. Ein Material mit etwas Fluoridabgabe ist vorteilhaft, aber nicht zwingend.

    • Defektgröße: Erfordert eine stabile Füllung, aber noch keine Krone.

  • Klinische Konsequenz & Materialwahl: Ein Kompomer ist in diesem Fall eine exzellente Wahl. Es bietet eine bessere Haltbarkeit als ein GIZ, ist aber einfacher und schneller zu verarbeiten als ein aufwendiges Komposit und bietet trotzdem eine gewisse protektive Fluoridabgabe.

  • Präparation: Der Behandler führt eine flache Präparation durch, die alle Fissuren miteinbezieht, um Retentionsnischen zu vermeiden. Der approximale Kasten wird ohne Unterschnitte und mit abgerundeten inneren Kanten gestaltet. Die Ränder werden nicht angeschrägt.

  • Ergebnis: Eine funktionelle und haltbare Restauration, die den Zahn bis zu seinem physiologischen Ausfallen schützt und in einer für das Kind angenehm kurzen Sitzung gelegt werden konnte.