Lektion 4: Management von Patienten mit Bewegungsstörungen (M. Parkinson, Epilepsie)

A. Klinische Relevanz

 

Neurologische Erkrankungen, die die Motorik beeinflussen, stellen die zahnärztliche Behandlung vor besondere Herausforderungen. Bei Morbus Parkinson erschweren Tremor und Rigor die Behandlung und die häusliche Mundhygiene. Bei Epilepsie besteht das latente Risiko eines Anfalls im Behandlungsstuhl, was ein schnelles und korrektes Notfallmanagement erfordert. Das Wissen um die Pathophysiologie dieser Erkrankungen und die Anpassung der Behandlungsstrategien ist entscheidend, um diesen Patienten eine sichere, effektive und würdige zahnärztliche Versorgung zu ermöglichen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Morbus Parkinson

  • Definition: Eine progressive neurodegenerative Erkrankung, die durch den Verlust von Dopamin-produzierenden Nervenzellen im Gehirn gekennzeichnet ist.

  • Motorische Kardinalsymptome (Trias):

    • Ruhetremor: Ein Zittern (oft als “Pillendrehen” beschrieben), das in Ruhe auftritt und bei gezielten Bewegungen nachlässt.

    • Rigor: Eine wächserne Steifigkeit der Muskulatur.

    • Bradykinese/Akinese: Eine Verlangsamung bis hin zum Fehlen von Willkürbewegungen.

  • Zahnärztliche Relevanz:

    • Eingeschränkte Mundhygiene: Tremor und Rigor machen eine effektive manuelle Zahnreinigung fast unmöglich, was zu einem hohen Karies- und Parodontitisrisiko führt.

    • Dysphagie (Schluckstörungen): In fortgeschrittenen Stadien häufig, erhöht das Aspirationsrisiko.

    • Medikamentöse Nebenwirkungen: Die Standardtherapie mit L-DOPA verursacht sehr häufig eine ausgeprägte Xerostomie.

2. Epilepsie

  • Definition: Eine Erkrankung des Gehirns, die durch eine andauernde Prädisposition für das Auftreten von epileptischen Anfällen gekennzeichnet ist.

  • Der epileptische Anfall: Eine vorübergehende, synchrone, exzessive elektrische Entladung von Nervenzell-Populationen im Gehirn.

  • Der generalisierte tonisch-klonische Anfall (“Grand Mal”): Die dramatischste Form und der wichtigste zahnärztliche Notfall.

    • Tonische Phase (ca. 10-20 Sek.): Plötzlicher Bewusstseinsverlust, Versteifung des gesamten Körpers, oft ein initialer Schrei durch die Verkrampfung der Atemmuskulatur.

    • Klonische Phase (ca. 30-90 Sek.): Rhythmische, unkontrollierte Zuckungen der Extremitäten. Es kann zu Zungenbiss und Schaumbildung vor dem Mund kommen.

    • Postiktale Phase: Nach dem Anfall eine Phase der tiefen Bewusstlosigkeit oder Verwirrtheit und Schläfrigkeit.

  • Zahnärztliche Relevanz:

    • Management eines Anfalls im Behandlungsstuhl.

    • Nebenwirkungen der Antiepileptika: Klassischerweise die Phenytoin-induzierte Gingivahyperplasie.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Management des Parkinson-Patienten:

  • Terminplanung: Kurze Termine, idealerweise am Vormittag, ca. 60-90 Minuten nach der morgendlichen Medikamenteneinnahme. Dann ist die motorische Kontrolle des Patienten am besten (“On”-Phase).

  • Mundhygiene: Dringende Empfehlung einer elektrischen Zahnbürste und anderer adaptierter Hilfsmittel. Ein engmaschiges Prophylaxe-Programm ist essenziell.

Management des epileptischen Anfalls in der Praxis (Notfallprotokoll): Oberstes Ziel: Den Patienten vor Verletzungen schützen.

  1. Behandlung sofort stoppen! Alle Instrumente aus dem Mund entfernen!

  2. Patienten sichern: Behandlungsstuhl flach stellen, um einen Sturz zu verhindern. Umliegende Geräte wegräumen.

  3. NICHTS in den Mund stecken! Versuchen Sie nicht, einen Beißkeil oder Ihre Finger zwischen die Zähne zu zwingen. Die Kaukraft ist extrem hoch und würde zu schweren Verletzungen (beim Patienten und Behandler) führen.

  4. Atmung sichern: Lockern Sie enge Kleidung am Hals. Drehen Sie den Kopf sanft zur Seite, damit Speichel abfließen kann.

  5. Zeit nehmen: Beobachten Sie die Dauer des Anfalls auf der Uhr.

  6. Notruf (112) absetzen, wenn:

    • Der Anfall länger als 5 Minuten dauert (Status epilepticus).

    • Es sich um den ersten Anfall des Patienten handelt.

    • Der Patient sich sichtlich verletzt hat oder danach nicht wieder zu atmen beginnt.

  7. Postiktale Phase: Den Patienten in der stabilen Seitenlage ruhen lassen. Atmung überwachen. Ruhig und beruhigend auf ihn einsprechen, wenn er wieder zu sich kommt.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 30-jähriger Patient mit bekannter Epilepsie erleidet während der Zahnsteinentfernung einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall.

  • Analyse: Akuter neurologischer Notfall.

  • Klinische Konsequenz & Management: Das Team handelt nach dem Notfallprotokoll.

    1. Die Behandlerin entfernt sofort das Ultraschallgerät aus dem Mund.

    2. Die Assistenz fährt den Stuhl flach und schiebt den Instrumententisch weg.

    3. Das Team schützt den Patienten vor dem Herunterfallen und achtet darauf, dass er frei atmen kann, ohne ihn festzuhalten. Es wird nichts in den Mund gesteckt.

    4. Der Anfall endet nach ca. 70 Sekunden. Der Patient atmet tief, ist aber nicht ansprechbar.

    5. Da der Anfall kurz war und der Patient wieder spontan atmet, wird zunächst auf einen Notruf verzichtet. Der Patient wird in der postiktalen Phase überwacht. Nach 10 Minuten ist er wieder ansprechbar, aber sehr erschöpft.

  • Ergebnis: Durch das ruhige und korrekte Befolgen des Protokolls wurde eine potenziell gefährliche Situation sicher gemeistert. Der Fokus lag ausschließlich auf der Prävention von Verletzungen.