Lektion 6: Die bildgebende Diagnostik I: Übersichtsaufnahmen (OPG, Fernröntgenseitbild – FRS)
A. Klinische Relevanz
Die bildgebende Diagnostik erweitert die klinische Untersuchung und Modellanalyse ins Dreidimensionale und erlaubt Einblicke in Strukturen, die dem bloßen Auge verborgen bleiben. Zwei Übersichtsaufnahmen sind in der Kieferorthopädie von fundamentaler Bedeutung: das Orthopantomogramm (OPG) und das Fernröntgenseitbild (FRS). Sie sind unverzichtbar für eine umfassende Diagnostik, da sie skelettale Strukturen, die Lagebeziehung der Kiefer zueinander, verlagerten Zähne und pathologische Veränderungen sichtbar machen. Die richtige Interpretation dieser Aufnahmen ist eine Kernkompetenz für die Planung jeder kieferorthopädischen Therapie.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Orthopantomogramm (OPG) – Die Übersichtsaufnahme der Zähne und Kiefer
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Aufnahmetechnik: Rotierende Schichtaufnahme, die beide Kiefer, die Zähne, die Kiefergelenke und Teile der Oberkiefer- und Kieferhöhlen in einer einzigen Aufnahme abbildet.
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Hauptanwendungen in der Kieferorthopädie:
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Erfassung des Zahnstatus: Anzahl, Lage, Durchbruchsstand und Entwicklungsstadium aller Zähne (einschließlich der Nichtanlagen und überzähligen Zähne).
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Beurteilung der Zahnstellung: Verlagerungen (z.B. retinierte Eckzähne), Rotationen, Resorptionen.
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Beurteilung der Kiefergelenke: Grobe Beurteilung der Kondylenform und der Gelenkspalte.
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Erkennung von Pathologien: Zysten, Tumore, Wurzelresorptionen.
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2. Das Fernröntgenseitbild (FRS) – Die Analyse des Gesichtsschädels
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Aufnahmetechnik: Zentralprojektions-Röntgenaufnahme des Schädels im streng seitlichen Strahlengang bei einem Fokus-Film-Abstand von mind. 4 Metern (daher “Fern”-Röntgen). Dies minimiert Verzerrungen und ermöglicht präzise Vermessungen.
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Hauptanwendung in der Kieferorthopädie: Kephalometrie – die präzise Vermessung von skeletalen und dentalen Strukturen zur Beurteilung der sagittalen und vertikalen Kieferbasenrelation sowie der Zahnstellung.
3. Systematische Beurteilung des OPGs (Checkliste)
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Zähne: Sind alle Zahnanlagen vorhanden? Gibt es überzählige Zähne (Mesiodens) oder Nichtanlagen (häufig 15, 25, 35, 45, 12, 22)? Sind Zähne verlagerte (z.B. obere Eckzähne palatinal)?
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Durchbruchsrichtung und -reihenfolge: Entspricht der Durchbruchsstand dem Alter? Gibt es Durchbruchshindernisse?
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Wurzeln: Sind die Wurzeln vollständig ausgebildet? Liegen Wurzelresorptionen an den Milchzähnen oder bleibenden Zähnen vor?
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Knochenstruktur: Ist die Knochenstruktur regelrecht? Sind pathologische Aufhellungen (osteolytische Läsionen) oder Verschattungen (sklerotische Läsionen) sichtbar?
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Kiefergelenke: Sind die Kondylen symmetrisch und morphologisch unauffällig? Ist der Gelenkspalt regelrecht?
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Nachbarstrukturen: Kieferhöhlen, Canalis mandibulae.
4. Systematische Beurteilung des FRS (Checkliste vor der Kephalometrie)
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Bildqualität: Sind alle relevanten Weichteil- und Knochenkonturen scharf und klar erkennbar? (Nasion, Sella, Punkt A und B, Pogonion, Gnathion, Gonion, Okklusal-Ebenen)
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Weichteilprofil: Erste grobe Beurteilung des Profils (konvex, gerade, konkav).
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Sagittale Kieferrelation: Grobe Einschätzung: Ist der Oberkiefer retral/protral? Ist der Unterkiefer retral/protral? (Hinweis auf Klasse II oder III)
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Vertikale Dimension: Beurteilung des Gesichtstyps:
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Brachyfazial: Kurzes Gesicht, flacher Mandibularebenenwinkel, tiefer Biss.
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Mesofazial: Normales Gesicht, normale Neigung.
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Dolichofazial: Langes Gesicht, steile Mandibularebenenwinkel, offener Biss.
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Zahnstellung: Grobe Beurteilung der Inzisivorneigung (prokliniert/retrokliiniert).
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Der 10-jährige Patient mit ausbleibendem Durchbruch der oberen Eckzähne
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Szenario: Bei einem Jungen sind die oberen Eckzähne (13, 23) klinisch nicht durchgebrochen, während die Nachbarzähne bereits vollständig in der Reihe stehen. Die Milcheckzähne sind noch vorhanden.
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Analyse: Im OPG zeigt sich, dass die bleibenden Eckzähne beidseits hoch und palatinal verlagert sind. Ihre Wurzeln sind fast vollständig ausgebildet. Sie haben ihre physiologische Durchbruchsbahn verlassen und drohen, die Wurzeln der seitlichen Schneidezähne zu resorbieren.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Dies ist ein klarer kieferorthopädischer Behandlungsbedarf. Die Milcheckzähne müssen umgehend entfernt werden. Anschließend ist eine festsitzende Apparatur notwendig, um Platz für die Eckzähne zu schaffen. In einem chirurgischen Eingriff werden die Eckzähne freigelegt (chirurgische Freilegung), und mit einem Bracket und einem Ligaturdraht versehen. Die Kieferorthopädin kann die Zähne dann über viele Monate schonend in den Zahnbogen hineinziehen (orthodontische Einordnung).
Fallbeispiel 2: Die 14-jährige Patientin mit vorstehender Oberlippe und offenem Biss
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Szenario: Eine Patientin hat ein ausgeprägt “langes” Gesicht, eine vorstehende Oberlippe und einen frontal offenen Biss. Sie atmet primär durch den Mund.
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Analyse: Das FRS zeigt die charakteristischen Merkmale eines dolichofazialen Gesichtstyps mit einer vertikalen Wachstumstendenz. Die Analyse würde eine steile Mandibularebene (ML-NSL erhöht), einen nach hinten rotierten Unterkiefer und häufig proklinierte obere Frontzähne ergeben. Das OPG wäre wichtig, um andere Ursachen (z.B. vergrößerte Adenoiden) auszuschließen.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die Behandlung ist anspruchsvoll. Das Ziel ist die Kontrolle des vertikalen Wachstums. Dies kann durch spezielle Apparaturen wie einen Headgear (extrale Kräfte) oder eine Twin-Block-Apparatur mit Höckern zur Verlagerung des Unterkiefers versucht werden. Eine festsitzende Therapie muss darauf abzielen, vertikale Zahnbewegungen zu minimieren und Extrusionen der Molaren zu vermeiden. In schweren Fällen ist nach Abschluss des Wachstums eine kieferchirurgische Korrektur (maxilläre Impaktion) die einzige kausale Therapie.