Lektion 13: Virale Hautinfektionen (Herpes simplex, Varizella Zoster, HPV-induzierte Warzen)

A. Klinische Relevanz

 

Virale Infektionen der Haut und Schleimhäute gehören zu den häufigsten Erkrankungen in der täglichen Praxis. Ihre Manifestationen im Kopf-Hals-Bereich sind vielfältig und reichen von den klassischen, schmerzhaften Bläschen des Herpes simplex bis zu den warzenartigen Wucherungen durch Humane Papillomviren (HPV). Die Fähigkeit, diese viralen Läsionen klinisch zu erkennen und von bakteriellen oder autoimmunen Erkrankungen abzugrenzen, ist eine entscheidende diagnostische Fähigkeit. Während viele dieser Infektionen harmlos und selbstlimitierend sind, können einige (wie Herpes Zoster) schwere Komplikationen verursachen und andere (HPV) ein onkogenes Potenzial besitzen.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Herpes-simplex-Viren (HSV)

  • Klinik: Die Primärinfektion (Gingivostomatitis herpetica) und die Reaktivierungen (Herpes labialis, intraoraler Herpes) wurden bereits besprochen.

  • Herpes an der Haut:

    • Herpes gladiatorum: Bei Ringern, Ausbreitung durch engen Körperkontakt.

    • Ekzema herpeticatum: Eine gefürchtete Superinfektion von vorbestehenden Ekzemen (v.a. atopische Dermatitis) mit HSV. Führt zu ausgedehnten, flächigen Bläschen-Eruptionen und erfordert eine sofortige systemische antivirale Therapie.

2. Varizella-Zoster-Virus (VZV)

  • Primärinfektion (Varizellen / Windpocken):

    • Klinik: Generalisierter, stark juckender Ausschlag, der sich in Schüben ausbreitet. Charakteristisch ist das gleichzeitige Vorhandensein aller Effloreszenzen (“Sternenhimmel-Aspekt“): rote Flecken (Makulae), Knötchen (Papeln), Bläschen (Vesikel) und Krusten. Beginnt meist am Rumpf und behaarten Kopf.

  • Reaktivierung (Herpes Zoster / Gürtelrose):

    • Klinik: Streng einseitige, dermatom-bezogene Eruption von gruppiert stehenden Vesikeln auf gerötetem Grund. Starke, oft brennende oder stechende Schmerzen.

    • Zoster ophthalmicus: Befall des ersten Trigeminus-Astes (N. ophthalmicus). Notfall! Kann zu Erblindung führen. Ein kleines Bläschen an der Nasenspitze (Hutchinson-Zeichen) ist ein starkes Warnsignal für eine Augenbeteiligung.

3. Humane Papillomviren (HPV) HPV infizieren die basalen Keratinozyten und induzieren deren Proliferation, was zur Bildung von Warzen führt.

  • Verruca vulgaris (gewöhnliche Warze):

    • Klinik: Harte, hautfarbene Papeln mit einer rauen, zerklüfteten (hyperkeratotischen) Oberfläche. Oft an den Händen, können aber auch perioral oder intraoral auftreten.

  • Condylomata acuminata (Feigwarzen):

    • Klinik: Weiche, hautfarbene oder rötliche, oft gestielte Wucherungen, typischerweise im Genitalbereich, können aber auch oral durch orogenitalen Kontakt übertragen werden.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Fallbeispiel 1: Die Abgrenzung zur Impetigo

  • Szenario: Ein Kind wird mit gelblichen Krusten um den Mund herum vorgestellt.

  • Differenzialdiagnose:

    • Herpes labialis: Beginnt immer mit Bläschen (Vesikeln). Die Krusten sind oft dunkler.

    • Impetigo contagiosa (bakterielle Hautinfektion): Beginnt oft als rote Makel oder Pustel. Charakteristisch sind die honiggelben Krusten. Hoch ansteckend.

  • Therapie: Herpes würde antiviral, Impetigo antibakteriell (meist topisch) behandelt. Die korrekte Diagnose ist entscheidend.

Fallbeispiel 2: Der Zoster im Gesicht

  • Szenario: Ein 70-jähriger, immungeschwächter Patient stellt sich mit einseitigen Bläschen auf der rechten Stirn und am Oberlid vor. Er klagt über starke, brennende Schmerzen.

  • Analyse: Das streng unilaterale Verteilungsmuster im Versorgungsgebiet des N. ophthalmicus (V₁) ist pathognomonisch für einen Herpes Zoster ophthalmicus.

  • Klinische Konsequenz: Dringender Notfall.

    1. Verdachtsdiagnose: Dringender V.a. Zoster ophthalmicus.

    2. Sofortige Überweisung: Der Patient muss umgehend an einen Augenarzt UND einen Dermatologen/Hausarzt überwiesen werden.

  • Rationale: Es besteht ein hohes Risiko für eine schwere Augenbeteiligung (Keratitis, Uveitis) mit der Gefahr der Erblindung. Eine sofortige, hochdosierte systemische antivirale Therapie ist zwingend erforderlich, um schwere Komplikationen und eine Post-Zoster-Neuralgie zu minimieren. Die Rolle des Zahnarztes ist die Erkennung der “Red Flags” und die sofortige Einleitung der interdisziplinären Rettungskette.