Lektion 5: Grundlagen der Immunpathologie (Überempfindlichkeitsreaktionen, Autoimmunität)
A. Klinische Relevanz
Das Immunsystem ist unser Schutzschild. Manchmal jedoch reagiert es fehlerhaft und wird selbst zur Ursache von Krankheiten. Die Immunpathologie beschreibt diese Fehlreaktionen, die sich in zwei Hauptformen äußern: eine überschießende Reaktion auf harmlose, fremde Substanzen (Überempfindlichkeit/Allergie) oder eine verfehlte Reaktion gegen den eigenen Körper (Autoimmunität). Für den Zahnarzt ist dieses Wissen entscheidend, um allergische Reaktionen auf Dentalmaterialien (Metalle, Kunststoffe, Latex) zu verstehen und zu managen sowie die oft schwerwiegenden oralen Manifestationen von systemischen Autoimmunerkrankungen zu erkennen und den Patienten interdisziplinär zu betreuen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Überempfindlichkeitsreaktionen (nach Coombs & Gell) Diese klassische Einteilung beschreibt die vier grundlegenden Mechanismen, wie das Immunsystem Gewebeschäden verursachen kann.
2. Die Autoimmunität: Der Angriff auf das “Selbst”
-
Definition: Ein Versagen der immunologischen Selbsttoleranz, das dazu führt, dass das Immunsystem körpereigene Strukturen (Autoantigene) angreift.
-
Mechanismus: Kann durch Antikörper (Typ II/III) oder T-Zellen (Typ IV) vermittelt werden.
-
Wichtige Autoimmunerkrankungen mit oraler Manifestation:
-
Sjögren-Syndrom: Autoimmune Zerstörung der Speichel- und Tränendrüsen, führt zu schwerer Xerostomie (Mundtrockenheit) und Xerophthalmie (trockene Augen).
-
Pemphigus vulgaris & Schleimhautpemphigoid: Schwere, blasenbildende Erkrankungen der Haut und Schleimhäute. Die schmerzhaften oralen Läsionen sind oft das erste und dominanteste Symptom.
-
Oraler Lichen Planus: Eine chronische T-Zell-vermittelte Entzündung der Mundschleimhaut, die sich oft als weiße, netzartige Streifung (Wickham-Streifen) oder als schmerzhafte rote/erosive Läsionen zeigt.
-
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Allergie-Anamnese als Schlüssel: Die gezielte Frage nach bekannten Allergien ist der wichtigste Schritt zur Vermeidung von Komplikationen. Bei Verdacht auf eine Materialallergie ist der Epikutantest (Pflastertest) beim Dermatologen/Allergologen der diagnostische Goldstandard.
Fallbeispiel 1: Die Kontaktallergie (Typ IV)
-
Szenario: Ein Patient erhält eine neue Modellgussprothese aus einer NEM-Legierung. Eine Woche später klagt er über ein starkes Brennen und eine Rötung der gesamten Schleimhaut, die Kontakt zur Prothese hat.
-
Anamnese: Auf Nachfrage berichtet der Patient, dass er auch von “billigen” Gürtelschnallen Hautausschlag bekommt.
-
Analyse: Dies ist das klassische Bild einer allergischen Kontaktstomatitis, höchstwahrscheinlich auf Nickel, das in der Legierung enthalten ist.
-
Klinische Konsequenz: Die Prothese muss entfernt werden. Nach Abheilung der Schleimhaut muss eine neue, garantiert nickelfreie Versorgung angefertigt werden (z.B. aus einer CoCr-Legierung oder PEEK).
Fallbeispiel 2: Erkennen einer Autoimmunerkrankung
-
Szenario: Eine 55-jährige Patientin stellt sich vor, weil sie seit über einem Jahr an einem extrem trockenen Mund und brennenden Augen leidet. Klinisch fallen eine “karminrote”, glatte Zunge und multiple neue Wurzelkaries-Läsionen auf.
-
Analyse: Die Symptom-Trias aus Xerostomie, Xerophthalmie und den daraus resultierenden oralen Problemen ist hochgradig verdächtig für ein Sjögren-Syndrom.
-
Klinische Konsequenz: Die zahnärztliche Aufgabe ist zweigeteilt:
-
Symptomatisches Management: Behandlung der Wurzelkaries und Einleitung eines intensiven Präventionsprogramms (Fluoride, Speichelersatzmittel).
-
Interdisziplinäre Koordination: Der dringende Verdacht auf eine systemische Autoimmunerkrankung wird dem Patienten erklärt und er wird zur weiteren Diagnostik und Therapie an einen Rheumatologen oder den Hausarzt überwiesen.
-
-
Ergebnis: Der Zahnarzt hat eine schwerwiegende systemische Erkrankung aufgrund ihrer oralen Manifestationen als Erster vermutet und den Weg zur korrekten medizinischen Diagnose und Behandlung geebnet.