Lektion 17: Schritt 3 – Die Re-Evaluation (Neubefundung) und die Entscheidung zur Chirurgie

A. Klinische Relevanz

 

Die Re-Evaluation ist der entscheidende Kontrollpunkt und das Ende der initialen, anti-infektiösen Therapiephase. Es ist der “Tag der Wahrheit”, an dem der Erfolg der bisherigen Behandlung – des subgingivalen Debridements und vor allem der häuslichen Mitarbeit des Patienten – objektiv gemessen wird. Dieses Ergebnis einer vollständigen Neubefundung ist die Grundlage für eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen in der Parodontologie: Ist die Krankheit unter Kontrolle und der Patient bereit für die lebenslange Erhaltungstherapie (UPT), oder gibt es verbliebene “Resttaschen”, die einer weiterführenden, oft chirurgischen Behandlung bedürfen? Eine korrekte Re-Evaluation verhindert, dass aktive, tiefe Taschen übersehen werden, und sichert den langfristigen Erfolg.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Der richtige Zeitpunkt Die parodontale Heilung ist ein langsamer Prozess. Die volle Auswirkung der anti-infektiösen Therapie (AIT) ist erst nach einer gewissen Reifungsphase des Gewebes beurteilbar.

  • Zeitfenster: Die Re-Evaluation findet typischerweise 3 bis 6 Monate nach Abschluss der letzten subgingivalen Instrumentierung (Schritt 2) statt.

2. Die Durchführung: Eine komplette Neubefundung Die Re-Evaluation ist keine kurze Kontrolle, sondern eine vollständige Wiederholung der initialen parodontalen Befunderhebung. Es wird ein komplett neuer Parodontalstatus erstellt, der exakt die gleichen Parameter wie zu Beginn erfasst:

  • Sondierungstiefen (ST) an 6 Stellen pro Zahn

  • Klinischer Attachmentlevel (CAL)

  • Blutung auf Sondieren (BOP)

  • Furkationsbefall

  • Lockerungsgrade Dieser neue Status wird dann direkt mit dem Ausgangsbefund verglichen.

3. Die therapeutischen Endpunkte: Wann war die Behandlung erfolgreich? Das primäre Ziel der AIT ist die Eliminierung der Entzündung und die Schaffung von Taschen, die für den Patienten reinigungsfähig sind.

  • Erfolgreiche Endpunkte sind:

    • Drastische Reduktion der Blutung auf Sondieren (BOP): Dies ist der wichtigste Indikator für den Erfolg. Ein BOP-Score von < 20% gilt als stabiles Ergebnis.

    • Reduktion der Sondierungstiefen: Im Idealfall sollten keine Taschen ≥ 5 mm mehr vorhanden sein.

    • Stabiler Attachmentlevel: Es darf kein weiterer Attachmentverlust stattgefunden haben.

  • Resttaschen (Residual Pockets): Taschen, die nach der AIT weiterhin eine Sondierungstiefe von ≥ 5 mm mit BOP aufweisen. Diese gelten als nicht ausreichend behandelt, instabil und bergen ein hohes Risiko für eine erneute Progression.

4. Der Entscheidungsbaum nach der Re-Evaluation Basierend auf dem Ergebnis der Neubefundung wird der weitere Weg festgelegt.

  • Szenario 1: Therapie erfolgreich

    • Befund: ST größtenteils ≤ 4 mm, BOP < 20%, keine tiefen Resttaschen.

    • Entscheidung: Die aktive Therapie ist beendet. Der Patient wird direkt in die Unterstützende Parodontitis-Therapie (UPT) / Nachsorge (Schritt 4) überführt.

  • Szenario 2: Teilweiser Erfolg mit lokalen Resttaschen

    • Befund: Deutliche generelle Verbesserung, aber es verbleiben einzelne, lokalisierte Resttaschen ≥ 5-6 mm mit BOP.

    • Entscheidung: Diese spezifischen Stellen benötigen eine weiterführende Behandlung. Die Optionen sind:

      • Erneutes subgingivales Debridement der spezifischen Tasche.

      • Adjuvante lokale Antibiotika-Therapie (LDD).

      • Parodontalchirurgischer Eingriff (Korrektive Phase, Schritt 3), um die Tasche unter direkter Sicht zu reinigen oder zu eliminieren.

  • Szenario 3: Kein Erfolg

    • Befund: Generalisiert persistierende tiefe Taschen und hoher BOP-Score.

    • Ursachenanalyse: Liegt es an unzureichender Mundhygiene des Patienten? An unkontrollierten Risikofaktoren (Rauchen, Diabetes)? An einer besonders aggressiven Keimflora?

    • Entscheidung: Zurück zu Schritt 1. Intensive Re-Instruktion, Re-Motivation, professionelle Reinigung und Adressierung der Risikofaktoren. Eine chirurgische Therapie ist bei mangelnder Hygiene kontraindiziert.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein Patient mit “General. Parodontitis, Stadium III, Grad B” kommt zur Re-Evaluation 3 Monate nach Abschluss der AIT.

  • Befundvergleich:

Parameter Initialbefund Befund bei Re-Evaluation
ST Generalisiert 5-7 mm Generalisiert 3-4 mm, aber an Zahn 26 distopalatinal 6 mm
BOP 92% 18%
API (Plaque) 85% 20%
  • Analyse:

    • Das Gesamtergebnis ist hervorragend. Der Patient hat eine exzellente Mundhygiene etabliert (API < 25%). Die Entzündung ist massiv zurückgegangen (BOP < 20%). Fast alle Taschen sind auf ein gesundes Maß reduziert.

    • Die einzelne 6-mm-Tasche an 26 distopalatinal stellt jedoch eine klassische Resttasche dar. Sie ist für den Patienten nicht zu reinigen und birgt ein hohes Risiko für eine erneute Exazerbation.

  • Klinische Konsequenz & Therapieplanung:

    1. Kommunikation: Der große Erfolg wird dem Patienten gegenüber positiv hervorgehoben und seine Mitarbeit gelobt.

    2. Problemstellung: Die verbliebene Resttasche wird als “letzter verbliebener Infektionsherd” erklärt, den man gezielt behandeln muss, um den Gesamterfolg langfristig zu sichern.

    3. Therapieentscheidung: Aufgrund der Tiefe (6 mm) und der schlechten Zugänglichkeit (distopalatinal am Molar) ist ein chirurgisches Vorgehen die vorhersagbarste Option. Es wird ein kleiner parodontalchirurgischer Eingriff (Access Flap) geplant, um die Wurzeloberfläche an dieser Stelle unter direkter Sicht perfekt zu reinigen.

    4. Nach erfolgreicher chirurgischer Versorgung dieser Einzelstelle wird der Patient in die UPT überführt.