Lektion 7: Die Kunst des Biegens: First-, Second- und Third-Order Bends – Wann, warum und wie?

A. Klinische Relevanz
Obwohl vorgefertigte Bögen und Bracket-Rezepturen den Großteil der Zahnbewegung steuern, sind individuelle Bogenbiegungen nach wie vor ein unverzichtbares Werkzeug für den kieferorthopädischen Meister. Sie erlauben die präzise Korrektur von Zahnstellungsfehlern, die mit Standardbögen nicht zu beheben sind. Das Verständnis der drei grundlegenden Biegeordnungen und ihrer biomechanischen Wirkung ist entscheidend, um in der Feineinstellungsphase ein perfektes Ergebnis zu erzielen.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundlagen der Bogenbiegungen

Biegungen werden meist im finalen Stahlbogen (0.019″x0.025″) vorgenommen, da dieser steif genug ist, um die Biegung zu halten und die Kraft zu übertragen. Man unterscheidet Biegungen in den drei Raumebenen.

2. Die drei Biegeordnungen (nach Angle)

 
 
Biegeordnung Ebene Wirkung auf den Zahn Klinisches Ziel & Anwendung
First-Order Bends (In-Out Bends) Horizontal (transversal) Bewirkt eine labio-linguale Bewegung der Zahnkrone. • Ausgleich von Fehlstellungen in der Bukkalo-Lingualen Ebene.
• Torque-ähnliche Effekte für einzelne Zähne.
• Bogenformerweiterung oder -verengung.
Second-Order Bends (Tip Bends) Sagittal Bewirkt eine mesio-distale Kippung der Zahnkrone (Veränderung der Angulation). • Aufrichtung von Zahnwurzeln (Root Uprighting).
• Korrektur der Zahnachse bei gekippten Zähnen.
• Bogenausgleich bei Kurven (Curve of Spee).
Third-Order Bends (Torque Bends) Vertikal (um die Längsachse) Bewirkt eine labio-linguale Bewegung der Zahnwurzel (Veränderung der Inklination). • Individuelle Anpassung des Wurzeltorques für einen einzelnen Zahn.
• Verstärkung oder Abschwächung des im Bracket eingebauten Torques.

3. Detaillierte Betrachtung und Anleitung

a) First-Order Bends (In-Out)

  • Durchführung: Biegung des Bogens nach bukkal (out) oder lingual (in) im Bereich eines bestimmten Zahnes.

  • Beispiel 1 (Stufe ausgleichen): Ein oberer Eckzahn steht im Kreuzbiss (zu far palatinal). Im Bogen wird für diesen Zahn ein First-Order-Bend nach bukkal eingebracht. Der Bogen drückt dadurch den Eckzahn nach bukkal in die korrekte Position.

  • Beispiel 2 (Bogen verbreitern): Ein leichter Schmalkiefer. Es werden leichte First-Order-Bends nach bukkal im Molarenbereich beidseits eingebracht, um den Zahnbogen passiv zu verbreitern.

b) Second-Order Bends (Tip)

  • Durchführung: Biegung des Bogens nach gingival oder okklusal.

  • Beispiel 1 (Root Uprighting): Ein zweiter unterer Prämolar ist nach mesial gekippt. Es wird ein Second-Order-Bend eingebracht, der die Wurzel nach distal und die Krone nach mesial kippt. Dies richtet den Zahn auf.

  • Beispiel 2 (Biss-Ebene ausgleichen): Eine verstärkte Curve of Spee (tiefer Biss) wird durch eine Reverse Curve of Spee im Bogen ausgeglichen, was eine leichte Extrusion der Molaren und Intrusion der Prämolaren bewirkt.

c) Third-Order Bends (Torque)

  • Durchführung: Torsion des rechteckigen Bogens um seine Längsachse. Dies ist die anspruchsvollste Biegung.

  • Beispiel 1 (Wurzel nach labial): Ein oberer Schneidezahn steht zu steil (retrokliiniert), die Wurzel ist zu weit palatinal. Es wird ein Third-Order-Bend für palatinalen Wurzeltorque eingebracht. Der Bogen drückt die Wurzel nach labial.

  • Beispiel 2 (Wurzel nach palatinal): Ein unterer Schneidezahn ist prokliniert, die Wurzel steht zu weit nach labial. Es wird ein Third-Order-Bend für lingualen Wurzeltorque eingebracht, um die Wurzel in den Knochen zurückzubewegen.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Kombinierte Biegung zur Aufrichtung eines Molaren

  • Szenario: Ein erster unterer Molar (36) ist nach mesial gekippt und steht gleichzeitig zu far lingual.

  • Analyse: Es sind Korrekturen in zwei Ebenen nötig: sagittal und transversal.

  • Klinische Konsequenz & Biegeprotokoll: Im finalen Stahlbogen werden für Zahn 36 zwei Biegungen eingebracht:

    1. Ein Second-Order-Bend (Tip), um die Wurzel nach distal aufzurichten.

    2. Ein First-Order-Bend nach bukkal (In-Out), um den Zahn aus der Lingualposition zu heben.
      Durch diese präzise Biegung wird der Zahn kontrolliert in seine korrekte Position bewegt.

Fallbeispiel 2: Fehlender Torque an einem oberen Eckzahn

  • Szenario: In der Finishing-Phase steht der obere linke Eckzahn (23) mit zu flachem Torque da; die Wurzel ist nicht genug nach palatinal gekippt und die Krone wirkt zu prominent.

  • Analyse: Der im Bracket eingebaute Torque war für diesen individuellen Fall nicht ausreichend.

  • Klinische Konsequenz & Lösung: Es wird ein aktiver Third-Order-Bend (Torque-Bend) im Bogen für Zahn 23 eingebracht. Der Bogen wird so torquiert, dass er die Wurzel nach palatinal drückt. Dies führt zu einer leichten Retraktion der Krone und einer besseren Verankerung der Wurzel im Knochen.

Fallbeispiel 3: Der “Stufenbogen” bei Nichtanlage

  • Szenario: Im Unterkiefer fehlt der zweite Prämolar (45). Der erste Prämolar (44) und der erste Molare (46) sollen als Brückenpfeiler aufgerichtet und parallel zueinander eingestellt werden.

  • Analyse: Es muss eine Lücke offen gehalten und die Nachbarzähne aufgerichtet werden.

  • Klinische Konsequenz & Lösung: Es wird ein individueller Bogen mit mehreren Biegungen gefertigt:

    • Ein Second-Order-Bend an Zahn 44, um seine Wurzel nach distal zu kippen.

    • Ein Second-Order-Bend an Zahn 46, um seine Wurzel nach mesial zu kippen.

    • Der Bogen verläuft zwischen diesen Zähnen in einer Stufe, um die Lücke offen zu halten.
      Dieser “Stufenbogen” ist ein klassisches Beispiel für die Anwendung maßgefertigter Second-Order-Bends.