Lektion 4: Grundlagen der Bissregistrierung und Gesichtsbogenübertragung

A. Klinische Relevanz

 

Eine perfekt passende Krone ist wertlos, wenn sie nicht in den Biss des Patienten passt. Das zahntechnische Labor arbeitet mit Gipsmodellen, die keinerlei Information über die individuelle Kieferrelation des Patienten oder die Position seines Kiefers im Verhältnis zum Schädel und den Kiefergelenken enthalten. Die Bissregistrierung und die Gesichtsbogenübertragung sind die entscheidenden Verfahren, um diese essenziellen funktionellen und räumlichen Informationen vom Patienten in den Artikulator (einen Kausimulator) zu übertragen. Die korrekte Durchführung dieser Schritte ist die Voraussetzung für die Herstellung von passgenauem Zahnersatz, der von Anfang an eine korrekte Okklusion aufweist und aufwendige Einschleifmaßnahmen am Behandlungsstuhl minimiert.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Kieferrelationsbestimmung (Bissregistrierung)

  • Ziel: Die exakte räumliche Zuordnung des Unterkiefermodells zum Oberkiefermodell in einer definierten Position, meist der maximalen Interkuspidation (MIK), also dem gewohnten Vielpunktekontakt der Zähne.

  • Wann ist ein Bissregistrat notwendig?

    • Nicht immer: Wenn das Gebiss so gut verzahnt ist, dass die Gipsmodelle auch ohne Registrat eindeutig und stabil von Hand zusammengesetzt werden können (“Handartikulation”), ist es bei Einzelkronen oft entbehrlich.

    • Zwingend erforderlich: Bei größeren Lücken, fehlender stabiler Abstützung der Kiefer, bei der Versorgung ganzer Quadranten oder Kiefer und immer dann, wenn die Bisshöhe verändert werden soll.

  • Materialien: Harte, additionsvernetzende Bissregistrier-Silikone sind der Goldstandard. Sie sind dimensionsstabil und nicht komprimierbar und sorgen für eine präzise Zuordnung der Modelle.

2. Der Artikulator und der Gesichtsbogen

  • Der Artikulator: Ein mechanisches Gerät, das die Kiefergelenksbewegungen simuliert. Darin werden die Gipsmodelle montiert, um die Kaubewegungen (Öffnen, Schließen, Seitwärtsbewegungen) nachzuahmen.

  • Der Gesichtsbogen: Eine Art “Messgestell”, das am Kopf des Patienten angelegt wird.

    • Problem: Eine willkürliche Montage der Modelle in der Mitte des Artikulators berücksichtigt nicht die individuelle Anatomie des Patienten.

    • Funktion des Gesichtsbogens: Er erfasst die räumliche Beziehung des Oberkiefers zur Schädelbasis und zur individuellen Scharnierachse der Kiefergelenke des Patienten.

    • Die Übertragung: Diese erfasste Relation wird genutzt, um das Oberkiefermodell anatomisch korrekt in den Artikulator zu montieren. Das Unterkiefermodell wird dann mittels Bissregistrat zugeordnet.

  • Klinische Konsequenz: Durch die gesichtsbogen-orientierte Montage stimmen die Bewegungsabläufe (Öffnungs- und Schließradien, Seitwärtsbewegungen) im Artikulator viel genauer mit denen des Patienten überein. Dies ermöglicht dem Zahntechniker, die Kauflächen der Krone so zu gestalten, dass sie bei den Bewegungen des Patienten keine Störkontakte (“Vorkontakte”) aufweisen.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Wann ist ein Gesichtsbogen indiziert?

  • Nicht zwingend für eine einzelne Krone im gut bezahnten Seitenzahnbereich.

  • Dringend empfohlen bis zwingend für:

    • Alle Versorgungen, die die Frontzahnführung beeinflussen.

    • Größere Brücken und komplexe Rehabilitationen.

    • Jede geplante Veränderung der vertikalen Bisshöhe.

    • Patienten mit Kiefergelenksbeschwerden (CMD).

Die Folgen einer fehlerhaften Übertragung: Wird auf Bissregistrat und Gesichtsbogen verzichtet, stellt der Techniker eine Krone her, die im Labor auf willkürlich zusammengesetzten Modellen perfekt passt. Im Mund des Patienten wird diese Krone jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit zu hoch sein und/oder bei Seitwärtsbewegungen stören. Diese massiven Vorkontakte müssen dann zeitaufwendig am Stuhl eingeschliffen werden, was die anatomische Form und die glasierte Oberfläche der Keramik zerstört.

Fallbeispiel: Komplexe Rehabilitation

  • Szenario: Ein Patient mit stark abradiertem Gebiss soll eine komplette prothetische Rehabilitation mit Anhebung der Bisshöhe um 3 mm erhalten.

  • Analyse: Die gewohnte maximale Interkuspidation (MIK) ist zerstört und soll neu definiert werden. Eine willkürliche Montage der Modelle im Labor würde zu einem chaotischen und funktionsuntüchtigen Ergebnis führen.

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen:

    1. Gesichtsbogenübertragung: Zur anatomisch korrekten Orientierung des Oberkiefermodells im Artikulator wird ein Gesichtsbogen angelegt.

    2. Zentrik-Registrat: Da die MIK verändert wird, muss eine neue, therapeutische Kieferrelation bestimmt werden. Dies geschieht durch die Ermittlung der zentrischen, muskulär entspannten Kiefergelenksposition und deren Registrierung.

    3. Montage: Die Modelle werden anhand dieser beiden Registrate im Artikulator montiert.

  • Ergebnis: Der Zahntechniker hat nun eine präzise Simulation der individuellen Kausituation des Patienten. Auf dieser Grundlage kann er einen diagnostischen Wax-up und anschließend die definitiven Kronen herstellen, die von vornherein eine harmonische und funktionell korrekte Okklusion in der neuen Bisshöhe aufweisen. Die Notwendigkeit von Einschleifkorrekturen im Mund wird auf ein Minimum reduziert.