Lektion 5: Die Modellanalyse: Vermessung von Gipsmodellen (Platzanalyse, Bolton-Analyse)

A. Klinische Relevanz

 

Die Analyse der Gipsmodelle (Studienmodelle) ist ein fundamentaler Baustein der kieferorthopädischen Diagnostik. Sie ermöglicht eine präzise, quantitative Vermessung der Zähne und Zahnbögen, frei von den Weichgeweben und in allen drei Dimensionen. Die Modellanalyse liefert die entscheidenden Zahlen, um die zentrale Frage zu beantworten: “Ist genug Platz für alle Zähne da?”. Die Ergebnisse dieser Analyse, insbesondere der Platzanalyse, sind die wichtigste Grundlage für eine der weitreichendsten Therapieentscheidungen in der Kieferorthopädie: die Entscheidung für oder gegen die Extraktion von bleibenden Zähnen zur Platzbeschaffung.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Grundlagen Die Analyse erfolgt an präzise getrimmten Hartgips-Modellen mit einem Messinstrument (manuelle oder digitale Schublehre).

2. Die Platzanalyse: Das Verhältnis von Platzangebot und Platzbedarf

  • Konzept: Die Platzanalyse vergleicht den verfügbaren Platz im Zahnbogen (Platzangebot) mit dem Platz, den die Zähne benötigen (Platzbedarf).

  • Der Platzbedarf:

    • Messung: Die mesio-distale Breite jedes einzelnen Zahnes (von Prämolar zu Prämolar oder Molar zu Molar) wird exakt vermessen.

    • Berechnung: Die Summe der Einzelzahnbreiten ergibt den Gesamt-Platzbedarf.

  • Das Platzangebot:

    • Messung: Die Länge des Zahnbogens wird segmentweise entlang der Kontaktpunkte von Molar zu Molar vermessen.

  • Die Formel: Platzanalyse = Platzangebot – Platzbedarf

  • Interpretation:

    • Positiver Wert: Es ist mehr Platz vorhanden als benötigt (Lückenstand).

    • Negativer Wert: Es ist weniger Platz vorhanden als benötigt. Dieser Wert quantifiziert den Engstand in Millimetern.

3. Die Bolton-Analyse: Das Größenverhältnis der Zähne von OK zu UK

  • Konzept: Diese Analyse überprüft, ob die Zähne des Oberkiefers proportional zur richtigen Größe im Verhältnis zu den Zähnen des Unterkiefers stehen.

  • Rationale: Eine perfekte Verzahnung (Klasse I) ist nur möglich, wenn die Summe der Oberkiefer-Zahnbreiten in einem bestimmten Verhältnis zur Summe der Unterkiefer-Zahnbreiten steht.

  • Beispiel: Sind die oberen seitlichen Schneidezähne zu klein (“Zapfenzähne”), wird auch bei ansonsten perfekter Bisslage eine Lücke in der Oberkieferfront verbleiben.

  • Messung: Es werden zwei Verhältnisse (Ratio) berechnet:

    • Anteriore Ratio: (Summe der UK-Frontzahnbreiten / Summe der OK-Frontzahnbreiten) x 100. Idealwert: ca. 77,2%.

    • Gesamt-Ratio: (Summe der UK-Zahnbreiten 6-6 / Summe der OK-Zahnbreiten 6-6) x 100. Idealwert: ca. 91,3%.

  • Klinische Konsequenz: Eine signifikante Bolton-Diskrepanz muss in der Therapieplanung berücksichtigt werden, z.B. durch approximale Schmelzreduktion (ASR, “Stripping”) an den zu breiten Zähnen oder durch einen restaurativen Aufbau der zu schmalen Zähne.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Extraktionsentscheidung: Das Ergebnis der Platzanalyse ist der wichtigste, aber nicht der einzige Faktor bei der Entscheidung zur Extraktionstherapie.

  • Faustregel: Ein Engstand von bis zu 4 mm kann oft ohne Extraktionen gelöst werden (z.B. durch leichte Proklination der Front, ASR). Ein Engstand von mehr als 8-10 mm erfordert fast immer die Extraktion von bleibenden Zähnen (meist Prämolaren), um ein stabiles und parodontal gesundes Ergebnis zu erzielen.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 14-jähriger Patient hat einen ausgeprägten Engstand in der Unterkiefer-Front. Der Kieferorthopäde muss entscheiden, ob Zähne gezogen werden müssen.

  • Diagnostischer Prozess (Modellanalyse):

    1. Platzbedarf: Die Vermessung der UK-Zähne von 36 bis 46 ergibt eine Summe der Zahnbreiten von 82 mm.

    2. Platzangebot: Die Vermessung der Zahnbogenlänge auf dem Gipsmodell ergibt einen verfügbaren Platz von nur 73 mm.

    3. Platzanalyse: 73 mm (Angebot) - 82 mm (Bedarf) = -9 mm.

  • Analyse: Die Modellanalyse objektiviert den klinischen Eindruck: Es liegt ein schwerer Platzmangel von 9 mm vor.

  • Klinische Konsequenz & Behandlungsplanung:

    • Ein Engstand von 9 mm kann nicht-extraktiv nicht stabil und parodontal schonend aufgelöst werden.

    • Der Kieferorthopäde plant daher eine Extraktionstherapie. Die Entfernung der beiden ersten Prämolaren im Unterkiefer (Zähne 34 und 44) schafft ca. 14-15 mm Platz. Dieser Platz wird genutzt, um den Engstand vollständig aufzulösen und die Frontzähne in eine stabile Position zurückzuführen.

  • Ergebnis: Die objektive, metrische Information aus der Modellanalyse war die entscheidende Grundlage für die irreversible, aber in diesem Fall notwendige Entscheidung zur Extraktion. Sie wandelt eine subjektive Einschätzung (“starker Engstand”) in eine exakte Zahl um, auf der eine rationale Therapieplanung aufbauen kann.