Lektion 2: Funktionelle Anatomie des Pharynx (Rachen) und Larynx (Kehlkopf)

A. Klinische Relevanz

 

Der Rachen (Pharynx) und der Kehlkopf (Larynx) bilden die direkte anatomische Fortsetzung der Mundhöhle. Sie sind die Kreuzung von Atem- und Speiseweg. Für den Zahnarzt ist das Verständnis dieser Regionen aus mehreren Gründen entscheidend: 1. Zur Gewährleistung der Patientensicherheit durch die Prävention des Verschluckens oder Aspirierens von Fremdkörpern. 2. Zum Verständnis des Schluckaktes und der Ursachen von Schluckstörungen (Dysphagie). 3. Zur Früherkennung von Pathologien in diesem Bereich, da der Zahnarzt bei der Inspektion der Mundhöhle oft Einblick in den vorderen Rachenabschnitt (Oropharynx) hat und als Erster Veränderungen bemerken kann.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Der Pharynx (Rachen) Der Pharynx ist ein muskulärer Schlauch, der sich von der Schädelbasis bis zur Speiseröhre erstreckt.

  • Die drei Etagen:

    • Nasopharynx (Epipharynx): Der oberste Abschnitt, hinter der Nase. Enthält die Rachenmandel (adenoide Vegetationen bei Kindern) und die Öffnung der Ohrtrompete (Tuba auditiva).

    • Oropharynx (Mesopharynx): Der mittlere, für den Zahnarzt sichtbare Abschnitt. Er reicht vom weichen Gaumen bis zum Kehldeckel. Hier liegen die Gaumenmandeln (Tonsilla palatina) und der Zungengrund mit der Zungenmandel.

    • Laryngopharynx (Hypopharynx): Der unterste Abschnitt, der sich in den Kehlkopf (anterior) und die Speiseröhre (posterior) aufteilt.

  • Der Waldeyer’sche Rachenring: Ein Ring aus lymphatischem Gewebe (Rachen-, Gaumen-, Zungen- und Tubenmandeln), der als erste immunologische Barriere am Eingang des Aero-digestiv-Traktes dient.

2. Der Larynx (Kehlkopf) Der Larynx ist ein komplexes Knorpelgerüst am Eingang zur Luftröhre.

  • Hauptfunktionen:

    • Stimmbildung (Phonation): Beherbergt die Stimmbänder.

    • Atemwegs-Schutz: Dies ist die wichtigste Funktion im Kontext der Zahnmedizin. Der Kehldeckel (Epiglottis) fungiert als Weiche.

3. Der Schluckakt: Ein komplexer Reflex Der Schluckakt ist ein hochkoordinierter neuromuskulärer Prozess, der sicherstellt, dass Nahrung in die Speiseröhre und nicht in die Luftröhre gelangt.

  • Orale Phase (willkürlich): Die Nahrung wird zerkleinert und zu einem Bolus geformt. Die Zunge transportiert den Bolus nach hinten.

  • Pharyngeale Phase (unwillkürlich, reflektorisch): Sobald der Bolus den Rachen erreicht, wird ein schneller Reflex ausgelöst:

    1. Das Gaumensegel hebt sich und verschließt den Nasopharynx.

    2. Der Kehlkopf hebt sich und der Kehldeckel (Epiglottis) legt sich über den Kehlkopfeingang und verschließt die Luftröhre.

    3. Die Rachenmuskulatur kontrahiert und transportiert den Bolus in die Speiseröhre.

Abbildung: Die pharyngeale Phase des Schluckaktes. Man beachte, wie die Epiglottis den Eingang zum Larynx verschließt, um die Atemwege zu schützen.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Aspirationsprophylaxe: Während zahnärztlicher Behandlungen, insbesondere in Rückenlage und unter Lokalanästhesie, sind die Schutzreflexe des Rachens oft beeinträchtigt.

  • Das Risiko: Kleine Instrumente (Endo-Feilen), Kronen oder Materialreste können verschluckt (gelangen in den Magen) oder, weitaus gefährlicher, aspiriert (gelangen in die Lunge) werden, was zu einer schweren Lungenentzündung oder einem lebensbedrohlichen Verschluss führen kann.

  • Die wichtigste Schutzmaßnahme: Die Anwendung von Kofferdam. Er bildet eine sichere Barriere und ist bei endodontischen Behandlungen oder der adhäsiven Befestigung von Restaurationen der absolute Standard zur Aspirationsprophylaxe.

Der Würgereflex: Ein Schutzreflex, der durch die Berührung des weichen Gaumens, des Zungengrundes oder der Rachenhinterwand ausgelöst wird. Bei manchen Patienten ist er extrem ausgeprägt und erschwert die Behandlung.

Fallbeispiel: Die Früherkennung im Oropharynx

  • Szenario: Bei der routinemäßigen Inspektion eines 65-jährigen, starken Rauchers bittet der Zahnarzt den Patienten, die Zunge herauszustrecken und “Aaaah” zu sagen. Dabei inspiziert er den sichtbaren Rachenraum. Ihm fällt eine asymmetrische Vergrößerung der rechten Gaumenmandel (Tonsille) auf, die eine unregelmäßige, ulzerierte Oberfläche hat. Der Patient ist beschwerdefrei.

  • Analyse: Eine einseitige, schmerzlose, verhärtete und ulzerierte Schwellung im Tonsillenbereich bei einem Risikopatienten (Raucher) ist hochgradig verdächtig auf ein malignes Geschehen (z.B. ein Plattenepithelkarzinom des Oropharynx, oft HPV-assoziiert).

  • Klinische Konsequenz:

    1. Verdachtsdiagnose: Der Zahnarzt dokumentiert den Befund.

    2. Sofortige Überweisung: Er überweist den Patienten umgehend an einen HNO-Arzt zur weiteren Abklärung mittels Endoskopie und Biopsie.

  • Ergebnis: Der HNO-Arzt bestätigt ein frühes Tonsillenkarzinom. Durch die sorgfältige Inspektion des Oropharynx – einem Bereich, den viele Zahnärzte vernachlässigen – hat der Zahnarzt eine potenziell lebensrettende Frühdiagnose initiiert.