Lektion 6: Vasokonstriktorische Zusätze (Adrenalin) – Nutzen, Risiken und Kontraindikationen
A. Klinische Relevanz
Der vasokonstriktorische Zusatz, meist Adrenalin (Epinephrin), ist ein unverzichtbarer Bestandteil fast aller dentalen Lokalanästhetika. Er ist der Wirkstoff, der eine Anästhesie erst tief, langanhaltend und sicher macht. Gleichzeitig ist er für die meisten systemischen Nebenwirkungen wie Herzrasen verantwortlich und erfordert bei der Behandlung von kardiovaskulären Risikopatienten besondere Aufmerksamkeit. Das Verständnis der Pharmakologie des Adrenalins ist entscheidend, um seinen Nutzen zu maximieren und seine Risiken sicher zu managen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Wirkstoff und Mechanismus
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Substanz: Adrenalin (Epinephrin) ist ein körpereigenes Katecholamin (“Stresshormon”), das an adrenerge Rezeptoren bindet.
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Wirkmechanismus:
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α₁-Rezeptoren: Befinden sich in der glatten Muskulatur der Blutgefäße. Ihre Stimulation durch Adrenalin führt zu einer lokalen Vasokonstriktion (Gefäßverengung). Dies ist der erwünschte Effekt in der Lokalanästhesie.
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β₁-Rezeptoren: Befinden sich primär am Herzen. Ihre Stimulation führt zu einer Steigerung der Herzfrequenz (positive Chronotropie) und der Kontraktionskraft (positive Inotropie). Dies ist die Ursache für die Nebenwirkung des “Herzrasens”.
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β₂-Rezeptoren: Befinden sich u.a. in den Bronchien und bewirken eine Erweiterung.
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2. Die vier entscheidenden Vorteile des Adrenalin-Zusatzes
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Verlängerung der Wirkdauer: Die lokale Vasokonstriktion verlangsamt den Abtransport (Absorption) des Lokalanästhetikums aus dem Gewebe in den Blutkreislauf. Das Anästhetikum verbleibt länger und in höherer Konzentration am Nerv.
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Erhöhung der Anästhesietiefe: Durch die höhere Konzentration am Wirkort wird die Nervenblockade profunder und zuverlässiger.
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Reduktion der systemischen Toxizität: Durch die verlangsamte Absorption werden niedrigere maximale Plasmaspiegel des Lokalanästhetikums erreicht. Dies reduziert das Risiko einer systemischen Überdosierung erheblich.
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Lokale Blutstillung (Hämostase): Die Gefäßverengung reduziert die Blutung im Operationsgebiet, was bei chirurgischen Eingriffen von großem Vorteil ist.
3. Konzentrationen und Maximaldosen
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Konzentration: Wird als Verdünnungsverhältnis angegeben.
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1:100.000 (1 mg Adrenalin in 100 ml) = 0,01 mg/ml -> 0,017 mg pro 1,7 ml Karpule.
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1:200.000 (1 mg Adrenalin in 200 ml) = 0,005 mg/ml -> 0,0085 mg pro 1,7 ml Karpule.
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Maximale Adrenalin-Dosis:
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Für gesunde Erwachsene (ASA I): 0,2 mg. Dies entspricht ca. 11 Karpulen einer 1:100.000er Lösung.
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Für kardiovaskuläre Risikopatienten (ASA III/IV): 0,04 mg. Dies entspricht ca. 2 Karpulen einer 1:100.000er Lösung oder 4 Karpulen einer 1:200.000er Lösung. Diese Dosis-Limitierung ist klinisch entscheidend.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der kardiovaskuläre Risikopatient: Ein Paradigmenwechsel
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Das Dilemma: Risikopatienten (mit KHK, Hypertonie) sind empfindlicher gegenüber Adrenalin. Gleichzeitig führt eine unzureichende Anästhesie (durch Verzicht auf Adrenalin) zu Schmerzen und Angst, was die Freisetzung von körpereigenem (endogenem) Adrenalin in weitaus höheren und unkontrollierbareren Mengen provoziert.
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Moderner Konsens: Die Verwendung eines Lokalanästhetikums mit Adrenalin-Zusatz ist bei stabilen kardiovaskulären Risikopatienten nicht kontraindiziert, sondern im Gegenteil indiziert, um eine tiefe und stressfreie Anästhesie zu gewährleisten.
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Das sichere Management-Protokoll:
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Strikte Beachtung der Maximaldosis von 0,04 mg Adrenalin.
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Verwendung einer niedrigeren Konzentration (1:200.000 ist oft zu bevorzugen).
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Langsame Injektion (z.B. 1 Karpule pro Minute).
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Aspiration vor der Injektion ist obligatorisch, um eine intravasale Gabe zu vermeiden.
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Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 72-jähriger Patient mit medikamentös gut eingestelltem Bluthochdruck benötigt eine Zahnextraktion.
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Fehlerhaftes Vorgehen: Aus Angst vor dem Adrenalin verwendet der Zahnarzt ein Anästhetikum ohne Vasokonstriktor. Die Anästhesie ist oberflächlich und kurz. Während der Extraktion verspürt der Patient starke Schmerzen. Seine Angst führt zu einer massiven Ausschüttung von körpereigenem Adrenalin, sein Herz beginnt zu rasen und der Blutdruck steigt gefährlich an.
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Korrekte Vorgehensweise:
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Planung: Der Behandler wählt ein Anästhetikum mit reduzierter Adrenalin-Konzentration (1:200.000). Er plant, nicht mehr als 4 Karpulen zu verwenden.
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Durchführung: Nach der Aspiration wird die erste Karpule sehr langsam über eine Minute injiziert.
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Analyse: Die kleine, langsam applizierte Menge an exogenem Adrenalin ist hämodynamisch kaum wirksam. Sie sorgt aber für eine tiefe und langanhaltende Anästhesie.
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Ergebnis: Der Eingriff ist für den Patienten vollkommen schmerzfrei. Da kein Schmerz- oder Angst-Stress entsteht, bleibt sein Kreislauf stabil. Die kontrollierte Gabe einer kleinen Menge Adrenalin war für diesen Risikopatienten weitaus sicherer als der Verzicht darauf.