Lektion 15: Antimykotika und Virostatika für orale Infektionen

A. Klinische Relevanz

 

Nicht alle oralen Infektionen sind bakteriell. Pilz- und Virusinfektionen sind in der zahnärztlichen Praxis alltäglich. Die häufigste ist die orale Candidose (“Soor”), eine opportunistische Pilzinfektion, die insbesondere Prothesenträger und immunsupprimierte Patienten betrifft. Die häufigste virale Manifestation ist die Reaktivierung des Herpes-Simplex-Virus (“Lippenherpes”). Die entscheidende klinische Kompetenz ist die korrekte Diagnose dieser nicht-bakteriellen Läsionen, da Antibiotika hier völlig wirkungslos sind. Die gezielte Verordnung von Antimykotika (gegen Pilze) oder Virostatika (gegen Viren) ist für eine erfolgreiche Therapie unerlässlich.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Orale Candidose und Antimykotika

  • Der Erreger: Meist Candida albicans, ein Hefepilz, der bei ca. 50% der Bevölkerung Teil der normalen Mundflora ist.

  • Die Erkrankung: Candida wird zum Pathogen, wenn das lokale oder systemische Gleichgewicht gestört ist (opportunistische Infektion).

  • Haupt-Risikofaktoren: Prothesentragen, Xerostomie, Immunsuppression (medikamentös, HIV), rezente Breitband-Antibiotika-Therapie, inhalative Kortikoide (Asthma-Sprays).

  • Therapie (Antimykotika):

    • a) Topische Therapie (Mittel der 1. Wahl):

      • Wirkstoffgruppe Polyene: Nystatin oder Amphotericin B. Wirken fungizid, werden nicht resorbiert. Applikation als Lutschtabletten oder Suspension.

      • Wirkstoffgruppe Azole: Miconazol oder Clotrimazol. Applikation als Mundgel oder Lutschtabletten.

      • Wichtige Anwendungshinweise: Die Medikamente müssen eine möglichst lange Kontaktzeit mit der Schleimhaut haben. Der Patient sollte sie langsam im Mund zergehen lassen oder die Suspension lange im Mund spülen. Bei Prothesenträgern muss die Prothese mitbehandelt werden!

    • b) Systemische Therapie:

      • Wirkstoffgruppe Triazole: z.B. Fluconazol (Tabletten).

      • Indikation: Nur bei schweren, therapieresistenten Verläufen oder bei stark immunsupprimierten Patienten.

2. Orale Herpes-Infektionen und Virostatika

  • Der Erreger: Meist das Herpes-Simplex-Virus Typ 1 (HSV-1).

  • Pathogenese: Nach der meist unbemerkten Primärinfektion im Kindesalter verbleibt das Virus lebenslang latent im regionalen Nervenganglion (Ggl. trigeminale). Triggerfaktoren (Stress, UV-Licht, Trauma, zahnärztliche Behandlung) können zu einer Reaktivierung führen.

  • Klinik:

    • Primärinfektion (Gingivostomatitis herpetica): Meist bei Kleinkindern. Akutes, fieberhaftes Krankheitsbild mit schmerzhaften Bläschen und Ulzera in der gesamten Mundhöhle.

    • Reaktivierung (Herpes labialis, “Fieberbläschen”): Kribbelnde Prodromi, gefolgt von der typischen Bläschenbildung am Lippenrot.

  • Therapie (Virostatika):

    • Wirkmechanismus: Virostatika hemmen die Virusvermehrung, sie “töten” das Virus nicht ab. Sie sind daher am wirksamsten, wenn sie so früh wie möglich beim allerersten Anzeichen einer Reaktivierung (Prodromalstadium) angewendet werden.

    • Topische Therapie:

      • Wirkstoffe: Aciclovir oder Penciclovir als Creme.

      • Anwendung: Häufig (z.B. alle 2 Stunden) bei den ersten Symptomen auftragen. Die Wirksamkeit ist oft begrenzt.

    • Systemische Therapie:

      • Wirkstoffe: Aciclovir, Valaciclovir oder Famciclovir als Tabletten.

      • Indikation: Bei schweren Verläufen der Primärinfektion, bei immunsupprimierten Patienten oder als prophylaktische Maßnahme bei Patienten mit sehr häufigen und schweren Rezidiven vor einem geplanten auslösenden Ereignis (z.B. zahnärztlicher Eingriff).

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Fallbeispiel 1: Die Prothesenstomatitis

  • Szenario: Ein 78-jähriger Patient mit einer schlecht sitzenden Oberkiefer-Totalprothese. Die Gaumenschleimhaut unter der Prothese ist feuerrot.

  • Diagnose: Erythematöse Candidose (Prothesenstomatitis).

  • Therapie (dualer Ansatz):

    1. Schleimhaut: Verordnung eines Miconazol-Mundgels. Der Patient wird instruiert, das Gel 4x täglich auf die Gaumenschleimhaut aufzutragen.

    2. Prothese (entscheidend): Der Patient wird angewiesen, die Prothese ebenfalls mit dem Gel einzupinseln, bevor er sie einsetzt, und sie nachts zur Desinfektion trocken zu lagern.

  • Rationale: Nur die gleichzeitige Behandlung der infizierten Schleimhaut und des Erreger-Reservoirs (der Prothese) führt zur Ausheilung.

Fallbeispiel 2: Prophylaxe des Herpes labialis

  • Szenario: Eine Patientin, die bekanntermaßen nach jeder längeren zahnärztlichen Behandlung unter schweren, ausgedehnten Herpes-Ausbrüchen an der Lippe leidet, benötigt eine Kronenpräparation.

  • Analyse: Die Manipulation und Dehnung der Lippe während der Behandlung ist ein bekannter, starker Trigger für eine HSV-Reaktivierung.

  • Klinische Konsequenz: Prophylaktische systemische Virostatika-Gabe.

  • Vorgehen: Der Patientin wird ein Rezept für z.B. Valaciclovir 500 mg ausgestellt. Sie wird angewiesen, eine Tablette am Abend vor dem Eingriff, eine am Morgen des Eingriffs und dann für 2-3 weitere Tage 2x täglich eine Tablette einzunehmen.

  • Ergebnis: Durch die prophylaktische Unterdrückung der Virusreplikation wird der erwartete Herpes-Ausbruch effektiv verhindert, was der Patientin erhebliche Beschwerden erspart und eine ungestörte Wundheilung ermöglicht. Dies ist ein Beispiel für vorausschauendes, patientenorientiertes pharmakologisches Management.