Lektion 7: Notfälle am Kiefergelenk: Akute Luxation und traumatische Verletzungen

A. Klinische Relevanz
Akute Notfälle im Bereich der Kiefergelenke sind für den Patienten äußerst beängstigend und schmerzhaft. Sie reichen von der schmerzhaften Verrenkung (Luxation) bis zu schweren Frakturen im Rahmen eines Gesichtstraumas. Der Zahnarzt muss in der Lage sein, diese Zustände zu erkennen, eine akute Luxation sofort zu reponieren und bei Frakturen die notwendige weitere Diagnostik und Überweisung zu veranlassen.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Die akute Kiefergelenkluxation

  • Pathomechanismus: Der Kondylus überschreitet bei extremer Mundöffnung (z.B. beim Gähnen, Zahnarztbehandlung) den Gelenkhöcker (Tuberculum articulare) und verkeilt sich anterior davon. Die Kaumuskulatur verkrampft reflektorisch und verhindert die Rückführung.

  • Klinik:

    • Der Mund steht offen und kann nicht geschlossen werden.

    • Starke Schmerzen präaurikulär.

    • Die Wangen sind abgeflacht, die Kieferwinkel prominent.

    • Speichelfluss durch die offene Mundstellung.

  • Therapie: Die Reposition

    • Prinzip: Der Kondylus muss über den Gelenkhöcker zurückgeführt werden, indem man ihn zunächst nach kaudal drückt, um die Muskulatur zu dehnen, und dann nach dorsal in die Gelenkpfanne schiebt.

    • Durchführung (nach Hippokrates):

      1. Der Patient sitzt aufrecht, der Kopf ist an der Stuhllehne oder einer Wand fixiert.

      2. Der Behandler umfasst den Unterkiefer von vorne, die Daumen liegen auf den Molaren (auf ein Tuch, um Bissverletzungen zu vermeiden).

      3. Es wird kräftig nach unten gedrückt, um die Muskulatur zu überwinden.

      4. Dann wird der Unterkiefer schnell nach hinten oben geführt.

      5. Ein hörbares “Klicken” signalisiert die erfolgreiche Reposition.

2. Traumatische Verletzungen des Kiefergelenks

  • Kondylushalsfraktur:

    • Häufigste Kiefergelenksfraktur. Oft indirekt durch Kinnaufprall.

    • Klinik: Schmerzen, Schwellung präaurikulär, Okklusionsstörung (offener Biss auf der Gegenseite), Mundöffnungseinschränkung, Deviation zur Frakturseite.

    • Diagnostik: OPG, DVT.

  • Intrakapsuläre Fraktur: Beteiligung der Gelenkfläche selbst. Schwerwiegender, höheres Risiko für Ankylose und Arthrose.

3. Differenzialdiagnose: Der “Closed Lock”

Eine akute Diskusverlagerung ohne Reposition kann klinisch ähnlich erscheinen (Mundöffnungseinschränkung), hat aber eine andere Ursache.

 
 
Merkmal Akute Luxation Akute Diskusverlagerung ohne Reposition (“Closed Lock”)
Mundstellung Maximal geöffnet, kann nicht geschlossen werden. Eingeschränkt geöffnet (25-30 mm), kann geschlossen werden.
Kondylusposition im OPG Vor dem Tuberculum articulare. In der Gelenkpfanne, aber keine Translation möglich.
Therapie Manuelle Reposition. Manuelle Therapie, Schiene, ggf. Arthrozentese.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Die Luxation nach dem Gähnen

Szenario: Ein Patient kommt in die Praxis, der Mund steht weit offen. Er berichtet, dass er beim morgendlichen Gähnen ein “Knacken” spürte und den Mund seitdem nicht mehr schließen kann.

Analyse: Klinisches Bild einer akuten beidseitigen Kiefergelenkluxation.

Notfalltherapie:

  1. Beruhigung: Den Patienten beruhigen und den Vorgang erklären.

  2. Repositionsversuch: Unter kurzer Sedierung oder nach Gabe eines Muskelrelaxans wird die Reposition nach Hippokrates durchgeführt.

  3. Nachbehandlung: Erfolgreiche Reposition. Der Patient wird angewiesen, für einige Tage weiche Kost zu essen und extremes Gähnen zu vermeiden. Bei rezidivierenden Luxationen ist eine längerfristige Therapie (z.B. mit Schiene) oder eine operative Kapselraffung zu erwägen.

Fallbeispiel 2: Die einseitige Luxation

Szenario: Nach einer langen zahnärztlichen Behandlung kann der Patient den Mund nicht mehr vollständig schließen. Das Kinn erscheint nach links verschoben.

Analyse: Verdacht auf einseitige Luxation der rechten Seite.

Notfalltherapie:

  1. Untersuchung: Die Palpation vor dem rechten Ohr ergibt eine leere Gelenkpfanne.

  2. Reposition: Die Reposition wird durchgeführt, wobei der Druck auf die betroffene Seite konzentriert wird.

  3. Kontrolle: Nach dem “Klick” ist die Okklusion sofort wieder normal.

Fallbeispiel 3: Die Kiefergelenksfraktur nach Sturz

Szenario: Ein Kind ist mit dem Fahrrad gestürzt und hat sich das Kinn geprellt. Es klagt über Schmerzen am rechten Ohr und dass die Zähne “nicht mehr richtig zusammenpassen”. Klinisch ist eine Stufe im Bereich des rechten Kiefergelenks tastbar.

Analyse: Verdacht auf eine Kondylushalsfraktur rechts.

Notfallmanagement:

  1. Diagnostik: Anfertigung eines OPG. Dies zeigt eine dislozierte Fraktur des rechten Kondylushalses.

  2. Überweisung: Sofortige Überweisung in eine MKG-chirurgische Klinik.

  3. Therapie in der Klinik: Abhängig vom Ausmaß der Dislokation und dem Alter des Kindes wird konservativ (mit Schienung und Physiotherapie) oder chirurgisch (mit offener Reposition und Osteosynthese) behandelt.