Lektion 23: Furkationstherapie – Tunnelierung, Wurzelamputation und regenerative Ansätze
A. Klinische Relevanz
Der Furkationsbefall, also der Attachmentverlust im Bereich der Wurzelgabelungen von Molaren, stellt eine der größten Herausforderungen in der Parodontitis-Therapie dar. Die komplexe Anatomie dieser Region macht eine effektive Reinigung – sowohl für den Patienten als auch für den Behandler – extrem schwierig. Unbehandelt führen Furkationsbeteiligungen fast immer zur Progression der Erkrankung und zum Zahnverlust. Diese Lektion stellt die verschiedenen, oft chirurgischen Strategien zum Management von Furkationsdefekten vor. Die Therapieentscheidung ist komplex und hängt vom Grad des Befalls, der Zahnanatomie und dem Patientenprofil ab und reicht von regenerativen Versuchen bis hin zu radikalen resektiven Maßnahmen wie der Entfernung einer ganzen Wurzel.
B. Detailliertes Fachwissen
Die Therapie richtet sich streng nach dem Grad des Furkationsbefalls (nach Hamp).
1. Therapie des Furkationsbefalls Grad I
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Definition: Horizontaler Attachmentverlust < 3 mm.
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Therapie: In der Regel nicht-chirurgisch.
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Subgingivales Debridement (SRP): Eine sorgfältige Reinigung mit feinen Ultraschallspitzen und Gracey-Küretten ist meist ausreichend, um die Entzündung zu kontrollieren.
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Furkaplastik: In manchen Fällen kann der Furkationseingang durch eine leichte Odontoplastik (Beschleifen der Zahnhartsubstanz) geglättet und erweitert werden, um die Reinigungsfähigkeit zu verbessern.
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2. Therapie des Furkationsbefalls Grad II
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Definition: Horizontaler Attachmentverlust ≥ 3 mm, aber nicht durchgängig (“Sackgasse”).
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Therapeutische Optionen: Dies ist die Klasse mit den vielfältigsten Möglichkeiten.
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Regenerative Therapie (GTR / Emdogain®): Dies ist die Therapie der Wahl bei günstiger Defektmorphologie, insbesondere bei bukkalen Grad-II-Furkationen im Unterkiefer. Das Ziel ist die vollständige knöcherne Schließung des Defekts. Die Prognose im Oberkiefer ist deutlich schlechter.
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Resektive Therapie (Offene Kürettage): Wenn eine Regeneration nicht indiziert oder möglich ist, kann ein chirurgischer Zugangslappen (Access Flap) zur Reinigung unter Sicht erfolgen. Dies führt zur Taschenreduktion durch Gewebeschrumpfung, schließt die Furkation aber nicht.
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3. Therapie des Furkationsbefalls Grad III
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Definition: Die Furkation ist von einer Seite zur anderen komplett durchgängig.
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Therapeutische Optionen: Eine Regeneration ist hier nicht mehr vorhersagbar möglich. Die Therapieansätze sind radikal-resektiv und zielen auf die Schaffung einer reinigungsfähigen Situation ab.
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a) Tunnelierung:
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Konzept: Der Furkationseingang wird chirurgisch so weit erweitert und der Knochen so remodelliert, dass ein breiter “Tunnel” unter der Zahnkrone entsteht, den der Patient mit einer großen Interdentalbürste (“Flaschenbürste”) täglich perfekt reinigen kann.
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Indikation: Exklusiv für Unterkiefer-Molaren mit weit auseinanderstehenden Wurzeln.
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Nachteil: Hohes Risiko für Wurzelkaries im freigelegten Furkationsdach. Erfordert eine extrem hohe Patienten-Compliance.
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b) Wurzelamputation / -resektion:
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Konzept: Eine oder mehrere Wurzeln eines mehrwurzeligen Zahnes werden chirurgisch abgetrennt und entfernt. Der Zahn wird quasi in einen “kleineren” Zahn umgewandelt.
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Indikation: Meist bei Oberkiefer-Molaren, wenn eine Wurzel (z.B. die disto-bukkale) einen hoffnungslosen parodontalen Zustand aufweist, die anderen Wurzeln aber noch gut im Knochen verankert sind.
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Voraussetzung: Der verbleibende Zahnanteil muss endodontisch gesund sein (oder behandelt werden) und prothetisch versorgbar sein.
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c) Hemisektion / Prämolarisierung (nur Unterkiefer-Molaren):
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Konzept: Der Molar wird in der Mitte durchtrennt.
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Hemisektion: Eine Zahnhälfte (die mit der schlechteren Prognose) wird extrahiert. Die verbleibende Hälfte wird wie ein Prämolar mit einer Krone versorgt.
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Prämolarisierung: Beide Zahnhälften werden erhalten und jeweils als separater Prämolar mit einer Krone versorgt.
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Voraussetzung: Zwingend notwendige endodontische und prothetische Folgebehandlung.
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Komplexe Entscheidungsfindung: Die Wahl der Furkationstherapie ist eine der komplexesten Entscheidungen in der Parodontologie. Sie hängt von der Zahnanatomie, dem Grad des Befalls, dem strategischen Wert des Zahnes und vor allem von der Compliance und dem Kariesrisiko des Patienten ab.
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 58-jähriger Patient mit einer ansonsten erfolgreich behandelten Parodontitis leidet an einer persistierenden, 8 mm tiefen Tasche mit Eiterung an Zahn 46 (UK erster Molar). Die Nabers-Sonde ist von bukkal nach lingual komplett durchgängig.
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Analyse: Es liegt ein Furkationsbefall Grad III vor. Eine nicht-chirurgische Therapie ist aussichtslos. Eine Regeneration ist nicht möglich.
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Klinische Konsequenz & Therapie-Optionen: Dem hochmotivierten Patienten mit exzellenter Mundhygiene und niedrigem Kariesrisiko werden zwei zahnerhaltende Optionen vorgestellt:
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Hemisektion: Abtrennung und Extraktion einer Wurzelhälfte.
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Tunnelierung: Schaffung eines durchgängigen Reinigungstunnels.
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Entscheidung & Vorgehen: Gemeinsam wird die Entscheidung zur Tunnelierung getroffen. In einem chirurgischen Eingriff wird der bukkale und linguale Lappen abgehoben, Granulationsgewebe entfernt und der Knochen am Furkationseingang so remodelliert, dass eine breite Öffnung entsteht. Der Lappen wird apikal vernäht, um den Tunneleingang offenzuhalten.
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Ergebnis: Nach der Heilung ist die pathologische Tasche eliminiert. Der Patient kann den Tunnel nun mit einer speziellen Interdentalbürste täglich reinigen. Die Entzündung ist gestoppt, und der Zahn kann bei perfekter Pflege noch viele Jahre funktionstüchtig erhalten werden.