Lektion 22: Erkrankungen der Haare (z.B. Alopezia areata, androgenetische Alopezie)

A. Klinische Relevanz

 

Obwohl die Behandlung von Haarerkrankungen nicht in den zahnärztlichen Aufgabenbereich fällt, ist Haarausfall (Alopezie) ein extrem häufiges und für die Patienten oft sehr belastendes Phänomen. Der Zahnarzt, der seine Patienten aus nächster Nähe im Kopfbereich untersucht, kann dabei charakteristische Muster von Haarausfall bemerken. Insbesondere der plötzliche, fleckförmige Haarausfall der Alopecia areata kann ein Hinweis auf eine zugrundeliegende, systemische Autoimmunerkrankung sein, die auch für die zahnärztliche Behandlung relevant ist. Ein Grundverständnis der häufigsten Formen des Haarausfalls ist daher Teil einer ganzheitlichen Patientenbeurteilung.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

Man unterscheidet primär zwischen dem hormonell bedingten und dem autoimmun bedingten Haarausfall.

1. Die Androgenetische Alopezie (Erbblich bedingter Haarausfall)

  • Definition: Die mit Abstand häufigste Form des Haarausfalls bei Männern und Frauen. Es handelt sich um eine nicht-vernarbende Alopezie mit einem charakteristischen Muster.

  • Pathogenese: Eine genetisch bedingte Überempfindlichkeit der Haarfollikel auf das Androgen Dihydrotestosteron (DHT). DHT führt zu einer fortschreitenden Miniaturisierung der Follikel und einer Verkürzung der Wachstumsphase, bis die Haarproduktion versiegt.

  • Klinik:

    • Männer (Schema nach Hamilton-Norwood): Beginnt typischerweise mit der Bildung von “Geheimratsecken” und einer Lichtung am oberen Hinterkopf (Vertex). Schreitet bis zur Glatzenbildung fort, wobei ein Haarkranz am Hinterkopf und an den Seiten erhalten bleibt.

    • Frauen (Schema nach Ludwig): Zeigt sich meist als diffuse Lichtung im Scheitelbereich, wobei der vordere Haaransatz erhalten bleibt.

2. Die Alopecia Areata (Kreisrunder Haarausfall)

  • Definition: Eine Autoimmunerkrankung, bei der es zu einem plötzlichen, fleckförmigen, nicht-vernarbenden Haarausfall kommt.

  • Pathogenese: Es wird angenommen, dass körpereigene T-Lymphozyten die Haarfollikel in der Wachstumsphase (Anagenphase) angreifen und einen vorzeitigen Übergang in die Ausfallphase (Telogenphase) auslösen.

  • Klinik:

    • Erscheinungsbild: Das plötzliche Auftreten von einer oder mehreren, kreisrunden, komplett kahlen Stellen. Die Haut in dem Areal ist glatt, unauffällig und nicht entzündet.

    • Pathognomonisches Zeichen: Am Rand einer aktiven Läsion finden sich oft kurze, abgebrochene “Ausrufezeichenhaare” – Haare, die sich zur Wurzel hin verjüngen.

    • Verlauf: Unvorhersehbar. Kann von einzelnen, spontan wieder zuwachsenden Herden bis zum vollständigen Verlust aller Kopfhaare (Alopecia totalis) oder aller Körperhaare (Alopecia universalis) reichen.

  • Assoziationen: Tritt gehäuft zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen auf, insbesondere Schilddrüsenerkrankungen (Hashimoto-Thyreoiditis) und Vitiligo (Weißfleckenkrankheit).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die Rolle des Zahnarztes: Die Rolle ist die eines aufmerksamen Beobachters und Beraters. Insbesondere das plötzliche Auftreten einer Alopecia areata kann ein klinischer Hinweis auf eine bisher unentdeckte autoimmune Grunderkrankung sein.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Bei der Behandlung einer 35-jährigen Patientin entdeckt der Zahnarzt zufällig eine münzgroße, kreisrunde, komplett kahle Stelle am Hinterkopf, die der Patientin selbst noch nicht aufgefallen war.

  • Anamnese: Auf Nachfrage gibt die Patientin in ihrer medizinischen Anamnese eine bekannte und behandelte Hashimoto-Thyreoiditis an.

  • Analyse:

    • Klinik: Der Befund ist klassisch für eine Alopecia Areata.

    • Zusammenhang: Die bekannte autoimmune Schilddrüsenerkrankung der Patientin macht das Auftreten einer weiteren Autoimmunerkrankung wie der Alopecia areata sehr wahrscheinlich.

  • Klinische Konsequenz & Management:

    1. Behutsame Aufklärung: Der Zahnarzt informiert die Patientin taktvoll über seinen Befund. “Mir ist bei Ihnen am Hinterkopf eine kleine runde, kahle Stelle aufgefallen. Das sieht sehr typisch aus für einen sogenannten ‘kreisrunden Haarausfall’. Das ist eine harmlose, aber oft beunruhigende Reaktion des Immunsystems, die bei Patienten mit Schilddrüsenerkrankungen wie Ihrer häufiger vorkommt.”

    2. Beruhigung und Empfehlung: “In den meisten Fällen wachsen die Haare von ganz allein wieder nach. Es ist aber eine gute Idee, dass Sie dies Ihrem Hausarzt oder einem Hautarzt zeigen, damit der Befund dokumentiert und beobachtet werden kann.”

    3. Überweisung: Der Patientin wird eine Überweisung zum Dermatologen nahegelegt.

  • Ergebnis: Der Zahnarzt hat durch seine aufmerksame Untersuchung einen für die Patientin neuen, potenziell sehr beunruhigenden Befund entdeckt. Indem er ihn korrekt einordnen und im Kontext der Allgemeinerkrankung erklären konnte, hat er nicht nur eine fachlich korrekte Überweisung ausgestellt, sondern der Patientin auch durch eine kompetente und beruhigende Aufklärung geholfen.