Lektion 2: Verhaltensführung in der Kinderzahnheilkunde – Tell-Show-Do, Desensibilisierung und verbale Techniken
A. Klinische Relevanz
Die Verhaltensführung ist die eigentliche Kernkompetenz der Kinderzahnheilkunde. Exzellente technische Fähigkeiten sind wertlos, wenn der kindliche Patient die Behandlung aus Angst oder Trotz verweigert. Das Ziel der Verhaltensführung ist nicht die erzwungene Duldung einer Behandlung, sondern die Schaffung einer vertrauensvollen Beziehung, der Abbau von Ängsten und die Befähigung des Kindes, die zahnärztliche Situation positiv zu meistern. Eine erfolgreiche Verhaltensführung legt den Grundstein für eine lebenslang positive Einstellung zur Zahngesundheit und ist die wirksamste Prävention gegen die Entstehung von Zahnbehandlungsphobien. Sie entscheidet darüber, ob eine Behandlung überhaupt möglich ist und ob sie für das Kind zu einer positiven Erfahrung wird.
B. Detailliertes Fachwissen
Die moderne Verhaltensführung basiert auf Prinzipien der Kommunikationspsychologie und der Lerntheorie.
1. Das Fundament: Positive Verstärkung
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Prinzip: Erwünschtes Verhalten wird unmittelbar und gezielt belohnt, um die Wahrscheinlichkeit seines Wiederauftretens zu erhöhen.
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Methoden:
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Soziale Verstärker (am wirksamsten): Spezifisches, verbales Lob (“Ich bin stolz auf dich, wie toll du den Mund aufhältst!”), ein Lächeln, ein anerkennendes Nicken, ein “High-Five”.
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Materielle Verstärker: Eine kleine, vorher in Aussicht gestellte Belohnung am Ende der erfolgreichen Sitzung (z.B. ein Sticker aus der “Schatzkiste”). Wichtig: Dies ist eine Belohnung für gezeigte Kooperation, keine Bestechung im Voraus.
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2. Die Kerntechnik: Tell-Show-Do (Sagen-Zeigen-Tun) Diese Technik ist der Goldstandard zur Einführung neuer und potenziell angstbesetzter Prozeduren. Sie reduziert die Angst vor dem Unbekannten durch schrittweise Demystifizierung.
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TELL (Sagen): Erkläre, was du tun wirst, in einfachen, positiven, kindgerechten Worten (siehe “Praxis-Sprache” aus Lektion 1). “Ich werde jetzt mit unserer Zahndusche die müden Zuckerwürmer aus deinem Zahn waschen.”
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SHOW (Zeigen): Demonstriere den Vorgang. Lass das Kind das Instrument sehen, hören und, wenn sicher möglich, fühlen. Aktiviere den Luftpüster und puste dem Kind auf die Hand. Aktiviere den langsam drehenden Bohrer und lass das Kind die Vibration am Fingernagel spüren.
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DO (Tun): Führe den soeben erklärten und gezeigten Schritt exakt wie angekündigt durch. Dies schafft Vorhersagbarkeit und Vertrauen.
3. Die strategische Annäherung: Systematische Desensibilisierung
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Prinzip: Eine schrittweise, hierarchische Konfrontation mit angstauslösenden Reizen, beginnend mit dem am wenigsten furchteinflößenden.
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Anwendung: Ein Behandlungsplan für ein sehr ängstliches Kind über mehrere Sitzungen:
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Termin 1: Nur “Sesselfahren”, Zähne zählen mit dem Spiegel, Kennenlernen.
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Termin 2: Professionelle Zahnreinigung mit einer Polierbürste (“Kitzelbürste”).
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Termin 3: Durchführung der Füllungstherapie.
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4. Weitere essenzielle Techniken
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Modeling (Lernen am Modell): Das ängstliche Kind beobachtet ein kooperatives Geschwisterkind oder ein anderes Kind auf einem Video, das eine Behandlung positiv erlebt.
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Ablenkung (Distraction): Die Aufmerksamkeit des Kindes wird aktiv von der Behandlung weggelenkt durch das Erzählen einer spannenden Geschichte, das Stellen von Fragen zum Lieblingstier oder durch audiovisuelle Ablenkung (z.B. ein Cartoon an der Decke).
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Stimmführung (Voice Control): Der bewusste Einsatz von Tonfall, Lautstärke und Sprechtempo, um Aufmerksamkeit zu erlangen und Anweisungen klar zu vermitteln. Ein plötzlicher Wechsel zu einer ruhigeren, aber bestimmten Stimme kann unruhiges Verhalten oft unterbrechen.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die “One-Voice-Policy” Während der Behandlung sollte nur eine Person die Führung der Kommunikation mit dem Kind übernehmen (in der Regel der Behandler). Die Eltern werden vorab instruiert, als ruhige, “stille Unterstützer” anwesend zu sein und nicht in die Kommunikation einzugreifen, um das Kind nicht mit widersprüchlichen Anweisungen zu verwirren.
Fallbeispiel: Die erste Füllung
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Szenario: Ein 5-jähriges, grundsätzlich kooperatives, aber unsicheres Kind (Frankl 3) benötigt eine kleine okklusale Füllung. Es hat noch nie den “Bohrer” erlebt.
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Analyse: Die Angst des Kindes ist nicht irrational, sondern eine normale Reaktion auf eine unbekannte und potenziell bedrohliche Situation. Die Tell-Show-Do-Technik ist hier das Mittel der Wahl.
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Klinische Konsequenz & Vorgehensweise:
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TELL: “Wir müssen jetzt den kleinen Zahnkobold aus deinem Zahn jagen. Dafür nehme ich meine elektrische Zahnbürste, die kitzelt und summt wie eine Hummel und spült den Kobold mit einer kleinen Dusche raus.”
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SHOW: Der Behandler aktiviert das langsam laufende Winkelstück außerhalb des Mundes. “Hör mal, wie die Hummel summt.” Er lässt das Kind die ungefährliche Vibration des Polierers am Daumennagel spüren. “Kitzelt ein bisschen, oder?” Dann zeigt er den Wasserstrahl der “Zahndusche”.
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DO: “So, jetzt bist du dran. Mund ganz weit auf wie ein Löwe. Genau so machen wir das jetzt am Zahn. Du machst das fantastisch!” Während der kurzen Präparation wird das Kind kontinuierlich positiv verstärkt: “Super! Du bist ganz ruhig und tapfer! Gleich geschafft!”
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Abschluss: Nach der Füllung darf das Kind das Ergebnis im Spiegel bewundern. “Schau mal, alles sauber und der Kobold ist weg!” Es folgt ein überschwängliches Lob und eine Belohnung aus der Schatzkiste.
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Ergebnis: Die angstbesetzte Situation wurde in eine positive, kontrollierbare Erfahrung umgewandelt. Das Kind hat gelernt, dass es dem Zahnarzt vertrauen kann und dass es die Situation erfolgreich meistern kann. Die Wahrscheinlichkeit für kooperatives Verhalten bei zukünftigen Terminen ist dramatisch gestiegen.