Lektion 14: Das Obstruktive Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) aus HNO-ärztlicher Sicht

A. Klinische Relevanz

 

Wie im Kurs zur Inneren Medizin besprochen, ist die obstruktive Schlafapnoe (OSA) eine ernsthafte Systemerkrankung. Während der Zahnarzt bei der Therapie (Unterkiefer-Protrusionsschiene) eine Schlüsselrolle spielt, liegt die primäre Diagnostik der anatomischen Ursache im Fachbereich der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Der HNO-Arzt ist der Spezialist, der den genauen Ort und die Art der Atemwegsobstruktion feststellt. Dieses Wissen ist entscheidend, um zu bestimmen, welche Therapie für den einzelnen Patienten am besten geeignet ist: eine CPAP-Maske, eine zahnärztliche Schiene oder ein chirurgischer Eingriff. Das Verständnis der HNO-Perspektive ist für den Zahnarzt unerlässlich, um als kompetenter Partner im interdisziplinären Schlafmedizin-Team agieren zu können.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Die Anatomie der Obstruktion Die oberen Atemwege sind ein muskulärer Schlauch. Eine Obstruktion kann auf verschiedenen Ebenen stattfinden:

  • Velum: Kollaps des weichen Gaumens.

  • Oropharynx: Kollaps der seitlichen Rachenwände (oft durch große Tonsillen).

  • Zungengrund: Zurückfallen der Zunge.

  • Epiglottis: Kollaps des Kehldeckels.

2. Die HNO-ärztliche Diagnostik zur Lokalisation der Engstelle Nachdem die Diagnose OSA im Schlaflabor gesichert wurde, führt der HNO-Arzt oft eine Untersuchung durch, um den Ort des Kollapses zu finden.

  • Schlafendoskopie (DISE – Drug-Induced Sleep Endoscopy):

    • Konzept: Dies ist das entscheidende diagnostische Verfahren des HNO-Arztes.

    • Vorgehen: Der Patient wird in eine leichte, schlafähnliche Sedierung versetzt. Mit einem flexiblen Endoskop, das durch die Nase eingeführt wird, beobachtet der Arzt in Echtzeit, an welcher Stelle und in welchem Muster die Atemwege des schlafenden Patienten kollabieren.

    • Konsequenz: Der Befund der DISE ist maßgeblich für die Therapieempfehlung. Ein Patient, dessen Atemwege primär durch einen Kollaps des Gaumensegels blockiert sind, spricht anders auf Therapien an als ein Patient, bei dem das Hauptproblem ein Zurückfallen des Zungengrundes ist.

3. HNO-ärztliche Therapieoptionen Abhängig von der Lokalisation der Engstelle kommen neben oder anstelle der CPAP-Maske und der zahnärztlichen Schiene auch chirurgische Verfahren in Frage:

  • Nasenchirurgie: Korrektur einer Nasenscheidewandverkrümmung, um die Nasenatmung zu verbessern.

  • Tonsillektomie / Adenotomie: Entfernung der Gaumen- oder Rachenmandeln. Die Therapie der ersten Wahl bei Kindern mit OSA.

  • Uvulopalatopharyngoplastik (UPPP): Ein chirurgisches Verfahren zur Straffung und Kürzung des weichen Gaumens und des Zäpfchens (Uvula). Indiziert bei einem Kollaps auf Gaumensegel-Ebene.

  • Chirurgie am Zungengrund: Verfahren zur Reduktion des Volumens oder zur Vorverlagerung des Zungengrundes.

  • Maxillomandibuläres Advancement (MMA): Ein großer kieferchirurgischer Eingriff, bei dem Ober- und Unterkiefer chirurgisch nach vorne verlagert werden, um den gesamten Rachenraum permanent zu erweitern. Dies ist die effektivste chirurgische Maßnahme bei schwerer OSA.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Die interdisziplinäre Fallkonferenz: Die ideale Behandlungsplanung für einen OSA-Patienten erfolgt im Team: Der Schlafmediziner stellt die Diagnose und den Schweregrad fest. Der HNO-Arzt lokalisiert die Engstelle. Der Zahnarzt beurteilt die Eignung für eine Schienentherapie. Gemeinsam wird die für den Patienten beste Option ausgewählt.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 50-jähriger Patient wurde im Schlaflabor mit einer mittelgradigen OSA (AHI=24) diagnostiziert. Der Schlafmediziner überweist ihn zur Abklärung an den HNO-Arzt und den Zahnarzt, um die Optionen CPAP, UKPS oder Chirurgie zu besprechen.

  • HNO-ärztliche Untersuchung: Der HNO-Arzt führt eine Schlafendoskopie (DISE) durch.

  • Befund der DISE: Die Untersuchung zeigt, dass der Kollaps der Atemwege ausschließlich durch ein Zurückfallen des Zungengrundes verursacht wird. Der Gaumensegelbereich ist stabil.

  • Analyse und Therapieempfehlung:

    • Chirurgie (UPPP): Wäre bei diesem Patienten wirkungslos, da das Problem nicht am Gaumensegel liegt.

    • CPAP: Wäre wirksam, wird vom Patienten aber abgelehnt.

    • Unterkiefer-Protrusionsschiene (UKPS): Ist für diesen spezifischen Kollaps-Typ ideal geeignet. Der primäre Wirkmechanismus der Schiene ist die Vorverlagerung des Unterkiefers, was direkt den Zungengrund nach vorne zieht und den Atemweg an der entscheidenden Stelle öffnet.

  • Klinische Konsequenz: Der HNO-Arzt teilt dem Patienten und dem Zahnarzt mit, dass er aus HNO-ärztlicher Sicht ein exzellenter Kandidat für eine zahnärztliche Schienentherapie ist. Der Zahnarzt kann nun mit der Anfertigung der UKPS beginnen.

  • Ergebnis: Die spezifische HNO-Diagnostik hat die zahnärztliche Therapie nicht nur bestätigt, sondern ihre Indikation untermauert. Hätte die DISE einen Kollaps auf Gaumensegel-Ebene gezeigt, wäre die Prognose für die Schienentherapie eventuell schlechter bewertet worden.