Lektion 17: Benigne Hauttumoren (z.B. seborrhoische Keratose, Fibrome)
A. Klinische Relevanz
Neben den malignen und potenziell malignen Hautveränderungen gibt es eine Vielzahl von vollkommen harmlosen, benignen Tumoren und Zysten, die extrem häufig im Gesichtsbereich älterer Patienten auftreten. Patienten sind oft über diese “Flecken” und “Knubbel” besorgt und fragen den Zahnarzt um Rat. Die Fähigkeit, die häufigsten dieser benignen Läsionen zu erkennen und sie sicher von verdächtigen Veränderungen abzugrenzen, ist eine wichtige diagnostische Kompetenz. Sie ermöglicht es dem Behandler, den Patienten kompetent zu beraten, unnötige Ängste abzubauen und gezielt nur die Läsionen zu überweisen, die einer weiteren Abklärung bedürfen.
B. Detailliertes Fachwissen
1. Die Seborrhoische Keratose (“Alterswarze”)
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Definition: Der häufigste benigne Tumor der Haut, tritt typischerweise in der zweiten Lebenshälfte auf. Hat kein malignes Potenzial.
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Klinik:
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Erscheinungsbild: Charakteristisch ist das “aufgepfropfte” oder “aufgeklebte” Aussehen, als hätte man einen Wachstropfen auf die Haut geklebt.
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Oberfläche: Die Oberfläche ist matt bis fettig glänzend und oft zerklüftet (verrukös).
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Farbe: Variiert von hautfarben über gelblich-braun bis fast schwarz.
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Differenzialdiagnose: Eine stark pigmentierte, irritierte seborrhoische Keratose kann ein malignes Melanom imitieren. Ein Dermatologe kann sie mittels Dermatoskopie (Nachweis von charakteristischen Hornzysten) sicher identifizieren.
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Leser-Trélat-Zeichen: Das plötzliche, eruptive Auftreten von Dutzenden seborrhoischen Keratosen kann ein seltenes paraneoplastisches Zeichen für einen inneren, malignen Tumor sein.
2. Das weiche Fibrom (Fibroma molle, “Skin Tag”)
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Definition: Eine extrem häufige, gutartige, gestielte Wucherung des Bindegewebes.
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Klinik: Weiche, hautfarbene oder leicht pigmentierte, oft sackartige Anhängsel der Haut.
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Lokalisation: Typischerweise in Reibungsarealen wie Hals, Achseln und Augenlidern.
3. Das Atherom (Epidermoidzyste, Grützbeutel)
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Definition: Keine echte Neoplasie, sondern eine mit Hornmaterial (Keratin) gefüllte Zyste, die von einem verstopften Haarfollikel ausgeht.
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Klinik: Ein prall-elastischer, subkutaner Knoten, der mit der Haut verschieblich ist. Oft ist ein zentraler, dunkler Punkt (Punctum) sichtbar, der den verstopften Follikelausgang markiert.
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Komplikation: Kann sich sekundär entzünden und rupturieren, was zu einer schmerzhaften Abszessbildung führt, die von einer odontogenen Infektion abgegrenzt werden muss.
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Therapie: Chirurgische Exzision der Zyste inklusive ihres Balges, um ein Rezidiv zu verhindern.
C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele
Der Grundsatz der Beurteilung: Der Zahnarzt muss benigne von potenziell malignen Läsionen unterscheiden.
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Typisch benigne: Langsames/kein Wachstum, symmetrisch, scharf begrenzt, einfarbig, “aufgesetzt” wirkend.
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Verdächtig (“Red Flag”): Schnelles Wachstum, Asymmetrie, unregelmäßige Begrenzung, Mehrfarbigkeit, Ulzeration, Induration (Verhärtung).
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Im Zweifelsfall: Immer eine Überweisung zum Dermatologen!
Fallbeispiel:
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Szenario: Ein 78-jähriger Patient zeigt dem Zahnarzt besorgt einen “hässlichen, dunklen Fleck” an seiner Schläfe, den er seit einigen Jahren hat und der langsam größer wird. Er hat Angst, es könnte “schwarzer Hautkrebs” sein.
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Klinische Untersuchung: Der Zahnarzt inspiziert die Läsion. Es handelt sich um eine ca. 1,5 cm große, scharf begrenzte, dunkelbraune Plaque. Die Oberfläche ist rau, zerklüftet und fühlt sich fettig an. Die Läsion wirkt deutlich “auf der Haut aufsitzend”.
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Analyse: Das “aufgeklebte” Erscheinungsbild und die fettig-verruköse Oberfläche sind pathognomonisch für eine seborrhoische Keratose. Die Kriterien der ABCDE-Regel für ein Melanom sind nicht erfüllt.
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Klinische Konsequenz & Management:
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Diagnosestellung & Beruhigung: Der Zahnarzt kann den Patienten mit hoher Sicherheit beruhigen. “Was Sie da haben, ist eine sehr häufige und vollkommen harmlose Hautveränderung, die man ‘Alterswarze’ nennt. Das hat mit bösartigem Hautkrebs nichts zu tun und ist aus medizinischer Sicht unbedenklich.”
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Dokumentation: Der Befund wird mit Größenangabe in der Kartei dokumentiert, um bei zukünftigen Kontrollen eine Veränderung beurteilen zu können.
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Empfehlung: “Wenn Sie die Stelle aus kosmetischen Gründen stört, kann ein Hautarzt sie ganz einfach entfernen.”
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Ergebnis: Die Fähigkeit, diese extrem häufige benigne Läsion sicher zu erkennen, ermöglichte es dem Zahnarzt, die größte Sorge des Patienten – die Krebsangst – sofort und fundiert zu zerstreuen. Dies ist ein wichtiger Teil der ärztlichen Betreuung und stärkt das Vertrauensverhältnis.