Lektion 7: Schilddrüsenerkrankungen (Hyper- und Hypothyreose) und die Interaktion mit Adrenalin

A. Klinische Relevanz

 

Erkrankungen der Schilddrüse sind weit verbreitete endokrine Störungen, die den gesamten Stoffwechsel des Körpers beeinflussen. Für den Zahnarzt ist insbesondere die unbehandelte oder schlecht eingestellte Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) von höchster klinischer Relevanz. Diese Patienten haben eine massiv erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Katecholaminen wie Adrenalin, dem Standard-Vasokonstriktor in unseren Lokalanästhetika. Eine Adrenalin-Gabe bei diesen Patienten kann im schlimmsten Fall eine lebensbedrohliche thyreotoxische Krise auslösen. Die Fähigkeit, die Symptome einer potenziellen Hyperthyreose zu erkennen und das Behandlungsregime entsprechend anzupassen, ist daher ein wichtiger Aspekt der Patientensicherheit.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Physiologische Grundlagen Die Schilddrüse produziert die Hormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin), die als “Gaspedal” des Körpers fungieren. Sie regulieren die Geschwindigkeit des gesamten Stoffwechsels und erhöhen die Empfindlichkeit des Herz-Kreislauf-Systems auf Adrenalin und Noradrenalin.

2. Die Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)

  • Definition: Mangel an Schilddrüsenhormonen. Der Stoffwechsel läuft auf “Sparflamme”.

  • Ursachen: Häufigste Ursache ist die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis.

  • Klinik: Gewichtszunahme, Kälteintoleranz, Müdigkeit, depressive Verstimmung, Bradykardie (langsamer Puls), trockene Haut.

  • Zahnärztliche Relevanz: Ein gut mit L-Thyroxin-Tabletten eingestellter Patient ist für die zahnärztliche Behandlung unproblematisch. Es kann eine leicht erhöhte Empfindlichkeit auf sedierende Medikamente bestehen.

3. Die Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) / Thyreotoxikose

  • Definition: Überschuss an Schilddrüsenhormonen. Der Stoffwechsel läuft auf “Hochtouren”.

  • Ursachen: Häufigste Ursache ist die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow.

  • Klinik (Symptome eines überaktiven Stoffwechsels):

    • Unbeabsichtigter Gewichtsverlust trotz guten Appetits.

    • Hitzeintoleranz, starkes Schwitzen.

    • Nervosität, Reizbarkeit, feinschlägiger Tremor der Hände.

    • Kardiovaskulär: Tachykardie (Herzrasen), Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck.

    • Exophthalmus (hervortretende Augen bei Morbus Basedow).

  • Die entscheidende Interaktion: Überschüssige Schilddrüsenhormone erhöhen die Anzahl und die Empfindlichkeit der Beta-adrenergen Rezeptoren am Herzen. Das Herz wird extrem empfindlich für die Wirkung von Adrenalin.

4. Der Notfall: Die thyreotoxische Krise (“Thyroid Storm”)

  • Definition: Eine seltene, aber lebensbedrohliche, akute Exazerbation der Hyperthyreose.

  • Auslöser in der Zahnarztpraxis: Kann bei einem unbehandelten oder schlecht eingestellten Hyperthyreose-Patienten durch Stress, eine akute Infektion oder die Injektion einer größeren Menge Adrenalin ausgelöst werden.

  • Klinik: Plötzlicher Ausbruch von hohem Fieber, massiver Tachykardie (>140/min), Herzrhythmusstörungen, starker Unruhe, Delirium bis hin zum Koma und Herz-Kreislauf-Versagen.

  • Management: Absoluter medizinischer Notfall! Sofortiger Notruf (112).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Anamnese und Management:

  • Schlüsselfragen: “Haben Sie eine Schilddrüsenerkrankung?”, “Nehmen Sie Medikamente dafür?”, “Haben Sie in letzter Zeit unerklärlich abgenommen oder leiden Sie unter Herzrasen?”.

  • Der gut eingestellte Patient: Ein Patient unter Therapie (sowohl für Hypo- als auch Hyperthyreose), der regelmäßig ärztlich kontrolliert wird, kann normal behandelt werden. Die Anwendung von adrenalinhaltigen Lokalanästhetika in der üblichen, limitierten Dosierung ist sicher.

  • Der Verdachtsfall: Ein Patient mit klinischen Anzeichen einer unbehandelten Hyperthyreose (z.B. Ruhepuls > 100/min, Tremor, Nervosität) sollte keine elektiven zahnärztlichen Eingriffe erhalten.

    • Vorgehen: Überweisung an den Hausarzt/Endokrinologen zur Abklärung. Bis zur medikamentösen Einstellung sollten nur Notfallbehandlungen, idealerweise ohne Adrenalin-Zusatz (z.B. mit Mepivacain ohne Vasokonstriktor), durchgeführt werden.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 40-jährige Patientin, die bisher nie beim Arzt war, kommt zur Extraktion eines Zahnes. Sie wirkt extrem agitiert und nervös, ihre Hände zittern leicht. Ihr Ruhepuls, den die Assistenz misst, beträgt 115/min.

  • Analyse: Die Konstellation aus Agitation, Tremor und Tachykardie ist hochgradig verdächtig für eine unentdeckte Hyperthyreose. Eine Extraktion mit einem adrenalinhaltigen Lokalanästhetikum birgt hier ein unkalkulierbares Risiko.

  • Klinische Konsequenz & Management:

    1. Behandlungsaufschub: Der Zahnarzt entscheidet, die elektive Extraktion zu verschieben.

    2. Aufklärung und Überweisung: Er erklärt der Patientin ruhig: “Ihr Puls ist heute sehr schnell, und Sie wirken sehr angespannt. Das kann viele Ursachen haben, aber manchmal ist es ein Zeichen dafür, dass die Schilddrüse überaktiv ist. Bevor wir den Zahn ziehen, möchte ich Sie bitten, dies sicherheitshalber bei Ihrem Hausarzt abklären zu lassen.”

    3. Dokumentation: Der Verdacht und die Überweisung werden in der Akte dokumentiert.

  • Weiterer Verlauf: Die Patientin geht zum Hausarzt. Die Laboruntersuchung bestätigt eine schwere Hyperthyreose (Morbus Basedow). Sie wird medikamentös mit Thyreostatika eingestellt.

  • Ergebnis: Einige Monate später kommt sie mit normalisierter Schilddrüsenfunktion und einem Ruhepuls von 75/min wieder in die Praxis. Die Extraktion kann nun unter normalen Vorsichtsmaßnahmen sicher durchgeführt werden. Der Zahnarzt hat durch seine aufmerksame klinische Beobachtung eine potenziell gefährliche Situation vermieden und eine wichtige medizinische Diagnose initiiert.