Lektion 18: Pharmakologie des zahnärztlichen Notfallkoffers

A. Klinische Relevanz

 

Obwohl medizinische Notfälle in der Zahnarztpraxis selten sind, können sie jederzeit und unerwartet auftreten. Eine adäquate Vorbereitung ist keine Option, sondern eine ärztliche und rechtliche Verpflichtung. Während die Stabilisierung des Patienten mittels Basismaßnahmen der Reanimation (Basic Life Support, BLS) immer an erster Stelle steht, ist die gezielte medikamentöse Intervention bei spezifischen Notfällen wie einer schweren allergischen Reaktion oder einem Asthmaanfall oft lebensrettend. Diese Lektion vermittelt das essenzielle Wissen über die wichtigsten Medikamente eines zahnärztlichen Notfallkoffers, ihre Indikationen und ihre korrekte Anwendung, um die Zeit bis zum Eintreffen des professionellen Rettungsdienstes sicher zu überbrücken.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das Grundprinzip: Basic Life Support (BLS) hat immer Vorrang! Medikamente sind sekundär. Die primäre Reaktion auf jeden Notfall folgt dem Schema:

  1. Notfall erkennen und die Behandlung sofort stoppen.

  2. Hilfe rufen (intern im Team und extern über den Notruf 112).

  3. ABC-Schema anwenden: Atemwege freimachen, Beatmung prüfen, Circulation (Kreislauf) prüfen. Ggf. mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen.

2. Die essenziellen Notfallmedikamente (“Die großen Fünf”)

  • a) Bei schwerer allergischer Reaktion (Anaphylaxie): ADRENALIN (EPINEPHRIN)

    • Wirkung: Adrenalin ist das wichtigste und alternativlose Notfallmedikament bei einer Anaphylaxie. Es wirkt allen lebensbedrohlichen Symptomen entgegen: Es hebt den Blutdruck (α₁-Wirkung), erweitert die Bronchien (β₂-Wirkung) und steigert die Herzleistung (β₁-Wirkung).

    • Applikation: Intramuskulär (i.m.) in den seitlichen Oberschenkelmuskel (M. vastus lateralis). Vorgefertigte Autoinjektoren (z.B. EpiPen®) sind am einfachsten und sichersten in der Anwendung.

    • Zusatzmedikamente (Second-Line):

      • Kortikosteroide (z.B. Prednisolon): Wirken langsam, aber langanhaltend entzündungshemmend und verhindern eine Spätreaktion.

      • Antihistaminika (z.B. Clemastin): Wirken gegen die Hautreaktionen (Juckreiz, Quaddeln).

  • b) Bei akutem Asthmaanfall (Bronchospasmus): SALBUTAMOL

    • Wirkung: Ein schnellwirksamer Beta-2-Agonist, der eine sofortige und starke Erweiterung der Bronchien (Bronchodilatation) bewirkt.

    • Applikation: Als Dosieraerosol (Asthmaspray) zur Inhalation.

  • c) Bei Hypoglykämie (Unterzuckerung) bei Diabetikern:

    • Klinik: Verwirrung, Schwitzen, Zittern, Aggressivität, bis hin zur Bewusstlosigkeit.

    • Therapie (bei wachem, kooperativem Patient): ZUCKER! In jeder schnell verfügbaren Form: Traubenzucker-Täfelchen, Cola, Orangensaft.

    • Therapie (bei bewusstlosem Patient): GLUKAGON. Ein Hormon, das die Leber zur Freisetzung von Zucker ins Blut anregt. Wird intramuskulär (i.m.) als Injektion verabreicht.

  • d) Bei Angina-Pectoris-Anfall / Herzinfarkt-Verdacht:

    • Klinik: Plötzlicher, starker Brustschmerz, oft mit Ausstrahlung in den linken Arm oder Kiefer.

    • Medikament: NITROGLYCERIN (Glyceroltrinitrat).

    • Wirkung: Ein potenter Vasodilatator, der die Herzkranzgefäße erweitert und die Vorlast des Herzens senkt.

    • Applikation: Als Spray oder Kapsel sublingual (unter die Zunge) zur schnellen Aufnahme. Kontraindikation: Nicht geben bei sehr niedrigem Blutdruck oder nach Einnahme von PDE-5-Hemmern (z.B. Viagra®).

  • e) Sauerstoff (O₂):

    • Gilt als Basis-Medikament bei fast allen Notfällen (außer Hyperventilation) zur Verbesserung der Sauerstoffversorgung.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Team-Training ist entscheidend: Der beste Notfallkoffer ist nutzlos, wenn das Team nicht regelmäßig (mind. 1x jährlich) den Umgang damit und die Abläufe im Notfall trainiert. Jedes Teammitglied muss seine Rolle kennen.

Fallbeispiel: Der anaphylaktische Schock

  • Szenario: Wenige Minuten nach der Gabe eines Antibiotikums (z.B. Penicillin) klagt ein Patient über plötzlichen Juckreiz am ganzen Körper, entwickelt Quaddeln, bekommt schlecht Luft und wird zyanotisch.

  • Analyse: Dies sind die klassischen, sich schnell entwickelnden Zeichen einer lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktion.

  • Klinische Konsequenz & Notfall-Algorithmus:

    1. Behandlung stoppen & Notruf 112 absetzen (Meldung: “Verdacht auf anaphylaktischen Schock”).

    2. Adrenalin: Der Behandler verabreicht sofort Adrenalin i.m. in den Oberschenkel. Dies ist der erste und wichtigste Schritt.

    3. Lagerung & ABC: Der Patient wird in eine für ihn angenehme Position gebracht (oft sitzend, um das Atmen zu erleichtern). Atemwege, Atmung und Kreislauf werden überwacht.

    4. Sauerstoff: Gabe von hochdosiertem Sauerstoff über eine Maske.

    5. Weitere Medikamente: Kortikosteroide und Antihistaminika werden bereitgelegt und ggf. verabreicht.

    6. Überwachung: Die Vitalparameter werden bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes kontinuierlich überwacht.

  • Ergebnis: Die sofortige Erkennung der Anaphylaxie und die umgehende Gabe von Adrenalin sind die entscheidenden, potenziell lebensrettenden Maßnahmen. Das zahnärztliche Team überbrückt die kritischen ersten Minuten, bis die professionelle Rettungskette greift.