Lektion 6: Verankerungskonzepte (Anchorage): Von einfachen Gummizügen zum Einsatz von TADs in der täglichen Praxis

A. Klinische Relevanz
Bei jeder kieferorthopädischen Zahnbewegung wirkt das Gesetz von “Aktion und Reaktion”. Möchte man einen Zahn bewegen (Aktion), benötigt man einen Widerlagere (Reaktion), der diese Bewegung ermöglicht – die Verankerung (Anchorage). Die Kontrolle dieser Verankerung ist eine der größten Herausforderungen und entscheidet oft über Erfolg oder Misserfolg einer Behandlung. Moderne Konzepte reichen von einfachen Gummizügen bis hin zur absoluten Verankerung durch Mini-Implantate (TADs).

B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundprinzip: Das Verankerungs-Bewegungs-Verhältnis

  • Definition: Das Verhältnis zwischen der unerwünschten Bewegung der Ankerzähne und der gewünschten Bewegung der zu bewegenden Zähne.

  • Ziel: Die unerwünschte Bewegung der Ankerzähne soll minimiert werden (“Anchorage Loss”).

  • Einteilung:

    • Verankerungsverlust (Anchorage Loss): Die Ankerzähne bewegen sich unerwünscht mit.

    • Verankerungserhalt (Anchorage Conservation): Die Ankerzähne bewegen sich kaum.

    • Absolute Verankerung (Absolute Anchorage): Die Ankerzähne bewegen sich gar nicht.

2. Verankerungsklassen und -methoden

Die folgende Tabelle zeigt die Entwicklung der Verankerungskontrolle von einfach bis hochkomplex.

 
 
Verankerungstyp Methode & Prinzip Klinisches Beispiel Vor- & Nachteile
Einfache Verankerung (Intramaxillär) Nutzung von Zähnen innerhalb desselben Kiefers als Widerlager. Retraktion der Front gegen die Molaren und Prämolaren desselben Kiefers. Vorteil: Einfach.
Nachteil: Hohes Risiko für mesiale Kippung der Molaren (Anchorage Loss).
Zusammengefasste Verankerung (Compound Anchorage) Mehrere Zähne werden miteinander verbunden (z.B. mit einem Transpalatinalbogen TPA oder Lingualbogen), um eine stärkere Verankerungseinheit zu schaffen. Ein TPA verbindet die linken und rechten Oberkiefermolaren zu einer starren Einheit. Vorteil: Deutlich bessere Kontrolle als einfache Verankerung.
Nachteil: Begrenzte Wirkung, da die Verankerung immer noch auf Zähnen basiert.
Extramaxilläre Verankerung Die Verankerung liegt außerhalb des Kiefers. Headgear (Nackenzug). Die Ankerkraft kommt vom Nacken und Kopf des Patienten. Vorteil: Sehr starke Verankerung.
Nachteil: Hohe Compliance nötig. Kann nicht bei allen Bewegungen helfen.
Absolute Verankerung (Ankylotische Verankerung) Die Verankerung liegt im Knochen und ist damit unbeweglich. Temporäre Anchorage Devices (TADs / Mini-Implantate). Vorteil: Compliance-unabhängig, absolut vorhersagbar, ermöglicht bisher unmögliche Bewegungen (z.B. Ganzkörperdistalisierung).
Nachteil: Chirurgischer Eingriff, Kosten, Risiko des Verlusts des TADs.

3. Der gezielte Einsatz von TADs (Mini-Implantaten)

TADs haben die Verankerungsplanung revolutioniert. Ihre Anwendung folgt klaren Indikationen:

  • Ganzkörperdistalisierung: Ein TAD im anterioren Gaumen oder retromolar dient als fester Punkt, um die gesamte Zahnreihe eines Kiefers nach distal zu schieben und so Extraktionen zu vermeiden.

  • Intrusion: Zur Intrusion von Molaren (bei offenem Biss) oder Frontzähnen (bei tiefem Biss und “gummy smile”).

  • Schwierige Zahnbewegungen: Als fester Punkt zur Aufrichtung stark gekippter Zähne oder zur Bewegung von Zähnen über große Distanzen.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Maximale Verankerung bei starker Frontretraktion

  • Szenario: Ein Patient mit protrusiver Oberkieferfront und großer Lücke nach Extraktion der ersten Prämolaren. Die Front soll stark nach hinten bewegt werden.

  • Analyse: Es wird maximale bis absolute Verankerung benötigt, um zu verhindern, dass die Molaren nach vorne kippen und die Lücke schließen, bevor die Front retrahiert ist.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

    • Konventionell (hohe Compliance nötig): Headgear in Kombination mit einem Transpalatinalbogen (TPA). Dies ist ein starkes, aber compliance-abhängiges Verankerungskonzept.

    • Modern (compliance-unabhängig): Einsatz von zwei TADs zwischen den zweiten Prämolaren und ersten Molaren im Oberkiefer. Von diesen TADs aus werden die Kräfte zur Retraktion der Eckzähne und Frontzähne appliziert. Die Molaren bleiben absolut stabil.

Fallbeispiel 2: Der “Anchorage Loss” bei unzureichender Planung

  • Szenario: Ein Patient, bei dem die unteren Molaren als Anker für den Lückenschluss im Frontbereich dienen sollen. Es wird keine zusätzliche Verankerungshilfe verwendet.

  • Analyse: Die Reaktion auf die Kraft, die die Frontzähne nach distal zieht, ist eine mesiale Kraft auf die Molaren.

  • Klinische Konsequenz (Misserfolg): Die Molaren kippen und wandern nach mesial. Die Lücke im Frontbereich schließt sich nur unvollständig, weil sich die Ankerzähne den Raum “selbst genommen” haben. Am Ende steht eine Klasse-II-Bisslage im Seitenzahnbereich und ein persistierender Engstand im Frontbereich.

  • Lösung: Die Behandlung muss korrigiert werden, z.B. durch den Einsatz eines Lingualbogens im Unterkiefer oder von TADs zur Distalisierung der nun mesial gekippten Molaren.

Fallbeispiel 3: Absolute Verankerung für eine Ganzkörperdistalisierung

  • Szenario: Eine junge Erwachsene mit einem Engstand von 5 mm im Oberkiefer. Das Profil ist gut, Extraktionen sollen vermieden werden.

  • Analyse: Der gesamte Oberkieferzahnbogen muss nach distal bewegt werden, um Platz zu schaffen.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Dies ist ohne absolute Verankerung kaum möglich. Die Lösung ist ein TAD im anterioren Gaumen. Von diesem zentralen Punkt aus wird eine Kraft (z.B. mittels einer Power-Kette) auf alle Zähne einer Seite ausgeübt. Da der TAD fest im Knochen sitzt, bewegt sich die gesamte Zahnreihe nach distal, ohne dass es zu einem Ankerverlust kommt. So kann der Engstand aufgelöst werden, ohne dass Zähne extrahiert werden müssen.