Lektion 7: Der Parodontale Screening Index (PSI) – Schnelldiagnostik und ihre Grenzen
A. Klinische Relevanz
Der Parodontale Screening Index (PSI) ist ein schnelles, einfaches und standardisiertes Screening-Verfahren, um den parodontalen Gesundheitszustand eines Patienten orientierend zu erfassen. Sein primäres Ziel ist die Triage: die schnelle Identifikation von Patienten, die einer weiterführenden, detaillierten parodontalen Diagnostik bedürfen. Die regelmäßige Erhebung des PSI (in Deutschland alle zwei Jahre eine Kassenleistung) ist ein fundamentaler Bestandteil der zahnärztlichen Vorsorge. Es ist jedoch entscheidend zu verstehen, dass der PSI ein Früherkennungs-Index und kein vollständiges Diagnoseinstrument ist. Die Kenntnis seiner Durchführung und insbesondere seiner Limitationen ist essenziell für eine korrekte klinische Weichenstellung.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Instrument: Die WHO-Sonde Die Messung erfolgt mit einer speziellen Parodontalsonde, der WHO-Sonde.
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Besonderheiten:
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Kugelspitze: Eine 0,5 mm dicke Kugel am Ende, die eine atraumatische Sondierung ermöglicht und subgingivalen Zahnstein oder Füllungsränder gut ertasten lässt.
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Farbmarkierung: Ein schwarzes Band, das exakt bei 3,5 mm beginnt und bei 5,5 mm endet. Die Position dieser Markierung relativ zum Zahnfleischrand ist das entscheidende Ablesekriterium.
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2. Die Durchführung
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Einteilung in Sextanten: Das Gebiss wird in sechs Sextanten unterteilt (OK rechts, OK Front, OK links; UK links, UK Front, UK rechts).
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Sondierung: Jeder Zahn eines Sextanten wird zirkulär am Zahnfleischrand mit leichtem Druck (~20g) sondiert (“walking probe”).
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Codierung: Für jeden Sextanten wird nur der höchste (schlechteste) Code notiert, der in diesem Sextanten gefunden wird.
3. Die PSI-Codes
4. Die entscheidenden Limitationen des PSI
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Screening, keine Diagnose: Der PSI kann eine Parodontitis vermuten lassen, aber er kann sie niemals diagnostizieren, klassifizieren oder ihren Schweregrad bestimmen. Er misst nur die Sondierungstiefe, nicht den Attachmentverlust (CAL).
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Informationsverlust: Da nur der schlechteste Wert pro Sextant notiert wird, geht die Information über die genaue Verteilung und Anzahl der erkrankten Stellen verloren.
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Keine Differenzierung von Pseudotaschen: Der PSI kann nicht zwischen einer echten, durch Attachmentverlust bedingten Tasche und einer Pseudotasche (durch gingivale Schwellung bei Gingivitis) unterscheiden.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die klinische Konsequenz – Vom Code zur Handlung Der erhobene PSI-Code diktiert das weitere Vorgehen.
Fallbeispiel:
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Szenario: Bei einem 42-jährigen Neupatienten wird ein PSI-Screening durchgeführt.
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PSI-Befund:
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OK rechts (S1): 2
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OK Front (S2): 1
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OK links (S3): 3
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UK links (S4): 3
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UK Front (S5): 2
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UK rechts (S6): 2
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Analyse: Der höchste im Mund gefundene Code ist Code 3. Dies ist der entscheidende Befund, der das weitere Vorgehen bestimmt.
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Klinische Konsequenz & Aufklärung:
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Der Patient wird über den Befund informiert: “Unsere Vorsorgeuntersuchung hat an den linken Seitenzähnen tiefere Zahnfleischtaschen von 4 bis 5 Millimetern ergeben. Das ist ein deutliches Warnsignal für eine beginnende Parodontitis, also einen Knochenabbau.”
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Die Konsequenz aus Code 3 ist die Notwendigkeit einer umfassenden parodontalen Befunderhebung.
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Es wird ein neuer Termin vereinbart, an dem ein kompletter Parodontalstatus (Sondierungstiefen an 6 Stellen/Zahn, Attachmentlevel, BOP, etc.) erhoben wird, um die Verdachtsdiagnose zu bestätigen und eine exakte Diagnose nach Staging und Grading zu stellen.
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Ergebnis: Der PSI hat seine Funktion als schnelles und effizientes “Alarmsystem” perfekt erfüllt. Er hat den Patienten mit einer wahrscheinlichen Parodontitis identifiziert und die Indikation für die nachfolgende, detaillierte Diagnostik geliefert, die dann die Basis für die eigentliche Therapieplanung (AIT) bildet.