Lektion 4: Wundheilung und Wundversorgung in der Mundhöhle: Grundprinzipien, Nahttechniken und lokale Maßnahmen

A. Klinische Relevanz
Die Mundhöhle ist eine einzigartige Wundumgebung: feucht, keimbelastet, aber auch hochvaskularisiert mit enormem Heilungspotential. Ein tiefes Verständnis der physiologischen Wundheilung und der technischen Grundlagen der Wundversorgung ist die Voraussetzung für komplikationsarme chirurgische Ergebnisse. Die richtige Nahttechnik kann die Heilung optimieren, während Fehler zu Wunddehiszenzen, Infektionen und Narbenbildung führen können.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Phasen der Wundheilung in der Mundhöhle

Die Wundheilung verläuft in überlappenden Phasen, die in der Mundhöhle aufgrund der speziellen Biologie beschleunigt ablaufen.

  • Exsudative Phase (0.-3. Tag): Blutstillung und Bildung eines Wundkoagulums als provisorischer Wundverband.

  • Resorptive Phase (2.-5. Tag): Einsprossung von Kapillaren und Bindegewebszellen (Fibroblasten) in das Koagel. Bildung von Granulationsgewebe.

  • Proliferative Phase (3.-21. Tag): Die Fibroblasten produzieren Kollagen. Die Wunde kontrahiert. Im Mund erfolgt die Epithelisierung sehr schnell (ca. 0,5-1 mm/Tag).

  • Reparative Phase (ab 21. Tag): Umbau des Narbengewebes und Reifung der Kollagenfasern.

2. Grundprinzipien der chirurgischen Wundversorgung

  • Asepsis: Steriles Arbeiten zur Keimreduktion.

  • Schonende Gewebehandhabung: Atraumatisches Instrumentarium und vorsichtiges Greifen des Gewebes (z.B. mit der Anatomischen Pinzette).

  • Glatte Wundränder: Exakte, scharfe Schnittführung.

  • Spannungsfreier Wundverschluss: Der Lappen muss ohne Zug adaptiert werden können, sonst Dehiszenz.

  • Gute Durchblutung: Die Wundränder müssen vital sein.

3. Nahtmaterialien und Nahttechniken

Die Wahl des richtigen Materials und der Technik ist entscheidend.

 
 
Nahttechnik Beschreibung & Indikation Vorteile & Nachteile
Einzelknopfnaht (Einzelstich) Einzelne, voneinander unabhängige Nähte. Standardverschluss für die meisten oralchirurgischen Wunden. Vorteil: Einfach, sicher, gute Adaptation, bei einer insuffizienten Naht bleiben andere bestehen.
Nachteil: Zeitaufwendiger.
Fortlaufende Naft Ein langer Faden wird in mehreren Stichen ohne Unterbrechung durchgezogen. Vorteil: Sehr schnell, guter Verschluss von langen Schnitten.
Nachteil: Wenn der Faden reißt, öffnet sich die gesamte Wunde.
Matratzennaft (vertikal/horizontal) Der Faden verläuft tief und oberflächlich, um Wundränder präzise zu adaptieren und zu everieren. Vorteil: Hervorragende Adaptation und Eversion der Wundränder, entlastet die Wunde.
Nachteil: Aufwendiger, mehr Gewebetrauma.

Nahtmaterialien:

  • Resorbierbar (z.B. Vicryl, Catgut): Für tiefe Gewebeschichten und bei Kindern. Muss nicht entfernt werden.

  • Nicht-resorbierbar (z.B. Seide, Polypropylen): Für Haut und intraorale Nähte, die nach 7-10 Tagen entfernt werden müssen. Seide ist weich und knotet gut, ist aber “dochtend”.

4. Lokale Maßnahmen zur Wundkonditionierung

  • Alveolen-Tamponade: Bei trockener Alveole wird ein medikamentöses Tamponade (z.B. mit Zinkoxid-Eugenol) eingelegt, um den freiliegenden Knochen zu bedecken und Schmerzen zu lindern.

  • Chlorhexidin-Spülung: Antiseptische Mundspülung zur Reduktion der Keimlast postoperativ.

  • Kollagenvlies: Wird in Extraktionsalveolen eingelegt, um das Koagel zu stabilisieren und die Heilung zu führen, besonders bei Risikopatienten.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Verschluss nach Weisheitszahnentfernung

  • Szenario: Nach operativer Entfernung von Zahn 38 besteht ein größerer mukoperiostaler Lappen, der adaptiert werden muss.

  • Analyse: Ein spannungsfreier, dichter Verschluss ist notwendig, um eine Infektion des Knochendefekts zu verhindern.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es werden Einzelknopfnähte mit einem resorbierbaren Faden (z.B. Vicryl 4-0) gelegt. Die erste Naht wird im distalen Keil platziert, um den Lappen zu zentralisieren. Weitere Nähte werden entlang des Schnittverlaufs gesetzt. Die Naht im Bereich des aufsteigenden Astes muss besonders tief gefasst werden, um den Lappen zu stabilisieren.

Fallbeispiel 2: Die dehiszente Wunde

  • Szenario: Ein Patient stellt sich 5 Tage nach einer Zystektomie mit einer teilweise aufgegangenen Naht und freiliegendem Knochen vor. Es bestehen mäßige Schmerzen, aber keine eitrige Sekretion.

  • Analyse: Es liegt eine Wunddehiszenz vor, wahrscheinlich aufgrund eines Nahtversagens unter Spannung.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

    1. Die Wunde wird vorsichtig gespült (Chlorhexidin 0,1%), um Debris zu entfernen.

    2. Es wird kein erneuter Verschluss versucht, da das Gewebe entzündet und brüchig ist.

    3. Die Wunde wird offen granulierend behandelt. Der Patient wird angewiesen, regelmäßig mit Chlorhexidin zu spülen.

    4. Bei freiliegendem Knunderfolgt die sekundäre Heilung langsam über Wochen aus der Tiefe der Wunde. Regelmäßige Kontrollen sind notwendig.

Fallbeispiel 3: Naht nach Frenulektomie

  • Szenario: Ein Patient mit einem Lippenbändchen, das ein Diastema mediale verursacht, erhält eine Frenulektomie.

  • Analyse: Nach Durchtrennen des Bändchens entsteht eine rautenförmige Wunde. Ein einfacher Verschluss würde das Bändchen sofort rekonstituieren.

  • Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Es wird eine Z-Plastik durchgeführt. Dabei wird der vertikale Schnitt in zwei Winkel zueinander stehende Schnitte umgewandelt, die dann quer vernäht werden. Diese Technik verlängert das Gewebe und verhindert ein Rezidiv des zu straffen Bändchens. Die Adaptation der Wundränder erfolgt mit feinen resorbierbaren Einzelknopfnähten.