Lektion 5: Edelmetall-Legierungen – Gold als Goldstandard

A. Klinische Relevanz

 

Über ein Jahrhundert lang waren Goldlegierungen der unangefochtene “Goldstandard” in der restaurativen Zahnheilkunde, ein Synonym für höchste Qualität und Langlebigkeit. Obwohl ihr Einsatz aus ästhetischen und ökonomischen Gründen stark zurückgegangen ist, ist das Verständnis ihrer einzigartigen Eigenschaften für jeden Zahnarzt essenziell. Zum einen, weil unzählige, oft jahrzehntealte Goldrestaurationen in den Mündern unserer Patienten versorgt werden müssen, und zum anderen, weil ihre herausragenden biomechanischen Eigenschaften in bestimmten klinischen Nischen auch heute noch unübertroffen sind.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Definition und Klassifikation

  • Edelmetalle: Chemisch definiert als Metalle, die unter normalen Bedingungen sehr korrosionsbeständig sind. In der Zahnmedizin sind dies vor allem Gold (Au), Platin (Pt) und Palladium (Pd).

  • Dentallegierungen: Reines Gold ist für zahnärztliche Zwecke zu weich. Es wird immer mit anderen Metallen legiert, um die mechanischen Eigenschaften (Härte, Festigkeit) zu verbessern.

  • Klassifikation nach Edelmetallgehalt:

    • Hochgoldhaltig (“High Noble”): Enthält ≥ 60% Edelmetalle, davon mindestens 40% Gold. Der klassische Goldstandard.

    • Goldreduziert / Palladium-Basis (“Noble”): Enthält ≥ 25% Edelmetalle.

    • Nichtedelmetall (“Base Metal”): Enthält < 25% Edelmetalle (siehe nächste Lektion).

2. Die Zusammensetzung und Funktion der Legierungsbestandteile Jedes Metall in einer Hochgoldlegierung hat eine spezifische Funktion:

  • Gold (Au): Verleiht die goldene Farbe, exzellente Korrosionsbeständigkeit und die entscheidende Duktilität (Verformbarkeit).

  • Kupfer (Cu): Ist der wichtigste Härtesteigerer. Erhöht die Festigkeit und ermöglicht die Aushärtung der Legierung durch Wärmebehandlung.

  • Silber (Ag): Hellt die Farbe auf und erhöht ebenfalls die Härte.

  • Platin (Pt) & Palladium (Pd): Erhöhen den Schmelzpunkt, die Festigkeit und die Korrosionsbeständigkeit.

  • Zink (Zn): Dient in kleinen Mengen als “Schutzgas” beim Gießen und verhindert die Oxidation anderer Metalle.

3. Die überlegenen Eigenschaften von Goldlegierungen

  • Biokompatibilität: Hochgoldhaltige Legierungen sind extrem gut verträglich. Echte Gold-Allergien sind eine absolute Rarität.

  • Korrosionsbeständigkeit: Sie sind im aggressiven Milieu der Mundhöhle praktisch inert.

  • Brunierbarkeit (Duktilität): Dies ist die klinisch entscheidende Eigenschaft. Die Ränder einer Goldrestauration können mit Polierinstrumenten an den Zahnstumpf angerieben und verdichtet (bruniert) werden. Dieser Vorgang schließt den Zementspalt auf ein Minimum und erzeugt einen unübertroffen dichten und langlebigen Randschluss.

  • Antagonisten-Schonung: Die Abrasionsrate von Gold ist der des natürlichen Zahnschmelzes sehr ähnlich. Eine Goldkrone führt daher nicht zu einem übermäßigen Verschleiß des Gegenzahnes.

  • Präzision: Das zahntechnische Gusverfahren für Gold ist hochentwickelt und ermöglicht Restaurationen mit exzellenter Passgenauigkeit.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Heutige (Nischen-)Indikationen: Obwohl ästhetisch oft nicht mehr akzeptiert, gibt es Situationen, in denen eine Goldrestauration biomechanisch die beste Wahl ist:

  • Vollgusskronen an zweiten Molaren, wo die Ästhetik keine Rolle spielt.

  • Onlays oder Teilkronen bei Patienten mit starkem Bruxismus, um die Antagonisten zu schonen und Frakturen zu vermeiden.

  • Als Primärkronen für hochpräzise Teleskopprothesen.

Fallbeispiel: Der Bruxer-Patient

  • Szenario: Ein 55-jähriger Patient mit starken Knirschfacetten an allen Zähnen (Bruxismus) benötigt eine neue Krone an Zahn 37 (unterer zweiter Molar). Der Gegenzahn ist ein gesunder, natürlicher Zahn.

  • Analyse: Die Versorgung muss extremen Kaukräften standhalten und darf den wertvollen Schmelz des Gegenzahnes nicht schädigen.

  • Material-Abwägung:

    • Zirkonoxid-Keramik: Wäre zwar stabil genug, aber insbesondere ältere, opake Zirkonoxidtypen können bei Knirschern einen sehr hohen Verschleiß am Gegenkiefer-Schmelz verursachen (“Schleifpapier-Effekt”).

    • VMK-Krone: Die Verblendkeramik birgt ein hohes Risiko für “Chipping” (Abplatzungen) unter der parafunktionellen Last.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Eine Vollguss-Goldkrone.

  • Rationale:

    1. Antagonisten-Schonung: Gold ist das einzige Material, das den Gegenzahn nicht übermäßig abradieren wird.

    2. Langlebigkeit: Das Material ist duktil genug, um die hohen Kräfte aufzunehmen, ohne zu frakturieren.

    3. Präzision: Der brunierbare Rand sorgt für einen dauerhaft dichten Schutz vor Sekundärkaries.

  • Ergebnis: Die Entscheidung für die Goldkrone ist in diesem Fall keine nostalgische, sondern eine hochmoderne, evidenzbasierte und biomechanisch fundierte Entscheidung. Sie priorisiert die Funktion und den Schutz der Restbezahnung über die Ästhetik im nicht-sichtbaren Bereich.