Lektion 5: Substanzklassen – Ester- vs. Amid-Typ und ihre klinische Relevanz

A. Klinische Relevanz

 

Obwohl alle Lokalanästhetika (LA) nach dem gleichen Prinzip – der Blockade von Natriumkanälen – wirken, gehören sie chemisch zwei fundamental unterschiedlichen Familien an: den Estern und den Amiden. Diese chemische Unterscheidung ist von größter klinischer Bedeutung, da sie den Abbau (Metabolismus) des Medikaments im Körper und vor allem das Potenzial für allergische Reaktionen bestimmt. Das Wissen um diese beiden Klassen ist entscheidend, um die Sicherheit moderner Anästhetika zu verstehen und um Patienten mit einer angeblichen “Anästhesie-Allergie” korrekt einzuordnen und sicher zu behandeln.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die chemische Struktur als Unterscheidungsmerkmal Ein LA-Molekül besteht aus einem lipophilen (fettliebenden) aromatischen Ring und einem hydrophilen (wasserliebenden) Amin-Ende. Verbunden werden diese beiden Teile durch eine intermediäre Kette. Die Art der chemischen Bindung in dieser Kette bestimmt die Substanzklasse:

  • Ester-Typ: Enthält eine Ester-Bindung (-COO-).

  • Amid-Typ: Enthält eine Amid-Bindung (-NHCO-).

2. Die beiden Substanzklassen im direkten Vergleich Ihre unterschiedliche Chemie führt zu völlig unterschiedlichen pharmakokinetischen und immunologischen Eigenschaften.

Eigenschaft Ester-Typ Lokalanästhetika Amid-Typ Lokalanästhetika
Beispiele Procain (“Novocain”), Benzocain, Tetracain Articain, Lidocain, Mepivacain, Bupivacain
Heutige zahnärztl. Anwendung Obsolet für Injektionen. Benzocain nur noch als Oberflächenanästhetikum. Der absolute und alleinige Standard für alle Injektionstechniken.
Metabolismus (Abbau) Schnell im Blutplasma durch das Enzym Pseudocholinesterase. Langsamer in der Leber durch das CYP-Enzymsystem.
Abbauprodukt Para-Aminobenzoesäure (PABA) Inaktive, unproblematische Metaboliten.
Allergisches Potenzial HOCH. Das Abbauprodukt PABA ist ein bekanntes und potentes Allergen. Kreuzallergien innerhalb der Ester-Gruppe sind die Regel. EXTREM NIEDRIG. Echte, nachgewiesene Typ-I-Allergien auf Amid-LAs sind eine absolute Rarität.

3. Die Sonderstellung des Articains Articain ist das in Deutschland am häufigsten verwendete LA und hat eine besondere Struktur.

  • Struktur: Es ist chemisch ein Amid-Typ, besitzt aber zusätzlich eine seitenständige Thiophen-Ester-Gruppe.

  • Metabolismus: Diese Besonderheit erlaubt einen dualen Abbauweg. Es wird zu ca. 90% bereits im Blutplasma (wie die Ester) und nur zu ca. 10% in der Leber (wie die Amide) abgebaut.

  • Klinische Konsequenz: Dies führt zu einer extrem kurzen Halbwertszeit von nur ca. 20 Minuten. Das Medikament wird sehr schnell aus dem Körper eliminiert.

  • Vorteil: Das Risiko einer systemischen Akkumulation und Toxizität ist im Vergleich zu anderen Amid-LAs (z.B. Lidocain) deutlich reduziert. Dies macht Articain zu einem besonders sicheren Wirkstoff, auch bei wiederholten Injektionen.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Das Management des “allergischen” Patienten: Die häufigste anamnestische Angabe lautet: “Ich bin allergisch auf die Spritze” oder “Ich vertrage kein Novocain”.

  • Die Analyse:

    • “Novocain” ist Procain, ein Ester-Typ. Eine Allergie darauf war relativ häufig.

    • Es besteht keine Kreuzallergie zwischen Estern und Amiden. Eine Ester-Allergie bedeutet nicht, dass eine Allergie auf moderne Amid-LAs vorliegt.

    • Die vom Patienten beschriebenen “allergischen” Reaktionen (Herzrasen, Schwitzen, Schwindel, Ohnmacht) sind in 99% der Fälle keine Allergie, sondern entweder eine psychogene Reaktion (Angst) oder eine pharmakologische Reaktion auf den Adrenalin-Zusatz.

  • Klinisches Vorgehen:

    1. Genaue Anamnese: Fragen Sie nach den genauen Symptomen der damaligen Reaktion.

    2. Aufklärung: Erklären Sie dem Patienten den Unterschied zwischen den alten Estern und den modernen Amiden und die wahrscheinliche Ursache seiner früheren Reaktion (Adrenalin/Angst).

    3. Im Zweifelsfall: Überweisung zum Allergologen zur Durchführung eines differenzierten Allergietests. Dies ist der einzig wissenschaftlich saubere Weg, um eine echte Allergie sicher auszuschließen.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Eine 50-jährige Patientin gibt im Anamnesebogen eine “Allergie auf die Betäubungsspritze” an. Auf Nachfrage berichtet sie, dass sie vor 20 Jahren bei einer Behandlung Herzrasen, Händezittern und Beklemmungsgefühle hatte.

  • Analyse: Die beschriebenen Symptome sind die klassischen, lehrbuchmäßigen Wirkungen von Adrenalin (dem Vasokonstriktor) und einer Angstreaktion. Sie sind in keiner Weise typisch für eine echte allergische Reaktion (die mit Hautausschlag, Juckreiz, Schwellung, Atemnot einhergehen würde).

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen:

    1. Aufklärung: Der Behandler erklärt der Patientin: “Was Sie damals erlebt haben, ist keine Allergie, sondern eine sehr häufige und normale Reaktion des Körpers auf das Adrenalin im Anästhetikum, das den Kreislauf kurz anregt. Wir können das heute vermeiden, indem wir extrem langsam injizieren.”

    2. Technik: Ein modernes Amid-Lokalanästhetikum (z.B. Articain mit Adrenalin) wird nach Aspiration extrem langsam (z.B. über 60 Sekunden pro Karpule) injiziert.

  • Ergebnis: Die Patientin erreicht eine tiefe, schmerzfreie Anästhesie ohne jegliche negative systemische Reaktion. Durch die korrekte pharmakologische Einordnung der anamnestischen Angaben konnte die Patientin sicher behandelt und ihre langjährige Angst vor einer vermeintlichen Allergie genommen werden.