Lektion 30: Parodontitis und ihre Assoziation mit rheumatischen und respiratorischen Erkrankungen
A. Klinische Relevanz
Über die etablierten Verbindungen zu Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinaus, deuten wachsende Evidenzen darauf hin, dass die chronische Entzündung der Parodontitis auch andere Systemerkrankungen beeinflussen kann. Besonders relevant sind hierbei die rheumatoide Arthritis, die eine verblüffende Ähnlichkeit in ihrer Pathogenese aufweist, und respiratorische Erkrankungen, bei denen die Mundhöhle als direktes Keimreservoir dient. Die Kenntnis dieser Zusammenhänge erweitert das Verständnis von Parodontitis als systemische Belastung und unterstreicht die Verantwortung des zahnärztlichen Teams in der Betreuung von multimorbiden und pflegebedürftigen Patienten.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Parodontitis und Rheumatoide Arthritis (RA) Die Verbindung zwischen Parodontitis und RA ist eine der stärksten und biologisch plausibelsten oral-systemischen Assoziationen.
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Die Gemeinsamkeit der Pathologie: Beide Erkrankungen sind chronisch-entzündliche, destruktive Krankheiten, die durch eine fehlgesteuerte Immunantwort ausgelöst werden. Bei der Parodontitis wird der Zahnhalteapparat zerstört, bei der RA die Gelenkschleimhaut (Synovialis) und der Gelenkknorpel. Beide Prozesse werden durch ähnliche Zytokine (TNF-α, IL-1, IL-6) und den RANKL-Signalweg angetrieben.
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Der spezifische molekulare Link: Citrullinierung und ACPA
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Das Enzym von P. gingivalis: Der parodontale Schlüsselkeim Porphyromonas gingivalis (Pg) ist einzigartig, da er das Enzym PAD (Peptidylarginin-Deiminase) besitzt.
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Proteinveränderung (Citrullinierung): Dieses Enzym kann körpereigene Proteine verändern, indem es die Aminosäure Arginin in Citrullin umwandelt.
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Bruch der Immuntoleranz: Citrullinierte Proteine werden vom Immunsystem mancher genetisch prädisponierter Personen nicht mehr als “körpereigen” erkannt. Der Körper bildet Antikörper gegen citrullinierte Proteine (ACPAs).
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Die Folge: ACPAs sind der diagnostische Goldstandard-Marker für Rheumatoide Arthritis und sind direkt an der Zerstörung der Gelenke beteiligt.
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Die Hypothese: Man geht heute davon aus, dass die chronische Entzündung und der Citrullinierungs-Prozess in den parodontalen Taschen durch P. gingivalis bei manchen Menschen der initiale Auslöser sein könnte, der zum Bruch der Immuntoleranz und zur Entwicklung einer Rheumatoiden Arthritis führt.
2. Parodontitis und respiratorische Erkrankungen Hier ist der Zusammenhang primär mechanisch-infektiös.
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Zielerkrankungen: Hauptsächlich die nosokomiale (im Krankenhaus erworbene) Pneumonie und die akute Verschlechterung (Exazerbation) einer chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD).
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Der Pathomechanismus: Aspiration oraler Pathogene
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Das Reservoir: Die Mundhöhle, insbesondere bei schlechter Mundhygiene und tiefen parodontalen Taschen, ist ein riesiges Reservoir für Bakterien, einschließlich potenzieller Lungenpathogene.
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Aspiration: Durch Mikro- oder Makroaspiration von Speichel gelangen diese Bakterien in die unteren Atemwege.
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Infektion: In der Lunge können sich diese Bakterien vermehren und eine Lungenentzündung verursachen oder eine bestehende chronische Entzündung (bei COPD) verschlimmern.
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Besondere Risikogruppen: Dieser Mechanismus ist besonders relevant für:
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Intensiv- und beatmete Patienten, die ihre Mundhygiene nicht selbst durchführen können.
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Ältere, multimorbide und pflegebedürftige Patienten in Pflegeheimen.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Management des RA-Patienten: Patienten mit diagnostizierter Rheumatoider Arthritis sollten als Parodontitis-Risikopatienten betrachtet und sorgfältig gescreent werden. Die Parodontitis-Therapie sollte als integraler Bestandteil ihres rheumatologischen Gesamt-Behandlungsplans verstanden werden. Studien zeigen, dass eine erfolgreiche PA-Therapie die Krankheitsaktivität der RA (messbar z.B. im DAS28-Score) senken kann.
Die Rolle der Dentalhygiene in der Allgemeinmedizin: Die Prävention von beatmungsassoziierten Pneumonien auf Intensivstationen ist ein wichtiges Ziel. Einfache, aber konsequente Mundhygienemaßnahmen (z.B. professionelle Reinigung, antiseptische Spülungen mit CHX) bei diesen Risikopatienten können die Inzidenz von Lungenentzündungen nachweislich und signifikant senken.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 55-jähriger Patient mit einer seit Jahren bestehenden seropositiven (ACPA-positiven) Rheumatoiden Arthritis wird vom Rheumatologen an den Zahnarzt überwiesen. Der Patient leidet unter moderat aktiver Gelenksentzündung. Die klinische Untersuchung zeigt eine schwere, unbehandelte Parodontitis (Stage III).
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Analyse: Es besteht ein hochwahrscheinlicher Zusammenhang. Die chronische orale Entzündung und die hohe Last an parodontalen Pathogenen (potenziell P. gingivalis) tragen zur systemischen Gesamt-Entzündungslast des Patienten bei und können die Aktivität seiner RA negativ beeinflussen.
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Klinische Konsequenz & Interdisziplinäre Zusammenarbeit:
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Aufklärung: Dem Patienten wird der wissenschaftlich fundierte Zusammenhang zwischen seinen beiden chronischen Entzündungskrankheiten erklärt.
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Therapie: Eine systematische Parodontitis-Therapie wird eingeleitet.
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Kommunikation: Der behandelnde Rheumatologe wird über den oralen Befund und die eingeleitete anti-infektiöse Therapie informiert. Es wird darauf hingewiesen, dass dies potenziell zu einer Reduktion der systemischen Entzündungsmarker und einer Verbesserung der Gelenksymptomatik beitragen kann.
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Ergebnis: Die zahnärztliche Behandlung wird Teil eines interdisziplinären Managements der Grunderkrankung. Die Reduktion der oralen Entzündungslast kann helfen, die rheumatologische Medikation zu optimieren und das Allgemeinbefinden des Patienten zu verbessern.