Lektion 4: Digitale Volumentomographie (DVT/CBCT): Grundprinzip, Strahlenexposition und Überblick über die Anwendungsgebiete
A. Klinische Relevanz
Die Digitale Volumentomographie (DVT), auch Cone-Beam-CT (CBCT) genannt, hat die diagnostischen Möglichkeiten in der Zahnmedizin revolutioniert. Sie überwindet die Hauptnachteile der konventionellen 2D-Röntgenverfahren (Überlagerungen, Verzerrungen) durch die Bereitstellung von hochaufgelösten 3D-Datensätzen. Der verantwortungsvolle Umgang mit dieser leistungsstarken Technologie erfordert ein tiefes Verständnis ihres Prinzips, ihrer Strahlenexposition im Vergleich zu anderen Verfahren und der klaren Indikationsstellung, um Patienten nicht unnötig zu belasten.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundprinzip und Technik
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Aufnahmeprinzip: Eine kegelförmige (cone-beam) Röntgenstrahlung rotiert einmal um den Kopf des Patienten. Ein flächiger Detektor auf der Gegenseite nimmt aus vielen hundert Projektionsrichtungen Bilder auf.
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Bildrekonstruktion: Ein Computer berechnet aus diesen 2D-Projektionen einen isotropen 3D-Voxeldatensatz. Dies bedeutet, dass die Bildpunkte in allen drei Raumebenen (axial, koronar, sagittal) die gleiche Größe haben und somit messgenaue Rekonstruktionen in jeder Ebene ermöglichen.
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Unterschied zum medizinischen CT (MDCT):
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DVT: Kegelförmiger Strahl, geringere Dosis, bessere räumliche Auflösung (ideal für knöcherne Strukturen), aber geringerer Weichteilkontrast.
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MDCT: Fächerförmiger Strahl, höhere Dosis, geringere räumliche Auflösung, aber hervorragender Weichteilkontrast (für Hirn, Organe).
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2. Strahlenexposition und das ALARA-Prinzip
Die effektive Dosis einer DVT-Aufnahme variiert stark und muss immer gegen den diagnostischen Nutzen abgewogen werden.
| Verfahren (Beispiele) | Ungefähre effektive Dosis (µSv) | Vergleich (ca.) |
|---|---|---|
| Intraorale Einzelaufnahme | 1 – 8 µSv | ½ Tag natürliche Hintergrundstrahlung |
| Panoramaschichtaufnahme (OPG) | 10 – 30 µSv | 3 – 5 Tage |
| Kleinvolumige DVT (z.B. 5×5 cm für einen Zahn) | 20 – 50 µSv | 3 – 10 Tage |
| Großvolumige DVT (z.B. beide Kiefer) | 50 – 200 µSv | 10 – 30 Tage |
| Medizinisches CT des Schädels | 1.000 – 2.000 µSv | 6 – 12 Monate |
Fazit: Eine zielgerichtete, kleinvolumige DVT kann eine geringere Dosis verursachen als ein OPG, während eine großvolumige DVT eine deutlich höhere Dosis bedeutet. Die Feldgröße (FOV – Field of View) muss immer so klein wie möglich gewählt werden.
3. Überblick über die Hauptanwendungsgebiete
Die DVT ist indiziert, wenn die entscheidende diagnostische Frage mit 2D-Verfahren nicht sicher beantwortet werden kann.
| Anwendungsgebiet | Konkrete Fragestellung |
|---|---|
| Implantologie | 3D-Vermessung von Knochenhöhe und -breite, Beurteilung der Knochenqualität, Lage zu Nerven und Kieferhöhle, virtuelle Implantatplanung. |
| Oralchirurgie | Lagebeziehung der Weisheitszähne zum N. alveolaris inferior, Ausdehnung von Zysten/Tumoren, Darstellung von Wurzelfrakturen, Fremdkörperlokalisation. |
| Endodontie | Diagnose von verborgenen Kanälen (MB2), vertikalen Wurzelfrakturen, periapikaler Chirurgie (Größe einer Läsion, Beziehung zu Nachbarstrukturen). |
| Orthodontie/Dysgnathie | Lage retinierter Zähne (z.B. Canini), Analyse von Knochenasymmetrien, 3D-Vermessung für die chirurgische Planung. |
| TMJ-Diagnostik | Degenerative Veränderungen des Kiefergelenks (Arthrose), knöcherne Ankylose. |
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Fallbeispiel 1: Die präimplantologische Planung
Szenario: Im zahnlosen Unterkiefer-Seitenzahnbereich soll ein Implantat gesetzt werden. Das OPG lässt keine sichere Beurteilung der Knochenbreite und der genauen Lage des Nervenkanals zu.
Analyse: Eine blinde Implantation basierend nur auf dem OPG wäre fahrlässig und mit einem hohen Risiko für Nervenschäden verbunden.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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DVT-Indikation: Es wird eine zielgerichtete, kleinvolumige DVT des geplanten Implantatareals angefertigt.
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Virtuelle Planung: Im DVT-Datensatz wird der Nervenkanal exakt lokalisiert und das Implantat virtuell in der idealen Position platziert.
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Resultat: Der Chirurg kennt die exakte Knochenanatomie, kann die Implantatlänge und -dicke sicher wählen und das Nervenrisiko minimieren. Gegebenenfalls wird ein bohrschablonengeführter Eingriff geplant.
Fallbeispiel 2: Der retinierte untere Weisheitszahn
Szenario: Im OPG liegt die Wurzelspitze von Zahn 38 im Projektionsbereich des Nervenkanals (“darkening of the root”).
Analyse: Das OPG kann nicht zwischen einer echten Überlagerung und einem tatsächlichen Kontakt unterscheiden.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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DVT-Indikation: Zur Risikoabschätzung einer Nervschädigung ist eine DVT-Untersuchung indiziert.
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Befundung: Das DVT zeigt in den axialen und koronaren Schichten, dass der Nerv bukkal zwischen den beiden Wurzeln des Zahnes verläuft und nicht direkt berührt wird.
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Therapiefolge: Da das Nervenrisiko als gering eingestuft wird, kann die Weisheitszahnentfernung standardmäßig durchgeführt werden. Wäre der Nerv lingual oder zwischen den Wurzeln eingebettet, würde man eine Coronektomie in Erwägung ziehen.
Fallbeispiel 3: Die Suche nach einer vertikalen Wurzelfraktur
Szenario: Ein wurzelbehandelter Zahn verursacht trotz radiologisch dicht erscheinender Wurzelfüllung im OPG und in der Einzelaufnahme immer wieder Beschwerden. Der Verdacht auf eine vertikale Wurzelfraktur besteht.
Analyse: Vertikale Wurzelfrakturen sind in 2D-Aufnahmen oft unsichtbar.
Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:
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DVT-Indikation: Eine hochauflösende, kleinvolumige DVT des betroffenen Zahnes ist das diagnostische Mittel der Wahl.
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Befund: Im DVT ist eine feine, hypodense Linie über die gesamte Länge der Wurzel zu erkennen – der Beweis für eine vertikale Wurzelfraktur.
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Therapiefolge: Die Diagnose hat unmittelbare Konsequenzen: Der Zahn ist nicht erhaltungswürdig und muss extrahiert werden. Eine Revision der Wurzelkanalbehandlung wäre erfolglos.