Lektion 8: Auxiliaries in der festen Zahnspange: Gummiketten, Powerchains, Federn und ihre spezifischen Anwendungen

A. Klinische Relevanz
Neben den Hauptbögen sind eine Vielzahl von Hilfselementen – sogenannte Auxiliaries – unverzichtbare Werkzeuge in der festen Kieferorthopädie. Sie üben spezifische, oft hochgradig kontrollierte Kräfte aus, um gezielte Zahnbewegungen wie Lückenschluss, Rotationen oder das Schließen von Restspalten durchzuführen. Die richtige Auswahl und Anwendung dieser Elemente ist entscheidend für die Effizienz der Behandlung.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Elastische Auxiliaries: Gummiketten & Powerchains

Diese Elemente erzeugen ihre Kraft durch elastische Dehnung.

 
 
Auxiliary Beschreibung & Varianten Kraftcharakteristik Hauptanwendung
Gummikette (Elastomeric Chain) Eine Kette aus vielen miteinander verbundenen elastomeren Ringen. Initial hohe Kraft, die rasch abfällt (Kraftverlust). Muss alle 4-6 Wochen gewechselt werden. • Schließen kleiner Lücken und Restspalten.
• Leichte Distalisierung oder Mesialisierung von Zähnen.
• Rotationen (durch spezifische Anbringung).
Powerchain Eine geschlossene, durchgehende Version der Gummikette ohne Unterbrechungen. Etwas konstantere Kraft als eine offene Kette. • Kontinuierlicher Lückenschluss über mehrere Zähne hinweg.
• Besser für den vollständigen Lückenschluss nach Extraktionen geeignet.

2. Mechanische Auxiliaries: Federn

Federn aus Metall (meist Edelstahl) erzeugen eine viel konstantere Kraft über einen größeren Dehnungsbereich.

  • Schließfeder (Niti-Schließfeder):

    • Prinzip: Eine vorgespannte Feder aus Nickel-Titan, die sich zusammenzuziehen versucht.

    • Kraftcharakteristik: Leichte, superelastische und nahezu konstante Kraft über einen weiten Bereich ( ähnlich einem NiTi-Bogen).

    • Vorteil: Sehr gewebeschonend und effektiv für kontinuierlichen Lückenschluss.

    • Anwendung: Idealer Ersatz für Powerchains, besonders bei empfindlichen Parodontien oder wenn konstante Kräfte erwünscht sind.

  • Offene Feder (Kompressionfeder):

    • Prinzip: Eine Metallfeder, die zwischen zwei Punkten komprimiert wird und sich ausdehnen möchte.

    • Kraftcharakteristik: Konstante, aber relativ hohe Kraft. Die Kraft ist einstellbar durch das Ausmaß der Kompression.

    • Anwendung: Zum Öffnen von Lücken (z.B. vor dem Einsetzen eines Implantats) oder zur Distalisierung einzelner Zähne.

3. Spezielle Anwendung: Rotationen korrigieren

Für Rotationen können Gummiketten oder spezielle Elastics kreativ genutzt werden:

  • “Figure-8” Ligatur: Eine Gummikette oder ein Elastomeric wird in Form einer “8” um das Bracket eines rotierten Zahns und um den Hauptbogen gewickelt. Dies erzeugt ein Kräftepaar (Couple), das den Zahn effizient derotiert.

4. Kraftniveaus und klinische Steuerung

  • Kraftniveau: Die Wahl zwischen Kette und Feder hängt vom benötigten Kraftniveau ab. Für den präzisen Lückenschluss unter Wurzelkontrolle sind leichte, konstante Kräfte (Schließfedern) oft besser als die hohen, schnell nachlassenden Kräfte von Ketten.

  • Aktivierungsintervall: Gummiketten müssen regelmäßig gewechselt werden (4-6 Wochen), da sie erschlaffen. Federn können über längere Zeiträume aktiv bleiben.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Schließen von Extraktionslücken

  • Szenario: Ein Patient nach Extraktion der vier ersten Prämolaren. Der Lückenschluss soll eingeleitet werden.

  • Analyse: Es wird ein kontinuierlicher, schonender Lückenschluss unter Kontrolle der Verankerung angestrebt.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es gibt zwei gängige Ansätze:

    1. Mit Powerchain: Eine lange Powerchain wird von Molaren zu Molaren gespannt, um alle Lücken gleichzeitig zu schließen. Vorteil: Einfach. Nachteil: Hohe initiale Kraft, Kraftverlust, geringere individuelle Kontrolle.

    2. Mit Niti-Schließfedern (empfohlen): Für jede Lücke wird eine individuelle NiTi-Schließfeder angebracht. Vorteil: Konstante, leichte und gewebeschonende Kraft. Der Behandler kann jede Lücke unabhängig voneinander steuern und die Verankerung besser überwachen.

Fallbeispiel 2: Schließen eines Diastema mediale

  • Szenario: Eine Patientin mit einer Lücke zwischen den oberen mittleren Schneidezähnen.

  • Analyse: Es muss eine einzelne, genau kontrollierte Lücke geschlossen werden.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die einfachste und effektivste Methode ist eine kurze Gummikette oder Powerchain, die nur die beiden Zähne 11 und 21 verbindet. Da die Kraft nur über eine sehr kurze Distanz wirkt, ist der Kraftverlust gering und der Lückenschluss schnell erreicht.

Fallbeispiel 3: Distalisierung eines Eckzahns

  • Szenario: Ein oberer Eckzahn ist palatinal verlagert und nach Durchbruch mesial seines Platzangebots stehen geblieben. Er muss nach distal bewegt werden, um Platz für die Einordnung zu schaffen.

  • Analyse: Es ist eine gezielte, kraftkontrollierte Bewegung eines einzelnen Zahns nötig.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine Offene Feder (Kompressionfeder) wird zwischen dem Bracket des Eckzahns und dem Bracket des ersten Molaren (als Anker) platziert und komprimiert. Die Feder übt eine konstante Distalisierungskraft auf den Eckzahn aus. Diese Methode ist deutlich vorhersagbarer und kontrollierter als der Versuch, den Zahn mit einer Gummikette zu bewegen.

Fallbeispiel 4: Derotierung eines Prämolaren

  • Szenario: Ein zweiter unterer Prämolar ist um 90° gedreht.

  • Analyse: Zur Derotierung ist ein reines Drehmoment (Kräftepaar) notwendig.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es wird eine “Figure-8” Ligatur aus einem elastomeren Ring oder einer dünnen Gummikette um das Bracket des Zahnes und den Bogen gelegt. Diese Konfiguration erzeugt genau das benötigte Kräftepaar, um den Zahn effizient zu derotieren, oft unterstützt durch den geraden Draht im Bracket-Slot.