Lektion 27: Die Indikation für Wurzelstifte – Wann ist eine zusätzliche Verankerung nötig?

A. Klinische Relevanz

 

Die Entscheidung für oder gegen einen Wurzelstift ist eine der folgenreichsten in der restaurativen Versorgung endodontisch behandelter Zähne. Es herrscht das weit verbreitete und fundamental falsche Missverständnis, ein Stift würde den Zahn “verstärken”. Das Gegenteil ist der Fall: Die Präparation für einen Stift entfernt wertvolles, gesundes Wurzeldentin und schwächt den Zahn strukturell. Diese Lektion entlarvt diesen Mythos und lehrt die einzige, wahre Indikation für einen Wurzelstift: Er dient ausschließlich der Retention des koronalen Aufbaumaterials, wenn nicht mehr genügend eigene Zahnsubstanz dafür vorhanden ist. Die korrekte Indikationsstellung verhindert iatrogene Schäden und reduziert das Risiko katastrophaler, irreparabler Wurzelfrakturen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Funktion eines Wurzelstiftes: Retention, nicht Verstärkung

  • Die alleinige Funktion: Ein Wurzelstift verankert den koronalen Aufbau (den “Stumpf”) im Wurzelkanal. Er verbindet den Aufbau mit der Wurzel.

  • Der biomechanische Nachteil: Ein Stift, insbesondere ein steifer Metallstift, wirkt wie ein Keil in der Wurzel. Kaukräfte, die auf die Krone treffen, werden über den Stift tief in die Wurzel geleitet und erzeugen dort hohe Spannungsspitzen. Dies erhöht das Risiko für eine nicht-restaurierbare vertikale Wurzelfraktur signifikant.

  • Grundsatz: Die Widerstandsfähigkeit eines Zahnes gegen Fraktur wird durch die verbliebene Zahnhartsubstanz bestimmt, insbesondere durch den Ferrule-Effekt, nicht durch einen Stift.

2. Die kritische Indikationsstellung Die Entscheidung pro oder contra Stift hängt allein von der Menge der verbliebenen koronalen Zahnsubstanz ab.

  • Kein Stift notwendig (Regelfall bei Seitenzähnen): Wenn nach der Kariesentfernung noch ausreichend Kavitätenwände vorhanden sind, um einen adhäsiven Komposit-Aufbau zu verankern. Die Pulpakammer selbst bietet oft eine exzellente retentive Form.

  • Stift notwendig (häufig bei Frontzähnen): Wenn so gut wie keine koronalen Wände mehr vorhanden sind und ein Aufbau keinen Halt finden würde. Der Stift ist hier die “Verlängerung” des Stumpfes in die Wurzel.

3. Materialien und Typen von Wurzelstiften Moderne Stiftsysteme werden nach ihrer Elastizität bewertet.

Stift-Typ Material E-Modul (Steifigkeit) Vorteile Nachteile
Gegossener Stiftaufbau Goldlegierung / NEM Sehr hoch (sehr steif) Präzise Passung (individuell) Maximal invasiv, Keilwirkung, hohes Frakturrisiko, mehrere Sitzungen
Metallstifte (vorgefertigt) Titan / Edelstahl Hoch (steif) Einfach in der Anwendung Hohe Steifigkeit erzeugt Stress im Dentin, Korrosion, unästhetisch
Glasfaserverstärkte Kompositstifte Glasfasern in Kompositmatrix Niedrig (ähnlich wie Dentin) “Isoelastisch” zum Dentin, günstige Stressverteilung, adhäsive Befestigung, ästhetisch, reversibel (entfernbar) Geringere Biegefestigkeit als Metall

Der moderne Standard: Glasfaserstifte sind heute das Material der Wahl. Ihr dentinähnliches Elastizitätsmodul führt zu einer homogeneren Stressverteilung. Im Falle eines Versagens kommt es eher zu einem Versagen im Zementverbund (debonding) als zu einer katastrophalen Wurzelfraktur.

4. Präparations- und Befestigungsprinzipien

  • Stiftbettpräparation:

    • Apikale Restfüllung: Es müssen zwingend mindestens 4-5 mm Guttapercha im apikalen Bereich belassen werden, um das apikale Siegel nicht zu gefährden.

    • Dimensionierung: Der Stift sollte so dünn wie möglich und so dick wie nötig sein, um maximal viel Wurzeldentin zu erhalten.

  • Befestigung: Glasfaserstifte werden adhäsiv mit dual-härtenden Kompositzementen im Wurzelkanal befestigt. Dies erfordert ein anspruchsvolles Adhäsivprotokoll in der Tiefe des Kanals.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Der häufigste Fehler: Der unnötige Stift im Seitenzahn Ein endodontisch behandelter Molar mit vier intakten Kavitätenwänden benötigt niemals einen Stift. Der adhäsive Aufbau in der Pulpakammer hat mehr als genug Retention. Ein Stift würde den Zahn nur schwächen.

Fallbeispiel 1: Kein Stift notwendig (Seitenzahn)

  • Szenario: Zahn 36 nach Endodontie mit einer MOD-Kavität, aber mit stabilen bukkalen und lingualen Wänden von 3 mm Höhe.

  • Analyse: Die Pulpakammer und die verbliebenen Wände bieten ausreichend Retention für einen adhäsiven Komposit-Aufbau. Ein Ferrule-Effekt ist realisierbar.

  • Korrekte Therapie: Adhäsiver Aufbau ohne Stift, anschließend Versorgung mit einer Teilkrone, die die Höcker fasst und den Ferrule nutzt.

Fallbeispiel 2: Stift notwendig (Frontzahn)

  • Szenario: Zahn 21 ist nach Trauma und Endodontie bis auf Gingivaniveau frakturiert. Es sind keine koronalen Wände mehr vorhanden.

  • Analyse: Ein reiner Komposit-Aufbau würde hier keinerlei Halt finden. Die Retention muss aus dem Wurzelkanal generiert werden. Ein Stift ist zwingend indiziert.

  • Klinische Konsequenz & Vorgehen:

    1. Ein Stiftbett wird präpariert, wobei 5 mm apikale Guttapercha-Füllung belassen werden.

    2. Ein passender Glasfaserstift wird ausgewählt.

    3. Der Stift wird mit einem dual-härtenden Kompositzement adhäsiv im Kanal zementiert.

    4. Der aus dem Kanal ragende Teil des Stiftes wird mit Aufbaukomposit ummantelt und zu einem Zahnstumpf geformt.

    5. Dieser stabile Stift-Stumpf-Aufbau dient als Retention und Unterbau für die definitive Vollkrone.

  • Ergebnis: Der Stift hat seine einzige, korrekte Funktion erfüllt: Er hat den Aufbau im Zahn verankert, sodass eine Krone darauf befestigt werden konnte. Die Frakturresistenz wird primär durch den Ferrule-Effekt gewährleistet, den die Krone an der verbliebenen Wurzel-Substanz erzeugt.