Lektion 3: Oraler Lichen Planus – Die häufigste autoimmune Schleimhauterkrankung
A. Klinische Relevanz
Der orale Lichen Planus (OLP), auch Knötchenflechte genannt, ist die häufigste chronisch-entzündliche, autoimmune Erkrankung der Mundschleimhaut, die der Zahnarzt in der Praxis antrifft. Er präsentiert sich in einer Vielzahl von klinischen Formen, von harmlosen, asymptomatischen weißen Streifen bis hin zu schmerzhaften, erosiven Läsionen. Die entscheidende klinische Bedeutung liegt in zwei Aspekten: 1. Die korrekte Diagnose und die Beruhigung des Patienten bei der häufigen, harmlosen Form. 2. Das Wissen, dass insbesondere die erosiven Formen als potenziell maligne Störungen gelten und eine lebenslange, regelmäßige Kontrolle erfordern, um eine mögliche Umwandlung in ein Plattenepithelkarzinom frühzeitig zu erkennen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Definition und Ätiologie
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Definition: Eine chronische, T-Zell-vermittelte, autoimmune Erkrankung, bei der körpereigene Immunzellen (T-Lymphozyten) fälschlicherweise die basalen Keratinozyten des Schleimhautepithels angreifen.
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Ätiologie: Die genaue Ursache ist unbekannt (idiopathisch). Stress wird als Triggerfaktor diskutiert. Sogenannte lichenoide Reaktionen, die klinisch und histologisch identisch aussehen, können durch Medikamente oder in direktem Kontakt zu Dentalmaterialien (v.a. Amalgam) ausgelöst werden.
2. Die klinischen Erscheinungsformen Der OLP kann in verschiedenen Formen auftreten, oft auch in Kombination.
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a) Die retikuläre Form (am häufigsten):
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Klinik: Typischerweise asymptomatisch. Charakteristisch sind feine, weiße, nicht-abwischbare Linien, die ein netz-, farn- oder ringförmiges Muster bilden. Diese Zeichnung wird als Wickham-Streifung bezeichnet und ist pathognomonisch.
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Lokalisation: Fast immer beidseits und symmetrisch, am häufigsten an der Wangenschleimhaut auf Höhe der Okklusionsebene.
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b) Die erosive (atrophe/ulzerative) Form:
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Klinik: Symptomatisch. Die Patienten klagen über Wundgefühl und starkes Brennen, insbesondere bei sauren oder scharfen Speisen. Es zeigen sich unregelmäßige, leuchtend rote (atrophe) Areale mit zentralen, fibrinbelegten Erosionen oder Ulzerationen. Typischerweise sind diese roten Zonen von der weißen Wickham-Streifung umgeben.
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Bedeutung: Diese Form ist mit dem erhöhten Entartungsrisiko assoziiert.
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3. Das maligne Transformationsrisiko Der OLP, insbesondere die erosive und atrophe Form, wird als potenziell maligne Störung eingestuft. Das Risiko einer Umwandlung in ein Plattenepithelkarzinom liegt, über einen langen Beobachtungszeitraum, bei ca. 1-2%. Dies macht eine regelmäßige Nachsorge zwingend erforderlich.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Diagnostik:
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Bei einer klassischen, beidseitigen, rein retikulären Form an der Wange kann die Diagnose oft allein klinisch gestellt werden.
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Bei allen atypischen, unilateralen oder erosiven Formen ist eine Inzisionsbiopsie zur histopathologischen Sicherung der Diagnose und vor allem zum Ausschluss einer Dysplasie oder eines bereits bestehenden Karzinoms obligatorisch.
Therapie und Management: Es gibt keine Heilung. Die Therapie ist auf die Kontrolle der Symptome ausgerichtet.
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Retikuläre, asymptomatische Form:
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Keine medikamentöse Therapie erforderlich!
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Die wichtigste Maßnahme ist die Aufklärung und Beruhigung des Patienten und die Etablierung eines regelmäßigen Recall-Programms (z.B. 1x jährlich) zur Kontrolle.
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Erosive, symptomatische Form:
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Ziel: Kontrolle der Entzündung und Linderung der Schmerzen.
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Therapie der 1. Wahl: Topische (lokale) Kortikosteroide in Form von hochpotenten Haftsalben, Gelen oder Mundspülungen.
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Eine gute Mundhygiene ist essenziell, um bakterielle Superinfektionen der offenen Läsionen zu vermeiden.
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Fallbeispiel:
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Szenario: Eine 45-jährige Patientin wird von ihrem Hausarzt wegen “weißer Streifen im Mund” überwiesen. Sie hat Angst vor Krebs.
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Klinischer Befund: Bei der Inspektion zeigt sich an beiden Wangenschleimhäuten eine feine, netzartige weiße Zeichnung. Die Läsionen sind nicht erhaben, nicht abwischbar und die Patientin ist völlig beschwerdefrei.
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Analyse: Das beidseitige, symmetrische, asymptomatische und netzartige Erscheinungsbild ist pathognomonisch für einen retikulären oralen Lichen Planus.
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Klinische Konsequenz & Management:
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Diagnosestellung: Die Diagnose wird klinisch gestellt. Eine Biopsie ist hier nicht indiziert.
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Aufklärung und Beruhigung (entscheidender Schritt): Der Zahnarzt erklärt der Patientin: “Was Sie haben, ist eine relativ häufige, gutartige chronische Entzündung der Schleimhaut. Man kann es sich ein bisschen wie Rheuma der Haut vorstellen. In dieser rein weißen, netzartigen Form ist es völlig harmlos und muss nicht behandelt werden.” Die Krebsangst wird der Patientin aktiv genommen.
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Monitoring: “Wichtig ist nur, dass wir diese Veränderung bei Ihren jährlichen Kontrolluntersuchungen im Auge behalten, um zu sehen, ob sie sich verändert.”
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Ergebnis: Die wichtigste “Therapie” war die fundierte Diagnose und die empathische Kommunikation. Der Patientin wurde die Angst genommen und ein sinnvolles, langfristiges Betreuungskonzept etabliert.