Lektion 15: Speicheldrüsenerkrankungen: Obstruktive, entzündliche und tumoröse Erkrankungen (Sialolithiasis, Parotitis)

A. Klinische Relevanz
Erkrankungen der großen und kleinen Speicheldrüsen sind ein häufiger Konsultationsgrund. Der Zahnarzt muss zwischen obstruktiven, entzündlichen und tumorösen Erkrankungen differenzieren können, da sich das Management grundlegend unterscheidet. Eine schmerzhafte Schwellung vor dem Ohr kann eine harmlose Sialadenitis oder ein bösartiger Parotistumor sein. Das Wissen um die Leitsymptome ermöglicht die richtige Diagnose und zeitgerechte Überweisung.

B. Detailliertes Fachwissen
1. Obstruktive Erkrankungen: Die Sialolithiasis

  • Definition: Bildung von Speichelsteinen (Sialolithen) in den Speicheldrüsen oder -gängen, meist in der Glandula submandibularis (ca. 80-90%), da deren Speichel muköser und der Gang antigrad verläuft.

  • Klinik: Plötzliche, schmerzhafte Schwellung der Drüse während des Essens (“meal-time syndrome”), die sich nach einiger Zeit wieder zurückbildet. Bei Palpation des Ganges ist der Stein oft tastbar.

  • Diagnostik: Sonographie ist die Methode der ersten Wahl. OPG kann Steine im Bereich der Glandula submandibularis zeigen.

2. Entzündliche Erkrankungen: Sialadenitis

  • Akute bakterielle Sialadenitis:

    • Erreger: Meist Staphylococcus aureus.

    • Klinik: Akute, schmerzhafte, eitrige Entzündung, oft der Glandula parotis. Bei Druck auf die Drüse entleert sich Eiter aus dem Drüsengang (Stenon’sche Papille). Risikofaktoren: Hohes Alter, Dehydratation, Immunsuppression.

  • Chronische rezidivierende Sialadenitis:

    • Wiederkehrende Entzündungsschübe, oft auf dem Boden von Obstruktionen oder Autoimmunerkrankungen.

  • Virale Sialadenitis:

    • Mumps (Parotitis epidemica): Bilaterale, “hamsterbackenartige” Schwellung der Ohrspeicheldrüsen. Hoch ansteckend.

3. Tumoröse Erkrankungen

Das 80%-Regel der Speicheldrüsentumoren ist eine wichtige klinische Daumenregel:

 
 
Merkmal Parotis Submandibularis Kleine Speicheldrüsen
Häufigkeit aller Speicheldrüsentumoren 80% 10-15% 5-10%
Anteil der gutartigen Tumoren 80% 50% 20%
Anteil der bösartigen Tumoren 20% 50% 80%
  • Häufigster benigner Tumor: Pleomorphes Adenom (50% aller Speicheldrüsentumoren). Langsam wachsende, derbe, schmerzlose Schwellung, meist in der Parotis. Rezidivneigung bei inkompletter Entfernung.

  • Häufigster maligner Tumor: Mukoepidermoidkarzinom. Kann hoch- oder niedrigmaligne sein.

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

Fallbeispiel 1: Der Speichelstein in der Unterkieferspeicheldrüse

Szenario: Ein Patient klagt über immer wiederkehrende, schmerzhafte Schwellungen unter dem rechten Unterkiefer, besonders wenn er etwas Saures isst. Die Schwellung geht nach ca. einer Stunde wieder zurück.

Analyse: Typische Anamnese für eine Sialolithiasis der Glandula submandibularis.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Diagnostik: Eine Sonographie wird durchgeführt und zeigt einen Stein im Ausführungsgang (Wharton’sche Papille).

  2. Therapie: Da der Stein distal (nahe der Mündung) liegt, kann eine Sialolithotomie erfolgen: Unter Lokalanästhesie wird der Gang inzidiert und der Stein entfernt.

  3. Alternative: Bei Steinen in der Tiefe der Drüse ist die Entfernung der gesamten Glandula submandibularis (Sialadenektomie) notwendig.

Fallbeispiel 2: Die akute bakterielle Parotitis

Szenario: Ein älterer, pflegebedürftiger Patient wird mit Fieber und einer einseitigen, hochschmerzhaften, geröteten und überwärmten Schwellung vor dem Ohr vorgestellt. Bei Druck auf die Parotis entleert sich trüber Eiter aus der Stenon’schen Papille.

Analyse: Klinisches Bild einer akuten bakteriellen Parotitis, begünstigt durch Dehydratation und reduzierte Speichelproduktion.

Klinische Konsequenz & Therapie der Wahl:

  1. Antibiose: Sofortige hochdosierte intravenöse Antibiose (z.B. Amoxicillin/Clavulansäure).

  2. Unterstützende Maßnahmen: Flüssigkeitszufuhr, Speichelstimulation (saure Bonbons), Mundhygiene.

  3. Stationäre Aufnahme: In der Regel ist eine stationäre Behandlung notwendig.

Fallbeispiel 3: Der schmerzlose Knoten vor dem Ohr

Szenario: Eine 45-jährige Patientin bemerkt seit einem Jahr einen langsam größer werdenden, derben und völlig schmerzlosen Knoten vor dem linken Ohr.

Analyse: Eine solitäre, schmerzlose und langsam wachsende Raumforderung der Parotis ist bis zum Beweis des Gegenteils ein pleomorphes Adenom.

Klinische Konsequenz & Überweisungsmanagement:

  1. Überweisung: Der Zahnarzt überweist den Patienten zum MKG-Chirurgen oder HNO-Arzt mit dem Verdacht auf einen Speicheldrüsentumor.

  2. Diagnostik: Der Spezialist führt eine Sonographie und ggf. eine Feinnadelpunktion (Zytologie) durch.

  3. Therapie: Die Therapie der Wahl ist die oberflächliche Parotidektomie mit Darstellung und Schonung des N. facialis. Wichtig ist die komplette Entfernung des Tumors mit einem Sicherheitsabstand, um Rezidive zu vermeiden. Eine intraoperative Schnellschnittdiagnostik kann die Dignität sichern.