Lektion 4: Materialkunde II: Brackets – Aufbau, Slot-Größen (0.018″ vs. 0.022″), Drehmomentvorgabe (Torque) und Friktion (konventionell vs. selbstligierend)
A. Klinische Relevanz
Das Bracket ist die Schnittstelle zwischen dem kieferorthopädischen Bogen und dem Zahn. Seine technischen Eigenschaften – Größe, Form und Mechanik – bestimmen maßgeblich, wie Kräfte und Momente übertragen werden. Die Wahl des Bracketsystems (Slot-Größe, Torque-Wert, Ligaturmechanismus) ist eine fundamentale Entscheidung, die den Behandlungsablauf, die Mechanik und das Endergebnis beeinflusst.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Aufbau eines Standard-Brackets
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Basis: Wird mit Komposit auf den Zahn geklebt.
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Slot: Die zentrale, horizontale Nut, in der der Bogen liegt. Seine Größe ist standardisiert.
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Flügel (bei konventionellen Brackets): Halten den Ligaturdraht oder das Gummiringli.
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Torque-Angabe: Gibt die vorgegebene Wurzelstellung im Ober- bzw. Unterkiefer an.
2. Die Slot-Größe: 0.018″ vs. 0.022″ – Ein strategischer Unterschied
Die Wahl des Systems ist eine der ersten und wichtigsten Entscheidungen.
| Merkmal | 0.018″-System | 0.022″-System |
|---|---|---|
| Slot-Größe | 0.018 Zoll (etwa 0,46 mm) | 0.022 Zoll (etwa 0,56 mm) |
| Spiel (Slop) | Weniger Spiel zwischen Bogen und Slot. | Mehr Spiel zwischen Bogen und Slot. |
| Kraftübertragung | Direktere und schnellere Kraftübertragung. Weniger “verlorene” Bewegung. | Größere Toleranz, was die initiale Einordnung erleichtert. |
| Kontrolle | Ermöglicht eine frühere und präzisere Kontrolle der Wurzelstellung (Torque). | Die volle Wurzelkontrolle wird erst mit dem finalen Stahlbogen erreicht. |
| Klinische Bedeutung | Wird oft als “präziser” angesehen. Erfordert eine sorgfältigere Bogensequenz. | Häufiger verwendet. Verzeiht initiale Fehlstellungen mehr und ist vielseitiger. |
3. Torque (Drehmomentvorgabe)
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Definition: Die vom Hersteller in das Bracket eingearbeitete Vorkippung, die die labio-linguale Stellung der Wurzel (nicht der Krone!) vorgibt.
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Messung: In Grad. Ein positiver Torque bedeutet, die Wurzel ist nach palatinal/lingual gekippt (z.B. bei oberen Schneidezähnen). Ein negativer Torque bedeutet, die Wurzel ist nach labial gekippt (z.B. bei unteren Schneidezähnen).
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Wirkweise: Der Torque wird wirksam, sobald ein rechteckiger Bogen vollständig in den rechteckigen Bracket-Slot eingepasst ist. Der Bogen verformt sich elastisch und übt ein Moment auf den Zahn aus, um ihn in die vorgegebene Position zu drehen.
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Beispiel: Ein oberer Schneidezahn-Bracket hat einen Torque von +22°. Sobald der finale Stahlbogen eingesetzt ist, wird die Wurzel nach palatinal und die Krone leicht nach labial gekippt, um die gewünschte Stellung zu erreichen.
4. Der Ligaturmechanismus: Konventionell vs. Selbstligierend (SL)
Dies ist eine der größten Innovationen der letzten Jahrzehnte.
| Merkmal | Konventionelle Brackets | Selbstligierende (SL) Brackets |
|---|---|---|
| Verschlussmechanismus | Extrakoronal: Metall-Ligaturdraht oder elastomeres Gummiringli. | Intrakoronal: Integrierter Verschlussmechanismus (Klammer, Clip, Schieber). |
| Friktion | Hoch. Die Ligatur presst den Bogen gegen den Slot-Boden, was Reibung erzeugt. | Gering (passiv) bis null (aktiv). Der Bogen liegt locker im Slot oder wird nur leicht gehalten. |
| Klinischer Effekt | Höhere Reibung kann die Geschwindigkeit der Zahnbewegung verringern, besonders beim Lückenschluss. | Potentiell schnellere Zahnbewegungen durch reduzierte Reibung. Einfachere Mundhygiene. |
| Kraftniveau | Oft höhere Kräfte nötig, um die Reibung zu überwinden. | Leichtere, kontinuierlichere Kräfte sind möglich. |
| Handling | Jeder Bogenwechsel erfordert das Öffnen und Schließen aller Ligaturen (zeitaufwendig). | Schnellerer Bogenwechsel durch einfaches Öffnen/Schließen des Verschlusses. |
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Die Auswirkung der Slot-Größe auf die Behandlung
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Szenario: Zwei Patienten mit ähnlichem Engstand. Bei einem werden 0.018″-Brackets, beim anderen 0.022″-Brackets verwendet.
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Analyse: Beim 0.018″-System wird der Behandler früher (z.B. mit einem 0.016″x0.022″ Bogen) eine nahezu vollständige Wurzelkontrolle haben. Beim 0.022″-System ist dies erst mit dem finalen 0.019″x0.025″ Bogen der Fall.
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Klinische Konsequenz: Der Behandler mit dem 0.018″-System kann möglicherweise früher mit aktiven Maßnahmen wie dem Lückenschluss beginnen, da die Zahnstellung schneller stabilisiert wird. Der Behandler mit dem 0.022″-System hat mehr Toleranz in der Nivellierungsphase.
Fallbeispiel 2: Korrektur einer proklinierten Oberkieferfront
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Szenario: Ein Patient hat eine stark proklinierte Oberkieferfront. Die Wurzeln stehen zu far nach vorne.
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Analyse: Um die Frontzähne zu retrahieren und die Wurzeln in den Knochen zu bewegen, wird Wurzeltorque benötigt.
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Klinische Konsequenz & Lösung: Die Brackets für die Oberkieferschneidezähne haben einen hohen positiven Torque (z.B. +22°). Sobald der finale rechteckige Stahlbogen eingesetzt wird, übt er ein Moment auf die Zahnwurzeln aus, um sie nach palatinal zu kippen (Wurzelaufstellung). Dies ist ein passiver Prozess, der durch den eingebauten Torque des Brackets gesteuert wird.
Fallbeispiel 3: Die Entscheidung für selbstligierende Brackets
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Szenario: Ein Behandler plant die Behandlung eines erwachsenen Patienten mit eingeschränkter Mundhygiene und moderatem Engstand.
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Analyse: Geringere Friktion und einfachere Reinigung sind wünschenswert.
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Klinische Konsequenz & Lösung: Die Entscheidung fällt auf selbstligierende Brackets. Die Vorteile sind:
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Einfachere Mundhygiene durch das Fehlen von Gummiringlis.
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Potentiell kürzere Behandlungszeit für den Lückenschluss aufgrund geringerer Reibung.
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Schnellere und komfortablere Kontrolltermine für den Behandler.
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