Lektion 7: Komplikationen und systemische Toxizität von Lokalanästhetika

A. Klinische Relevanz

 

Obwohl Lokalanästhetika bei korrekter Anwendung zu den sichersten Medikamenten in der Medizin gehören, sind sie nicht frei von Risiken. Unerwünschte Reaktionen reichen von der häufigen, psychogen bedingten Ohnmacht bis zur seltenen, aber potenziell tödlichen systemischen Überdosierung. Jeder Zahnarzt muss in der Lage sein, die verschiedenen Komplikationen zu differenzieren, ihre Anzeichen frühzeitig zu erkennen und die grundlegenden Notfallmaßnahmen einzuleiten. Die Kenntnis der präventiven Strategien, insbesondere der korrekten Injektionstechnik, ist der Schlüssel zur Gewährleistung der Patientensicherheit bei jeder Anästhesie.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Psychogene Reaktionen (Die häufigsten “Komplikationen”) Diese Reaktionen werden durch die Angst des Patienten vor der Injektion ausgelöst, nicht durch den Wirkstoff selbst.

  • Vasovagale Synkope (Ohnmacht): Die häufigste Notfallsituation in der Zahnarztpraxis.

    • Mechanismus: Stress führt zu einer Fehlregulation des vegetativen Nervensystems mit einem plötzlichen Abfall von Blutdruck und Herzfrequenz.

    • Klinik: Blässe, kalter Schweiß, Übelkeit, gefolgt von einem kurzen Bewusstseinsverlust.

  • Hyperventilations-Syndrom: Angstbedingte, schnelle und flache Atmung führt zu einer Abatmung von zu viel CO₂, was den pH-Wert des Blutes anhebt.

    • Klinik: Kribbeln in Fingern und um den Mund, Schwindel, Pfötchenstellung der Hände (Karpopedalspasmus).

2. Komplikationen durch den Vasokonstriktor (Adrenalin)

  • Ursache: Meist eine unbeabsichtigte, schnelle intravasale Injektion (Injektion in ein Blutgefäß).

  • Klinik: Sofortiger Wirkungseintritt (innerhalb von Sekunden). Der Patient berichtet über Herzrasen (Palpitationen), Unruhe, Zittern und Kopfschmerzen.

  • Verlauf: Die Symptome sind sehr unangenehm, aber aufgrund der kurzen Halbwertszeit von Adrenalin in der Regel kurzlebig (2-3 Minuten) und selbstlimitierend.

3. Lokale Komplikationen

  • Hämatom (“Blauer Fleck”): Verletzung eines Blutgefäßes mit Einblutung ins Gewebe.

  • Nervenschädigung: Eine sehr seltene Komplikation durch direktes Trauma eines Nervenstammes mit der Nadel, kann zu langanhaltenden Gefühlsstörungen (Parästhesien) führen.

4. Systemische Toxizität des Lokalanästhetikums (LAST) Dies ist die schwerwiegendste pharmakologische Komplikation. Sie tritt auf, wenn die Plasmakonzentration des Anästhetikums toxische Werte für das Zentralnervensystem (ZNS) und das Herz-Kreislauf-System erreicht.

  • Ursachen:

    • Absolute Überdosierung: Überschreiten der maximal zulässigen Dosis für das Körpergewicht des Patienten.

    • Relative Überdosierung: Eine versehentliche intravasale Injektion einer an sich therapeutischen Dosis. Dies ist die häufigste Ursache für schwere Zwischenfälle.

  • Der biphasische klinische Verlauf:

    • Phase 1: ZNS-Erregung:

      • Frühsymptome (Warnzeichen): Metallischer Geschmack, Taubheit der Zunge/Lippen, Ohrensausen (Tinnitus), Sehstörungen, Muskelzittern, Unruhe.

      • Spätsymptome: Generalisierter tonisch-klonischer Krampfanfall.

    • Phase 2: ZNS- und Kardiovaskuläre Depression:

      • Nach der Erregungsphase folgt eine schwere Dämpfung.

      • Symptome: Bewusstlosigkeit, Atemstillstand, massiver Blutdruckabfall, Bradykardie und letztlich Herz-Kreislauf-Stillstand.

Die entscheidenden Präventionsstrategien:

  1. Dosis berechnen: Insbesondere bei Kindern und leichten Erwachsenen die Maximaldosis kennen und nicht überschreiten.

  2. Aspirieren: Vor jeder Injektion ist eine Aspiration (kurzes Zurückziehen am Stempel) zwingend, um eine intravasale Lage der Nadel auszuschließen.

  3. Langsam injizieren: Eine langsame Injektionsgeschwindigkeit (ca. 1 Karpule pro Minute) ist die wichtigste Sicherheitsmaßnahme.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Das Management der vasovagalen Synkope:

  • Therapie: Simpel und effektiv.

    1. Behandlung sofort stoppen.

    2. Patienten in die Trendelenburg-Lagerung bringen (Kopf tief, Beine hoch), um die Blutzufuhr zum Gehirn zu verbessern.

    3. Für frische Luft sorgen, beengende Kleidung lockern.

    • Die Erholung erfolgt meist innerhalb von 1-2 Minuten spontan.

Fallbeispiel: Die intravasale Injektion

  • Szenario: Während einer Leitungsanästhesie im Unterkiefer wird der Patient plötzlich unruhig, blass und meldet: “Mein Herz rast wie verrückt!”

  • Analyse: Der plötzliche Beginn und die typischen Symptome sind eindeutige Zeichen einer Adrenalin-Reaktion durch eine intravasale Injektion. Es ist keine Allergie und keine LA-Toxizität.

  • Klinische Konsequenz & Management:

    1. Injektion sofort stoppen.

    2. Patienten beruhigen (“Reassurance”): Den Patienten aufrecht im Stuhl positionieren und ihm erklären: “Das ist eine normale, ungefährliche Reaktion auf das Adrenalin, das versehentlich in ein kleines Blutgefäß gelangt ist. Das ist unangenehm, geht aber in ein bis zwei Minuten von selbst wieder weg.”

    3. Vitalzeichen beobachten.

  • Ergebnis: Nach wenigen Minuten normalisiert sich der Zustand des Patienten. Die Anästhesie kann unter erneuter, sorgfältiger Aspiration fortgesetzt werden. Die korrekte Differenzierung der Symptome und die ruhige, aufklärende Reaktion des Behandlers sind hier entscheidend.