Lektion 18: Dentale Komposite – Zusammensetzung, Klassifikation und Polymerisation

A. Klinische Relevanz

 

Dentale Komposite sind die Arbeitspferde der modernen restaurativen Zahnheilkunde und haben Amalgam als Füllungsmaterial in den meisten Indikationen abgelöst. Ein tiefgreifendes Verständnis ihrer Zusammensetzung, Eigenschaften und Verarbeitung ist keine akademische Übung, sondern hat direkte Auswirkungen auf den klinischen Erfolg. Die Wahl des richtigen Komposittyps für eine spezifische Situation (z.B. Front- vs. Seitenzahn) und die korrekte Durchführung der Lichthärtung sind entscheidend für die Langlebigkeit, Ästhetik und Biokompatibilität der Restauration. Fehler bei der Anwendung führen unweigerlich zu Komplikationen wie postoperativen Sensitivitäten, Randverfärbungen, Frakturen und Sekundärkaries.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die vier Hauptkomponenten eines Komposits Komposit (engl. composite = Verbundwerkstoff) ist ein heterogenes Material, das seine Eigenschaften durch die Kombination verschiedener Komponenten erhält.

  • a) Organische Kunststoffmatrix: Bildet das zusammenhängende, aushärtende Gerüst. Sie besteht aus einer Mischung verschiedener Monomere:

    • Bis-GMA (Bisphenol-A-Glycidylmethacrylat): Ein großes, viskoses Monomer, das dem Komposit mechanische Festigkeit verleiht, aber zu einer hohen Polymerisationsschrumpfung neigt.

    • UDMA (Urethandimethacrylat): Ein flexibleres und weniger viskoses Monomer als Bis-GMA.

    • TEGDMA (Triethylenglycoldimethacrylat): Ein niedrigviskoses “Verdünner”-Monomer. Es wird zugesetzt, um die Viskosität der Matrix zu senken und das Material klinisch verarbeitbar (modellierbar) zu machen. Es erhöht jedoch die Schrumpfung.

  • b) Anorganische Füllkörper: Bilden den größten Volumen- und Gewichtsanteil.

    • Material: Meist Siliziumdioxid (SiO₂), verschiedene Dentalgläser (z.B. Barium-, Strontiumglas) oder Zirkonoxidpartikel.

    • Funktion:

      • Erhöhung der mechanischen Festigkeit (Härte, Abrasionsresistenz, Druckfestigkeit).

      • Reduktion der Polymerisationsschrumpfung.

      • Reduktion des thermischen Ausdehnungskoeffizienten (Angleichung an die Zahnhartsubstanz).

      • Erhöhung der Röntgenopazität (Sichtbarkeit im Röntgenbild).

  • c) Silan-Haftvermittler (Kopplungsagens): Dies ist die entscheidende Verbindung.

    • Funktion: Silane sind bifunktionelle Moleküle, die eine stabile chemische Brücke zwischen der anorganischen Oberfläche der Füllkörper und der organischen Kunststoffmatrix bilden. Ohne diese Kopplung wäre das Komposit extrem schwach.

  • d) Initiator-System: Startet die Aushärtungsreaktion.

    • Lichthärtende Systeme: Bestehen aus einem Photoinitiator (meist Campherchinon), der auf blaues Licht (Wellenlänge ca. 470 nm) reagiert, und einem Amin-Aktivator, der die Reaktion startet und zur Bildung freier Radikale führt.

2. Klassifikation nach Füllkörpergröße Die Größe der Füllpartikel bestimmt maßgeblich die mechanischen und ästhetischen Eigenschaften und damit die klinische Indikation.

Komposit-Typ Füllergröße (Durchschnitt) Füllkörpergehalt Eigenschaften Klinische Anwendung
Mikrofüller 40 nm (0.04 µm) Gering (ca. 50 Gew.-%) Exzellent polierbar (Hochglanz), aber geringere mechanische Festigkeit Ästhetische Frontzahnrestaurationen (Kl. III, V), wo die Ästhetik im Vordergrund steht
Hybridkomposite Mischung aus großen (µm) und kleinen Partikeln Hoch (ca. 75-80 Gew.-%) Guter Kompromiss aus Festigkeit und Polierbarkeit Früherer “Universal”-Standard für Front- und Seitenzahn
Nanohybrid / Nanofiller Nanopartikel (5-100 nm) & Nanocluster Sehr hoch (>80 Gew.-%) Exzellente Ästhetik UND sehr hohe Festigkeit. Vereinen die Vorteile von Mikro- und Hybridfüllern. Heutiger Universal-Standard für alle Indikationen im Front- und Seitenzahnbereich
Fließfähige Komposite (“Flowables”) Weniger Füllkörper als Hybride Gering (ca. 50-70 Gew.-%) Niedrigviskos, fließfähig, benetzt Kavitäten gut, aber geringere Festigkeit Als “Liner” in der ersten Schicht tiefer Kavitäten, zum Ausblocken von Unterschnitten, für kleine Füllungen der Kl. V
Stopfbare Komposite (“Packables”) Spezielle Füllertechnologie Sehr hoch Hochviskos, stopfbar, reduzierte Schrumpfung Große Seitenzahnrestaurationen (Kl. I, II), oft als Dentinersatz in der Schichttechnik

3. Die Polymerisation und ihre klinischen Konsequenzen

  • Mechanismus: Eine radikalische Additions-Kettenpolymerisation. Durch Licht aktivierte Initiatoren erzeugen freie Radikale, die die Kohlenstoff-Doppelbindungen der Monomere aufbrechen und diese zu einem starren, dreidimensionalen Polymernetzwerk verknüpfen. Das Material wird von einem plastischen zu einem festen Zustand umgewandelt.

  • Das Kernproblem: Polymerisationsschrumpfung

    • Während der Polymerisation rücken die Monomere, die sich vorher im Van-der-Waals-Abstand befanden, auf den kürzeren kovalenten Bindungsabstand zusammen. Dies führt zu einer unvermeidlichen Volumenreduktion des Materials (je nach Material 1,5% – 5%).

  • Der Polymerisationsstress:

    • Diese Schrumpfung erzeugt massive Kräfte, die an den Klebeflächen (dem “Bonding”) zwischen Füllung und Zahn ziehen. Dieser Polymerisationsstress ist die Ursache für viele klinische Probleme:

      • Postoperative Sensitivitäten: Stress am Kavitätenboden kann die Odontoblastenfortsätze reizen.

      • Randspaltbildung: Ist der Schrumpfungsstress größer als die Haftkraft des Adhäsivs, kann sich die Füllung vom Kavitätenrand lösen. Dies führt zu Mikroleakage, Randverfärbungen und Sekundärkaries.

      • Höckerdeflektion: Bei großen MOD-Kavitäten kann der Stress die bukkalen und lingualen Höcker zueinander ziehen, was zu Schmelzrissen oder sogar Höckerfrakturen führen kann.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Kontrolle des Polymerisationsstresses: Die klinische Hauptaufgabe bei der Verarbeitung von Kompositen ist die Minimierung dieses Stresses. Dies geschieht primär durch die inkrementelle Schichttechnik: Das Komposit wird in kleinen Schichten von maximal 2 mm Dicke aufgetragen und jede Schicht einzeln ausgehärtet. Dies reduziert das schrumpfende Volumen pro Aushärtungsschritt und erlaubt dem Material, einen Teil des Stresses abzubauen.

Materialauswahl im Praxisalltag:

  • Fall: Große Klasse-IV-Füllung an einem Schneidezahn (Eckenaufbau).

  • Vorgehen: Man kombiniert oft verschiedene Komposite. Als Dentinersatz wird eine opakere, mechanisch stabile Masse (z.B. stopfbares Komposit) verwendet. Die äußere Schicht wird mit einem hochästhetischen Nanohybrid-Komposit mit exzellenter Polierbarkeit gestaltet, das in verschiedenen Transluzenzen verfügbar ist, um den natürlichen Schmelz zu imitieren.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Patient klagt über starke und anhaltende “Biss- und Kälteempfindlichkeit” an einem Seitenzahn, der vor zwei Wochen eine tiefe Kompositfüllung erhalten hat.

  • Analyse der wahrscheinlichen Ursachen:

    1. Polymerisationsstress (Hauptverdächtiger): Die Füllung wurde wahrscheinlich in zu großen Portionen oder mit einer ungeeigneten “Bulk-Fill”-Technik gelegt. Der massive Schrumpfungsstress führt zu einer permanenten Reizung der Pulpa und/oder zu einer beginnenden Randspaltbildung.

    2. Adhäsivfehler: Eine Kontamination während des Bondings hat die Haftung reduziert, der Schrumpfungsstress konnte nicht kompensiert werden und hat zu einem Spalt geführt.

  • Klinische Konsequenz: Dies ist ein klassischer Anwendungsfehler, der direkt aus den Materialeigenschaften resultiert. Die Therapie besteht meist in der Entfernung der Füllung und der Neuanfertigung unter strikter Einhaltung der korrekten Schichttechnik und Adhäsivprotokolle, um den Polymerisationsstress zu kontrollieren.