Lektion 4: Dentogene Infektionen und Abszesse: Klinik, Eskalationsstadien und Therapie (Inzision, Drainage, Antibiose)

A. Klinische Relevanz
Dentogene Infektionen gehören zu den häufigsten Notfällen in der Zahnarztpraxis. Sie beginnen oft harmlos als Karies, können sich aber über eine Pulpitis und apikale Parodontitis zu lebensbedrohlichen Abszessen und Phlegmonen entwickeln. Das rechtzeitige Erkennen des Eskalationsstadiums und die sofortige Einleitung der korrekten Therapie – deren Kernstück die chirurgische Eröffnung ist – sind überlebenswichtig.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Stadien der dentogenen Infektion und ihre Klinik

Die Infektion folgt einem typischen Weg des geringsten Widerstands.

 
 
Stadium Pathologie Klinische Symptome
1. Apikale Parodontitis Entzündung des Desmodonts an der Wurzelspitze. Klopf- und Aufbissschmerz, Gefühl des “längeren Zahns”.
2. Abscessus periapicalis Eitrige Einschmelzung im Knochen an der Wurzelspitze. Starker, pulsierender Schmerz. Zahn ist extrem klopfempfindlich.
3. Abscessus subperiostealis Eiter unter der Knochenhaut (Periost). Sehr schmerzhaft. Starker, lokalisierter Druckschmerz. Noch keine äußere Schwellung sichtbar.
4. Abscessus vestibularis / palatinalis Eiter durchbricht den Knochen in die Weichteile. Fluktuierende, gerötete Schwellung im Vestibulum oder am Gaumen. Dramatische Schmerzlinderung nach Durchbruch.

2. Das therapeutische Stufenschema

Die Therapie folgt einer klaren Hierarchie, wobei Schritt 1 und 2 die kausale Therapie darstellen.

  1. Incision et Drainage (I&D): Eröffnung des Abszesses mit dem Skalpell zur Entlastung. Führt zur sofortigen Schmerzlinderung. Eine Drainage (Gummi-Läsion) kann eingelegt werden.

  2. Sanierung der Ursache: Entweder Wurzelkanalbehandlung des verursachenden Zahnes oder dessen Extraktion.

  3. Adjungante Antibiose: Unterstützende Maßnahme, die die I&D nie ersetzt. Indikationen: Systemische Beteiligung (Fieber, Lymphknotenschwellung), Ausbreitung in die tiefen Halsweichteile (Phlegmone), Immunkompromittierte Patienten.

3. Wahl des Antibiotikums

  • Erstwahl: Aminopenicillin + Beta-Laktamase-Inhibitor (z.B. Amoxicillin + Clavulansäure). Breites Spektrum, wirkt gegen die typische Mischflora oraler Infektionen.

  • Bei Penicillinallergie: Clindamycin oder Cefuroxim (bei leichter Allergie).

  • Dosierung und Dauer: Hochdosiert, initial oral, bei schweren Verläufen intravenös. Dauer: Meist 5-7 Tage.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der vestibuläre Abszess

Szenario: Ein Patient stellt sich mit einer schmerzhaften, geröteten und fluktuierenden Schwellung im Vestibulum im Bereich von Zahn 46 vor. Der Zahn ist devital und stark klopfempfindlich.

Analyse: Abscessus vestibularis, ausgehend von Zahn 46.

Notfalltherapie:

  1. Incision et Drainage (I&D):

    • Lokalanästhesie: Leitungsanästhesie (N. alveolaris inferior) oder Infiltration um den Abszess herum.

    • Incision: Stichinzision mit einer Klinge (#11 oder #15) über der Stelle der stärksten Fluktuation. Die Incision muss ausreichend groß sein.

    • Drainage: Ablassen des Eiters, vorsichtiges Ausstreichen der Region.

    • Drainageeinlage: Ein Gummilaschen wird eingelegt, um den Abfluss für 24-48 Stunden offen zu halten.

  2. Ursachenbeseitigung: Es wird die Indikation für eine Wurzelkanalbehandlung an Zahn 46 gestellt.

  3. Antibiose: Meist nicht notwendig, da die Eröffnung ausreicht.

Fallbeispiel 2: Der subperiostale Abszess

Szenario: Ein Patient hat stärkste Zahnschmerzen im Oberkiefer rechts. Jede Berührung ist unerträglich. Klinisch ist keine Schwellung sichtbar, aber die Palpation des vestibulären Knochens im Bereich von Zahn 16 ist extrem schmerzhaft.

Analyse: Abscessus subperiostealis. Der Eiter ist noch unter dem Periost eingeschlossen, was den enormen Druckschmerz erklärt.

Notfalltherapie:

  1. I&D: Auch hier ist die sofortige Inzision notwendig. Dazu muss ein kleines Fenster in den Knochen gemeißelt oder gebohrt werden, um an den Eiter unter dem Periost zu gelangen.

  2. Ursachenbeseitigung: Extraktion von Zahn 16.

  3. Antibiose: Aufgrund der Schwere und Tiefe der Entzündung ist eine adjuvante Antibiose indiziert.

Fallbeispiel 3: Die falsche Therapie: Antibiose ohne Inzision

Szenario: Ein Patient mit vestibulärem Abszess erhält vom Hausarzt nur ein Antibiotikum verschrieben, aber keine Überweisung zum Zahnarzt. Zwei Tage später stellt er sich mit unveränderten Schmerzen vor.

Analyse: Die alleinige Gabe eines Antibiotikums ist wirkungslos, da der Wirkstoff nicht in den abgekapselten Eiterherd eindringen kann.

Korrektes Vorgehen:

  1. Der Zahnarzt erklärt dem Patienten, dass das Antibiotikum alleine nicht helfen kann.

  2. Es wird die sofortige Inzision und Drainage durchgeführt.

  3. Erst danach ist die Antibiose sinnvoll, um eine weitere Ausbreitung der nun nicht mehr eingekapselten Bakterien zu verhindern und die systemische Entzündung zu bekämpfen.