Lektion 7: Diagnostik von Materialermüdung und Korrosion bei alten Dentallegierungen
A. Klinische Relevanz
Ältere prothetische Versorgungen, insbesondere solche aus Metalllegierungen, sind über Jahrzehnte hinweg extremen mechanischen und chemischen Belastungen ausgesetzt. Zwei schleichende Prozesse, Materialermüdung und Korrosion, führen über die Zeit zu einer Schwächung der Konstruktion und können letztendlich zum Versagen führen. Die Fähigkeit, die oft subtilen klinischen Anzeichen dieser Alterungsprozesse zu erkennen, ist entscheidend, um den richtigen Zeitpunkt für eine Intervention zu bestimmen. Sie hilft, zwischen einem harmlosen ästhetischen Makel und einem ernsthaften strukturellen Problem zu unterscheiden, das die Integrität der gesamten Versorgung gefährdet.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Materialermüdung (Fatigue)
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Konzept: Die progressive, strukturelle Schädigung eines Materials durch wiederholte, zyklische Belastung (Kaudruck). Jeder Kauzyklus ist eine Belastungs- und Entlastungsphase.
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Mechanismus: Über Millionen von Kauzyklen können sich an Stellen mit hoher Spannungskonzentration (z.B. an scharfen Kanten, Lötstellen oder den dünnsten Stellen einer Klammer) Mikrorisse bilden. Diese Risse wachsen mit jedem Zyklus langsam weiter, bis die verbleibende Materialstärke der Belastung nicht mehr standhält und es zur plötzlichen, spröden Fraktur kommt.
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Klinische Manifestation:
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Klammerbruch: Der klassische Ermüdungsbruch. Ein Klammerarm einer Modellgussprothese bricht nach jahrelangem Biegen beim Ein- und Ausgliedern.
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Bruch von Brückenverbindern: Die Löt- oder Gussverbindungen zwischen den Brückengliedern sind die am höchsten belasteten Zonen.
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2. Korrosion
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Definition: Die Zerstörung eines Metalls durch elektrochemische Reaktionen mit seiner Umgebung. “Anlaufen” (Tarnish) ist eine oberflächliche Verfärbung und die Vorstufe der Korrosion.
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Das orale Milieu: Die Mundhöhle ist mit ihrem feuchten, warmen und pH-schwankenden Speichel ein idealer Elektrolyt für Korrosionsprozesse.
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Galvanische Korrosion:
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Prinzip: Wenn zwei unterschiedliche Metalle (z.B. eine Goldkrone und eine Amalgamfüllung) in Kontakt kommen, entsteht ein galvanisches Element (eine Mini-Batterie). Das unedlere Metall (in diesem Fall Amalgam) wird zur Anode und korrodiert beschleunigt.
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Klinik: Kann sich in einem metallischen Geschmack oder selten in leichten elektrischen Missempfindungen äußern. Lötstellen sind oft anfällig, da das Lot eine andere Zusammensetzung als das Gerüst hat.
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Klinische Zeichen der Korrosion:
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Oberflächenveränderung: Die ehemals polierte Metalloberfläche wird matt, rau und zeigt oft kleine Poren oder “Krater”.
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Verfärbung: Dunkles Anlaufen bis hin zu grünlichen oder schwärzlichen Korrosionsprodukten.
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Ionen-Freisetzung: Kann zu metallischem Geschmack und in seltenen Fällen zu allergischen Reaktionen oder Verfärbungen der Gingiva führen (“Amalgam-Tattoo”).
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Diagnostik im Recall: Bei jeder Kontrolluntersuchung müssen alte Metall-Restaurationen gezielt auf Anzeichen von Ermüdung und Korrosion untersucht werden.
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Inspektion: Achten Sie auf Risslinien (transilluminieren!), Verfärbungen und Oberflächenrauigkeiten.
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Sondierung: Eine raue, korrodierte Oberfläche fühlt sich für die Sonde “kratzig” an und ist ein massiver Plaque-Retentionsfaktor.
Management-Entscheidung:
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Ermüdungsbruch: Eine gebrochene Klammer kann oft repariert werden (Laser-Schweißung). Ein gebrochener Brückenverbinder bedeutet in der Regel den Totalverlust und die Notwendigkeit einer Neuanfertigung.
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Korrosion: Leichtes Anlaufen kann wegpoliert werden. Eine fortgeschrittene, pockennarbige Korrosion mit poröser Oberfläche macht die Restauration unhygienisch und ist eine Indikation zur Neuanfertigung, auch wenn die Restauration mechanisch noch intakt ist.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein Patient trägt eine 20 Jahre alte, mehrgliedrige NEM-Brücke (Nichtedelmetall) im Unterkiefer. Er klagt über nichts, aber bei der PZR fällt auf, dass sich an den lingualen Metallflächen massiv Plaque anlagert.
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Klinischer Befund: Die lingualen Metallflächen der Brücke sind nicht mehr glatt und poliert, sondern weisen eine matte, raue und leicht poröse Oberfläche auf. Insbesondere an den Lötstellen zwischen den Gliedern ist dies ausgeprägt.
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Analyse:
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Diagnose: Fortgeschrittene Oberflächen-Korrosion der NEM-Legierung.
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Problem: Die raue Oberfläche ist für den Patienten nicht mehr zu reinigen. Sie wirkt wie ein “Klettverschluss” für Biofilm, was das Risiko für Sekundärkaries an den Pfeilerzähnen und für eine chronische Gingivitis massiv erhöht.
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Klinische Konsequenz: Auch in Abwesenheit von Schmerzen oder mechanischem Versagen ist die Brücke aus biologischer Sicht insuffizient geworden. Dem Patienten wird die Situation erklärt und eine Neuanfertigung der Brücke empfohlen. Die neue Brücke wird aus einem modernen, korrosionsstabilen Material (z.B. CAD/CAM-gefrästes Zirkonoxid oder eine einteilig gegossene NEM-Legierung) hergestellt.
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Ergebnis: Die Entscheidung zur Neuanfertigung wurde nicht durch ein akutes Versagen, sondern durch die vorausschauende Bewertung der durch Materialalterung verursachten biologischen Risiken getroffen.