Lektion 17: Dysgnathiechirurgie: Grundprinzipien, die Bedeutung der kieferorthopädischen Vorbereitung (Dekompensation) und Überblick über Osteotomien (BSSO, Lefort I)

A. Klinische Relevanz
Skelettale Fehlstellungen der Kiefer (Dysgnathien) können nicht nur die Ästhetik, sondern vor allem auch die Funktion (Kauen, Sprechen, Atmung) und die Gelenkgesundheit erheblich beeinträchtigen. Wenn eine rein kieferorthopädische Behandlung an ihre Grenzen stößt, ermöglicht die Dysgnathiechirurgie in interdisziplinärer Zusammenarbeit die Korrektur der zugrundeliegenden knöchernen Fehlstellung. Jeder Zahnarzt sollte die Grundprinzipien und den typischen Behandlungsablauf kennen, um Patienten frühzeitig beraten und in das richtige Versorgungssystem überweisen zu können.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Grundprinzip der Dysgnathiechirurgie

Das Ziel ist die chirurgische Verlagerung eines oder beider Kiefer in die korrekte skelettale Position, um eine stabile Okklusion, eine harmonische Gesichtsästhetik und eine gute Funktion zu erreichen.

2. Die Bedeutung der kieferorthopädischen Vorbereitung (Dekompensation)

Dies ist der entscheidende präoperative Schritt, den jeder Zahnarzt verstehen muss.

  • Problem: Der Körper versucht oft, eine skelettale Fehlstellung durch Zahnbewegungen auszugleichen (Kompensation).

    • Bei einem progenen Unterkiefer kippen die oberen Frontzähne nach labial und die unteren nach lingual, um einen Scherenbiss zu vermeiden.

    • Bei einem offenen Biss elongieren die Frontzähne, um den Kontakt zu suchen.

  • Lösung – Die Dekompensation: Der Kieferorthopäde muss vor der Operation diese kompensatorischen Zahnstellungsfehler beseitigen und die Zähne über ihren Kieferbasen in die ideale Position stellen. Dies verschlechtert die Okklusion und die Ästhetik vorübergehend, schafft aber den notwendigen Raum, um den Kiefer chirurgisch präzise zu verlagern. Ohne Dekompensation ist eine stabile Okklusion postoperativ nicht möglich.

3. Überblick über die wichtigsten Osteotomien

 
 
Verfahren Beschreibung & Indikation Chirurgisches Prinzip
Bilaterale Sagittale Spaltung des Unterkiefers (BSSO / “Obwegeser-Dal Pont”) Standardverfahren für den Unterkiefer.
Indikation: Retrognathie, Prognathie, Asymmetrien.
Der aufsteigende Ast wird sagittal gespalten. Der zahntragende Teil (Corpus) kann nach vorne, hinten oder seitlich verschoben werden. Hohe Stabilität und gute Knochenheilung durch große Kontaktfläche.
Le-Fort-I-Osteotomie Standardverfahren für den Oberkiefer.
Indikation: Vertikaler Maxillärer Exzess („gummy smile“), Maxilläre Retrognathie, Offener Biss, Asymmetrien.
Der Oberkiefer wird in Höhe der Nasenhöhle und der Kieferhöhlen vom restlichen Gesichtsschädel abgetrennt und kann als Block in alle drei Raumebenen verlagert werden.
Genioplastik (Kinnplastik) Korrektur des Kinns.
Indikation: Mikrogenie, Makrogenie, vertikale Kinnasymmetrie.
Der knöcherne Kinnvorsprung wird osteotomiert und separat verschoben. Kann isoliert oder in Kombination mit BSSO/Le-Fort-I durchgeführt werden.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Die Angle-Klasse III mit progenem Unterkiefer

Szenario: Ein 19-jähriger Patient hat einen vorspringenden Unterkiefer (Progenie) mit umgekehrtem Frontzahnüberbiss und einem deutischen Seitenbiss. Die unteren Frontzähne sind kompensatorisch nach lingual gekippt.

Analyse: Skelettale Klasse III. Eine rein kieferorthopädische Behandlung könnte die Zähne zwar aufstellen, aber nicht die knöcherne Basis korrigieren.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Kieferorthopädische Vorbehandlung (Dekompensation): Die unteren Frontzähne werden nach labial aufgerichtet, was den Überbiss zunächst noch weiter verschlechtert. Die oberen Frontzähne werden nach palatinal gekippt.

  2. Chirurgie: Durchführung einer BSSO zur Rückverlagerung des Unterkiefers in die gewünschte Klasse-I-Position.

  3. Kieferorthopädische Feineinstellung: Nach Abschluss der Knochenheilung erfolgt die finale okklusale Feineinstellung.

Fallbeispiel 2: Der vertikale Maxilläre Exzess („Gummy Smile“)

Szenario: Eine 22-jährige Patientin ist mit ihrem Lächeln unzufrieden, da sie zu viel Zahnfleisch zeigt. Zusätzlich besteht ein frontaler offener Biss, die Lippen können in Ruhe nicht geschlossen werden.

Analyse: Der Oberkiefer ist zu lang und/oder die Frontzähne sind zu stark elongiert.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Dekompensation: Der Kieferorthopäde intrudiert (kippt nach innen/unten) die oberen Frontzähne, um den offenen Biss zu vergrößern und Platz für die chirurgische Bewegung zu schaffen.

  2. Chirurgie: Eine Le-Fort-I-Osteotomie wird durchgeführt. Der Oberkiefer wird als Block nach kranial impaktiert (angehoben), wodurch das Zahnfleischlächeln reduziert wird. Gleichzeitig wird der Kiefer nach anterior verlagert, um den Lippenschluss zu ermöglichen und den offenen Biss zu schließen.

  3. Ergebnis: Harmonisches Lächeln, geschlossene Lippen in Ruhe und stabile Okklusion.

Fallbeispiel 3: Die kombinierte Kieferfehlstellung

Szenario: Ein Patient mit einer ausgeprägten skeletten Klasse-II-Anomalie (fliehendes Kinn, retrognather Oberkiefer) und einer Asymmetrie.

Analyse: Komplexe Dysgnathie, die beide Kiefer betrifft.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Planung: Die präzise Planung erfolgt anhand von Fotos, Modellen und einer 3D-CT-Datensatz, der zu einem virtuellen Schädelmodell fusioniert wird („virtual surgical planning“).

  2. Chirurgie: Es wird eine bimaxilläre Umstellungsosteotomie durchgeführt: Le-Fort-I-Osteotomie zur Vorverlagerung des Oberkiefers und BSSO zur Vorverlagerung und ggf. Drehung des Unterkiefers. Oft kombiniert mit einer Genioplastik zur weiteren Kinnprojektion.

  3. Fixierung: Die Kiefer werden während der Heilung mit Miniplatten osteosynthetisch fixiert; eine intermaxilläre Ruhigstellung (Drahtverschaltung) ist heute oft nur kurz oder gar nicht mehr nötig.