Lektion 6: Die neue Parodontitis-Klassifikation (2018) – Staging und Grading
A. Klinische Relevanz
Die 2018 international eingeführte Klassifikation hat die Parodontologie grundlegend verändert. Sie löste die alten, oft unklaren Kategorien wie “chronisch” und “aggressiv” ab und schuf ein einheitliches, multidimensionales System. Für den Kliniker ist die Beherrschung dieses Systems unerlässlich, da es eine präzise, umfassende und international verständliche Diagnose ermöglicht. Die Diagnose einer Parodontitis wird durch Staging (Bestimmung von Schweregrad und Komplexität) und Grading (Bestimmung der Progressionsrate und des Risikos) spezifiziert. Dieses System liefert nicht nur eine “Schublade”, sondern ein detailliertes Krankheitsbild, das die Behandlungsplanung direkt leitet und eine individualisierte Risikobewertung für jeden Patienten ermöglicht.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Grundprinzip: Eine Krankheit, viele Ausprägungen Es gibt nur noch eine Hauptdiagnose: Parodontitis. Diese wird dann durch die Angabe von Ausdehnung, Stadium und Grad weiter charakterisiert. Die finale Diagnose lautet z.B.: Generalisierte Parodontitis, Stadium III, Grad C.
2. Das Staging: Schweregrad, Ausdehnung und Komplexität Das Staging beschreibt den aktuellen Zustand des parodontalen Schadens und die Komplexität der zukünftigen Behandlung. Die primäre Determinante ist der klinische Attachmentverlust (CAL) oder der radiologische Knochenabbau (RBL) am stärksten betroffenen Zahn.
-
Ausdehnung: Zusätzlich wird die Ausdehnung bestimmt:
-
Lokalisiert: < 30% der Zähne betroffen.
-
Generalisiert: ≥ 30% der Zähne betroffen.
-
Molares/Inzisales Muster: Charakteristisch für ehemals “agressive” Formen.
-
3. Das Grading: Biologisches Risiko und Progressionsrate Das Grading schätzt die Geschwindigkeit des Krankheitsverlaufs und berücksichtigt modifizierende Risikofaktoren. Jeder Patient startet mit dem Default-Grad B. Der Kliniker sucht dann nach Evidenz, um ihn zu Grad A (besser) oder Grad C (schlechter) zu verschieben.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Von der Diagnose zur Therapieplanung: Die Klassifikation leitet direkt die Therapie. Ein Patient mit Stage IV, Grad C benötigt einen völlig anderen, oft interdisziplinären Behandlungs- und Nachsorgeplan als ein Patient mit Stage I, Grad A. Bei einem Grad-C-Patienten ist das Risikofaktor-Management (Raucherentwöhnung, Diabetes-Einstellung) der entscheidende Schlüssel zum Langzeiterfolg.
Fallbeispiel:
-
Szenario: Ein 35-jähriger Patient, der 20 Zigaretten pro Tag raucht, wird untersucht. Er war noch nie in parodontaler Behandlung.
-
Befunde: Generalisierte Sondierungstiefen zwischen 5 und 8 mm. Der stärkste klinische Attachmentverlust (CAL) beträgt 7 mm. Das Röntgenbild zeigt an mehreren Zähnen vertikalen Knochenabbau, der am stärksten betroffenen Zahn bis zur Hälfte der Wurzellänge reicht (RBL ≈ 50%).
-
Diagnostischer Prozess:
-
Staging:
-
Der CAL ist ≥ 5 mm -> Kriterium für Stage III erfüllt.
-
Die Komplexitätsfaktoren (ST ≥ 6 mm, vertikaler Knochenabbau) bestätigen Stage III.
-
-
Grading:
-
Primärer Parameter: Knochenabbau (%) / Alter = 50 / 35 = 1,43.
-
Dieser Wert ist > 1,0, was ein klares Kriterium für Grad C ist.
-
Modifizierender Faktor: Das starke Rauchen (≥ 10 Zig./Tag) ist ein unabhängiges Kriterium, das den Patienten ebenfalls in Grad C einstuft.
-
-
Ausdehnung: Deutlich mehr als 30% der Zähne sind betroffen -> Generalisiert.
-
-
Finale Diagnose: Generalisierte Parodontitis, Stadium III, Grad C.
-
Klinische Konsequenz: Diese Diagnose liefert ein umfassendes Bild. Der Patient leidet an einer schweren Form der Parodontitis mit komplexen Defekten (Stage III), die zudem ein sehr hohes Risiko für eine schnelle zukünftige Progression aufweist (Grad C). Die Therapie muss daher sehr konsequent sein und das Recall-Intervall für die unterstützende Parodontitis-Therapie (UPT) wird mit 3 Monaten sehr kurz angesetzt. Die dringendste und wichtigste Einzelmaßnahme ist die Beratung und Motivation zur Raucherentwöhnung.