Lektion 22: Plastische Parodontalchirurgie – Management von Rezessionen (z.B. koronaler Verschiebelappen)
A. Klinische Relevanz
Die plastische Parodontalchirurgie (oder mukogingivale Chirurgie) ist der ästhetische und rekonstruktive Zweig der Parodontalchirurgie. Ihr Ziel ist nicht die Behandlung von Taschen, sondern die Korrektur von Weichgewebsdefekten, allen voran der gingivalen Rezession. Freiliegende Zahnhälse sind ein häufiger Grund für Patientenbeschwerden, sei es aus ästhetischen Gründen (“die Zähne werden länger”) oder aufgrund schmerzhafter Hypersensitivitäten. Diese Lektion vermittelt die diagnostischen Grundlagen zur Prognoseeinschätzung einer Wurzeldeckung und stellt die wichtigsten chirurgischen Techniken vor, mit denen freiliegende Wurzeloberflächen wieder mit stabilem, gesundem Gewebe bedeckt werden können.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Ziele und Indikationen der Rezessionsdeckung
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Ziele:
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Wurzeldeckung: Ästhetische Korrektur durch Bedeckung der freiliegenden Wurzeloberfläche.
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Beseitigung von Hypersensitivitäten.
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Verbreiterung der befestigten, keratinisierten Gingiva: Schaffung einer breiteren, widerstandsfähigeren Zahnfleischmanschette.
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Indikationen:
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Ästhetischer Wunsch des Patienten.
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Anhaltende, schmerzhafte Hypersensitivität, die auf konservative Maßnahmen nicht anspricht.
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Progrediente Rezession, die sich über die Zeit verschlimmert.
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Mangel an befestigter Gingiva als vorbereitende Maßnahme vor einer kieferorthopädischen oder prothetischen Behandlung.
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2. Prognoseabschätzung: Die Miller-Klassen für Rezessionen Die Vorhersagbarkeit einer vollständigen Wurzeldeckung hängt entscheidend vom Zustand des interdentalen Knochens und der Papille ab.
3. Chirurgische Techniken
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a) Koronaler Verschiebelappen (Coronally Advanced Flap – CAF):
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Konzept: Die am häufigsten angewendete Technik. Das Weichgewebe, das apikal und lateral der Rezession liegt, wird chirurgisch mobilisiert, gedehnt und nach koronal über die freiliegende Wurzel verschoben.
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Voraussetzung: Es muss eine ausreichend breite Zone an befestigter Gingiva apikal der Rezession vorhanden sein.
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b) Bindegewebstransplantat (Connective Tissue Graft – CTG):
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Konzept: Der Goldstandard für eine vorhersagbare Wurzeldeckung mit exzellentem ästhetischen Ergebnis. Wird fast immer in Kombination mit einem koronalen Verschiebelappen verwendet (CAF + CTG).
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Vorgehen:
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Transplantat-Entnahme: Ein kleines, reines Bindegewebstransplantat wird aus dem Gaumen des Patienten entnommen (meist durch eine minimalinvasive “Tunnel”-Technik).
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Transplantation: Am Empfängerort wird ein Spaltlappen präpariert. Das Transplantat wird auf die Wurzeloberfläche gelegt und fixiert.
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Deckung: Der Spaltlappen wird koronal über das Transplantat verschoben und vernäht (Doppelte Blutversorgung für das Transplantat).
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Vorteil: Das Transplantat dient als stabile, regenerative Matrix, die zu einer signifikanten Verdickung des Gewebes und einer sehr hohen Erfolgsrate führt.
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c) Freies Schleimhauttransplantat (Free Gingival Graft – FGG):
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Konzept: Eine andere Technik mit einem anderen Ziel. Das primäre Ziel ist nicht die Wurzeldeckung, sondern die Verbreiterung der Zone an befestigter, keratinisierter Gingiva.
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Vorgehen: Ein Transplantat aus Epithel UND Bindegewebe wird vom Gaumen entnommen und direkt auf das vorbereitete, periostale Empfängerbett genäht.
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Ästhetik: Oft unbefriedigend. Das Transplantat behält die helle Farbe und Textur des Gaumens (“Flicken-Optik”).
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Indikation: An Stellen mit komplett fehlender befestigter Gingiva, wo Funktion wichtiger ist als Ästhetik (z.B. UK-Molaren, um Implantate).
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C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Moderne Aspekte:
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Mikrochirurgie: Plastische Parodontalchirurgie wird heute mikrochirurgisch unter Verwendung von Operationsmikroskopen, Mikroinstrumenten und extrem dünnen Nahtmaterialien (6-0 bis 8-0) durchgeführt. Dies minimiert das Trauma und verbessert die Wundheilung.
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Biologische Modulatoren: Die gereinigte Wurzeloberfläche wird oft mit EDTA konditioniert und/oder mit Schmelz-Matrix-Proteinen (Emdogain®) beschichtet, um eine biologisch günstigere Wundheilung und ein Re-Attachment zu fördern.
Fallbeispiel:
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Szenario: Eine 30-jährige Patientin ist unglücklich über die Ästhetik ihres “langen Zahnes” 13 (oberer Eckzahn) und klagt über starke Kälteempfindlichkeit. Die Rezession beträgt 4 mm. Die Papillen mesial und distal sind vollständig intakt.
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Analyse:
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Diagnose: Gingivale Rezession, Miller-Klasse I.
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Prognose: Eine 100%ige Wurzeldeckung ist vorhersagbar erreichbar.
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Ästhetischer Anspruch: Sehr hoch, da im sichtbaren Bereich.
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Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl: Die Kombination eines koronalen Verschiebelappens mit einem subepithelialen Bindegewebstransplantat (CAF + CTG).
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Entnahme: Ein Bindegewebstransplantat wird aus dem Gaumen entnommen.
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Präparation: Am Zahn 13 wird ein Spaltlappen mikrochirurgisch präpariert. Die Wurzeloberfläche wird gereinigt und konditioniert.
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Transplantation & Deckung: Das Transplantat wird auf die Wurzeloberfläche gelegt und mit dem darüber koronal verschobenen Lappen vollständig bedeckt und mit feinsten Nähten fixiert.
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Ergebnis: Nach der Heilungsphase ist die Rezession vollständig gedeckt. Die Gingiva am Zahnhals ist nun dicker, widerstandsfähiger und hat eine natürliche Farbe und Kontur. Die Hypersensitivität ist beseitigt. Das ästhetische Ergebnis erfüllt die hohen Ansprüche der Patientin.