Lektion 2: Pharmakologie im Alter – Polypharmazie und ihre oralen Konsequenzen (Xerostomie)
A. Klinische Relevanz
Die Behandlung geriatrischer Patienten ist untrennbar mit der Pharmakologie verbunden. Das Phänomen der Polypharmazie – die gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente – ist in dieser Altersgruppe allgegenwärtig. Hunderte von gängigen Medikamenten haben direkte und indirekte Auswirkungen auf die Mundgesundheit. Die mit Abstand häufigste und klinisch relevanteste Nebenwirkung ist die medikamenten-induzierte Xerostomie (Mundtrockenheit). Sie ist ein Katalysator für eine Vielzahl von oralen Problemen, allen voran für eine explosive Zunahme von (Wurzel-)Karies. Die Fähigkeit, aus der Medikamentenliste eines Patienten ein Risikoprofil abzuleiten und ein entsprechendes präventives Management einzuleiten, ist eine zahnärztliche Kernkompetenz in der Gerodontologie.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Das Phänomen der Polypharmazie
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Definition: Die regelmäßige Einnahme von fünf oder mehr verschiedenen Medikamenten. Bei Patienten über 70 Jahren ist dies eher die Regel als die Ausnahme.
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Ursache: Die Folge der Multimorbidität. Jede chronische Erkrankung (Hypertonie, Diabetes, Herzerkrankung etc.) wird oft mit mehreren Medikamenten behandelt.
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Risiken: Erhöhte Gefahr von Wechselwirkungen, unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) und nachlassender Einnahmetreue (Compliance).
2. Xerostomie (Mundtrockenheit) – Die orale Nebenwirkung Nr. 1
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Definition: Das subjektive Gefühl der Mundtrockenheit, das in der Regel auf einer objektiv messbaren Reduktion des Speichelflusses (Hyposalivation) beruht.
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Ätiologie: Die Hauptursache für Xerostomie im Alter ist nicht das Altern selbst, sondern die Nebenwirkung von Medikamenten. Viele Wirkstoffe beeinflussen das autonome Nervensystem und reduzieren so die Stimulation der Speicheldrüsen.
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Hauptverursachende Medikamentengruppen:
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Antihypertensiva (gegen Bluthochdruck): v.a. Diuretika, Betablocker, ACE-Hemmer.
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Antidepressiva & Neuroleptika: v.a. trizyklische Antidepressiva, SSRIs.
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Antihistaminika (gegen Allergien).
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Anticholinergika (z.B. bei Inkontinenz, COPD).
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Sedativa und Hypnotika (Beruhigungs- und Schlafmittel).
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Starke Schmerzmittel (Opioide).
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Die oralen Folgen der Xerostomie: Der Wegfall der protektiven Speichelfunktionen führt zu einer Kaskade von Problemen:
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Massiv erhöhtes Kariesrisiko: Insbesondere für aggressive, schnell fortschreitende Wurzelkaries, da die Pufferung von Säuren und die Remineralisation fehlen.
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Orale Candidose (Soor): Pilzinfektionen.
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Schleimhautprobleme: Brennen (Burning-Mouth), Atrophie, schmerzhafte Druckstellen unter Prothesen.
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Funktionelle Probleme: Schwierigkeiten beim Kauen, Schlucken (Dysphagie) und Sprechen; Geschmacksstörungen (Dysgeusie).
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3. Weitere wichtige orale Arzneimittelnebenwirkungen
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Medikamenten-induzierte Gingivahyperplasie: Eine Wucherung des Zahnfleisches, typischerweise ausgelöst durch:
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Phenytoin (Antiepileptikum).
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Ciclosporin (Immunsuppressivum nach Transplantationen).
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Kalziumkanalblocker (Antihypertensiva wie Nifedipin, Amlodipin).
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Medikamenten-assoziierte Kiefernekrose (MRONJ): Eine seltene, aber schwerwiegende Komplikation, bei der es zur Freilegung von nekrotischem Kieferknochen kommt. Hauptauslöser sind Bisphosphonate und Denosumab (zur Osteoporose- und Krebstherapie).
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Die Medikamenten-Anamnese als Schlüssel: Es reicht nicht, den Patienten zu fragen, ob er Medikamente nimmt. Es ist eine vollständige Liste mit den genauen Namen erforderlich. Diese Liste muss bei jedem Besuch aktualisiert werden.
Management der medikamenten-induzierten Xerostomie: Da die systemische Medikation meist lebensnotwendig ist, ist die zahnärztliche Therapie primär symptomatisch und präventiv.
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Kausaler Ansatz (selten): Rücksprache mit dem behandelnden Arzt, ob eine Umstellung auf ein weniger xerostomes Alternativmedikament möglich ist.
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Präventiver Ansatz (Standard): Das Management zielt darauf ab, die zerstörerischen Folgen der Trockenheit zu kompensieren.
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Intensivierte Fluoridierung: Verordnung einer hochkonzentrierten Fluoridzahnpasta (5000 ppm), regelmäßige professionelle Fluoridlack-Applikation.
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Engmaschiges Recall: UPT/Prophylaxe-Intervall auf 3-4 Monate verkürzen.
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Speichelstimulation: Empfehlung von zuckerfreien Kaugummis oder Bonbons (mit Xylitol).
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Speichelersatz: Bei starkem Leidensdruck Verordnung von Speichelersatzmitteln (Gele, Sprays) zur Befeuchtung der Schleimhäute.
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Fallbeispiel:
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Szenario: Eine 78-jährige Patientin, die bisher eine stabile Mundgesundheit hatte, entwickelt innerhalb von zwei Jahren multiple, aggressive Kariesläsionen an den Zahnhälsen.
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Anamnese: Die Patientin berichtet, dass sie seit ca. 2,5 Jahren wegen Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck und einer Depression behandelt wird. Die Medikamentenliste umfasst einen Betablocker, ein Diuretikum und ein Antidepressivum. Sie klagt über einen extrem trockenen Mund, der sie nachts weckt.
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Analyse: Dies ist ein klassischer Fall einer schweren, medikamenten-induzierten Xerostomie, ausgelöst durch die Kombination von drei xerostomen Medikamenten. Die Patientin ist durch diese Polypharmazie von einer Niedrig-Risiko- zu einer Extrem-Hochrisiko-Patientin für Karies geworden.
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Klinische Konsequenz & Management:
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Aufklärung: Der Patientin wird der direkte Zusammenhang zwischen ihren lebenswichtigen Medikamenten, der Mundtrockenheit und der “neuen” Karies erklärt.
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Restaurative Therapie: Die kariösen Läsionen werden versorgt (oft mit GIZ).
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Präventionsplan: Es wird ein intensives Präventionsprogramm etabliert:
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Rezept für eine 5000 ppm Fluoridzahnpasta.
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Aufnahme in ein 3-monatiges UPT-Programm mit professioneller Fluoridierung.
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Empfehlung eines Speichelersatz-Gels für die Nacht.
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Ergebnis: Die zahnärztliche Behandlung fokussiert sich nicht nur auf die Reparatur der Schäden, sondern auf das aktive, lebenslange Management des durch die systemische Medikation verursachten oralen Risikozustands.