Lektion 7: Die monolithische Vollkeramik-Krone (Lithium-Disilikat & Zirkonoxid)

A. Klinische Relevanz

 

Vollkeramische Restaurationen sind der Goldstandard der modernen, ästhetischen Zahnheilkunde. Sie ermöglichen metallfreie Versorgungen mit einer unübertroffenen Biokompatibilität und einer natürlichen Lichtdynamik. Die Entwicklung von hochfesten Keramiken, insbesondere Lithium-Disilikat und Zirkonoxid, hat ihr Indikationsspektrum vom reinen Frontzahnbereich auf den kaubelasteten Seitenzahnbereich und sogar auf Brücken erweitert. Die monolithische (einstückige) Fertigung dieser Kronen vermeidet zudem das Risiko des “Chippings” (Abplatzen der Verblendung). Das Verständnis der fundamental unterschiedlichen Eigenschaften dieser beiden Keramik-Typen ist entscheidend für eine korrekte Materialauswahl und den klinischen Langzeiterfolg.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Konzept: Monolithische Restaurationen Im Gegensatz zur geschichteten VMK-Krone wird eine monolithische Krone aus einem einzigen, durchgefärbten Keramikblock gefräst (CAD/CAM) oder gepresst. Sie besteht aus einem einzigen Material, was sie extrem stabil macht, da es keine materialschwächende Grenzschicht zwischen Gerüst und Verblendung gibt.

2. Die Hochleistungskeramiken im direkten Vergleich

Eigenschaft Lithium-Disilikat-Keramik (Glaskeramik, z.B. IPS e.max) Zirkonoxid-Keramik (Zirkon) (Oxidkeramik, z.B. Katana™, BruxZir®)
Biegefestigkeit Hoch (ca. 400-500 MPa) Extrem hoch (ca. 800-1400 MPa)
Ästhetik Exzellent. Hohe Transluzenz und Opaleszenz, imitiert den natürlichen Schmelz perfekt. Gut bis sehr gut. Moderne Typen (“hochtransluzent”) sind ästhetisch ansprechend, aber prinzipiell opaker als Lithium-Disilikat.
Präparation Substanzschonend (okklusal ca. 1,5 mm) Am substanzschonendsten (okklusal nur ca. 0,7-1,2 mm nötig)
Befestigung Zwingend adhäsiv. Die Keramik ist spröde und erhält ihre Endfestigkeit erst durch den festen Klebeverbund mit dem Zahn. Kann adhäsiv (bevorzugt) oder bei retentiver Präparation auch konventionell zementiert werden.
Hauptindikation Ästhetik-kritische Zone: Einzelkronen (Front/Seite), Veneers, Teilkronen, kurze Brücken bis zum Prämolaren. Stabilitäts-kritische Zone: Einzelkronen im Molarenbereich, weitspannige Brücken.

3. Besondere Eigenschaften

  • Lithium-Disilikat: Gehört zur Gruppe der Glaskeramiken. Eingelagerte Lithium-Disilikat-Kristalle in einer Glasmatrix sorgen für die hohe Festigkeit bei gleichzeitig exzellenten optischen Eigenschaften.

  • Zirkonoxid: Gehört zur Gruppe der Oxidkeramiken. Seine extreme Bruchzähigkeit beruht auf dem Prinzip der Phasenumwandlungs-Verstärkung: An der Spitze eines Risses wandelt sich die Kristallstruktur des Materials um. Diese Umwandlung ist mit einer lokalen Volumenzunahme von ca. 4% verbunden, die einen Druck auf die Riss-Spitze ausübt, diese abrundet und den Riss am weiteren Wachstum hindert. Das Material “repariert” sich quasi selbst.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die klinische Entscheidung: Wann welches Material? Die Materialwahl folgt einer einfachen Logik, die Ästhetik gegen Stabilität abwägt:

  • Maximale Ästhetik gefordert (z.B. OK-Frontzahnkrone)? -> Lithium-Disilikat.

  • Maximale Stabilität gefordert (z.B. Molarenkrone bei Bruxer, Brücke)? -> Zirkonoxid.

Fallbeispiel: Differenzierte Materialauswahl

  • Szenario: Ein 40-jähriger Patient benötigt eine neue Krone an Zahn 21 (oberer linker mittlerer Schneidezahn) und an Zahn 46 (unterer linker erster Molar).

  • Analyse: Zwei völlig unterschiedliche Anforderungsprofile. An 21 ist die Ästhetik das alles entscheidende Kriterium. An 46 ist die Fähigkeit, höchsten Kaukräften standzuhalten, die Priorität.

  • Klinische Konsequenz & Therapieplan:

    • Für Zahn 21 (Frontzahn): Die Wahl fällt auf eine Lithium-Disilikat-Krone (e.max).

      • Rationale: Nur dieses Material bietet die notwendige Transluzenz und Lichtdynamik, um den vitalen Nachbarzahn 11 perfekt zu imitieren. Die Festigkeit ist für eine Frontzahn-Einzelkrone mehr als ausreichend. Die Befestigung erfolgt rein adhäsiv.

    • Für Zahn 46 (Seitenzahn): Die Wahl fällt auf eine monolithische, hoch-transluzente Zirkonoxid-Krone.

      • Rationale: Die extreme Festigkeit des Zirkonoxids bietet maximale Sicherheit gegen Frakturen im hochbelasteten Molarenbereich. Die Präparation kann sehr substanzschonend durchgeführt werden. Moderne Zirkonoxide bieten eine absolut ausreichende und ansprechende Ästhetik für den Seitenzahnbereich.

  • Ergebnis: Durch die differenzierte, indikationsgerechte Materialwahl erhält der Patient für jede klinische Situation die optimale Versorgung. Es wird nicht “die eine beste Keramik” verwendet, sondern das am besten geeignete Material für den jeweiligen Zweck.