Lektion 13: Nicht-odontogener Schmerz im Gesicht – Otalgie (Ohrenschmerzen) und weitere Differenzialdiagnosen

A. Klinische Relevanz

 

Nicht jeder Schmerz, der sich wie Zahnschmerz anfühlt, stammt auch von einem Zahn. Der Kopf-Hals-Bereich ist ein komplexes neuroanatomisches Netzwerk, in dem Schmerzsignale von einem Ort zu einem anderen “ausstrahlen” oder projiziert werden können. Die Unfähigkeit, einen echten odontogenen Schmerz von einem nicht-odontogenen Schmerz zu unterscheiden, gehört zu den häufigsten Ursachen für diagnostische Fehler und unnötige zahnärztliche Behandlungen. Diese Lektion schärft den Blick für die wichtigsten Differenzialdiagnosen – von Muskelschmerzen über Ohrenentzündungen bis hin zum seltenen, aber lebenswichtigen kardialen Schmerz – und etabliert einen klaren diagnostischen Grundsatz.

 

B. Detailliertes Fachwissen

 

1. Das neuroanatomische Prinzip: Schmerzausstrahlung (Referred Pain)

  • Konzept der Konvergenz: Sensorische Nervenfasern aus unterschiedlichen anatomischen Regionen (z.B. von einem Molaren, dem Kiefergelenk, dem Ohr und der Kaumuskulatur) laufen oft auf dieselben Neuronen im zentralen Nervensystem (Hirnstamm) zusammen.

  • Folge: Das Gehirn kann den Ursprung des Schmerzsignals nicht immer exakt lokalisieren und projiziert den Schmerz fälschlicherweise auf eine andere Region.

2. Die wichtigsten nicht-odontogenen Schmerzursachen, die Zahnschmerz imitieren

  • a) Myofaszialer Schmerz (Muskelschmerz):

    • Die mit Abstand häufigste Ursache für nicht-odontogenen “Zahnschmerz”.

    • Mechanismus: Aktive Triggerpunkte in den Kaumuskeln (M. masseter, M. temporalis, M. pterygoideus) strahlen Schmerzen in vorhersagbare, zahnbezogene Areale aus.

    • Diagnostik: Der Schmerz des Patienten kann durch die gezielte Palpation des verantwortlichen Muskels exakt reproduziert werden.

  • b) Sinusitis maxillaris (Kieferhöhlenentzündung):

    • Klinik: Dumpfer, drückender Schmerz im Oberkiefer, oft an mehreren Zähnen gleichzeitig. Verstärkung beim Bücken. Die Zähne sind vital.

  • c) Otalgie (Ohrenschmerz):

    • Die Beziehung ist oft umgekehrt: Ein dentaler Abszess an einem Unterkiefer-Molar verursacht häufig ausstrahlende Schmerzen zum Ohr.

    • Seltener kann eine akute Otitis media (Mittelohrentzündung) einen dumpfen Schmerz in die Oberkiefer-Seitenzahnregion projizieren.

  • d) Kardialer Schmerz (Cardiac Toothache):

    • Selten, aber lebenswichtig!

    • Mechanismus: Der Schmerz einer Angina Pectoris oder eines Myokardinfarkts kann in den Hals, den Arm und klassischerweise in den linken Unterkiefer ausstrahlen und einen reinen Zahnschmerz imitieren.

    • Warnzeichen: Der Schmerz ist oft dumpf und drückend, tritt in Verbindung mit körperlicher Belastung auf und lässt sich keinem spezifischen Zahn zuordnen. Eine zahnärztliche Anästhesie führt zu keiner Linderung!

  • e) Neuropathischer Schmerz:

    • Trigeminusneuralgie: Extrem heftige, einschießende, “stromschlagartige” Schmerzattacken von nur wenigen Sekunden Dauer.

    • Herpes Zoster: Streng einseitiger, brennender Schmerz, gefolgt von einem Bläschenausschlag.

 

C. Klinische Anwendung & Fallbeispiele

 

Der diagnostische Leitsatz: Wenn ein Patient über Zahnschmerzen klagt, aber alle zahnärztlichen Befunde (Vitalität, Perkussion, Sondierung, Röntgen) an dem beschuldigten Zahn und seinen Nachbarn völlig unauffällig sind, muss die Diagnose “Zahnschmerz” in Frage gestellt und aktiv nach einer nicht-odontogenen Ursache gesucht werden.

Fallbeispiel:

  • Szenario: Ein 48-jähriger Patient kommt mit seit Wochen bestehenden, dumpfen Schmerzen, die er auf Zahn 26 projiziert. Er wünscht eine Wurzelkanalbehandlung.

  • Zahnärztliche Untersuchung:

    • Der Zahnarzt führt eine akribische Untersuchung von Zahn 26 und den Nachbarzähnen durch.

    • Vitalitätstest: Alle Zähne sind sensibel mit prompter, reversibler Reaktion.

    • Perkussion: Kein Zahn ist klopfempfindlich.

    • Röntgen: Zahnfilm und Bissflügelaufnahme sind absolut unauffällig.

    • Fazit: Es gibt keinen einzigen zahnmedizinischen Hinweis auf eine Pathologie an Zahn 26. Eine endodontische Behandlung wäre ein Kunstfehler.

  • Erweiterte Untersuchung:

    • Der Zahnarzt hegt den Verdacht auf einen myofaszialen Schmerz.

    • Er palpiert systematisch die Kaumuskulatur. Bei starkem Druck auf den tiefen Anteil des linken M. masseter ruft der Patient aus: “Ja, genau das ist es! Das ist der Schmerz, der bis in den Zahn zieht!”

  • Analyse: Dies ist der klassische Beweis für einen myofaszialen Schmerz mit Ausstrahlung (Referred Pain) aus einem Triggerpunkt.

  • Klinische Konsequenz:

    1. Diagnose: Myofaszialer Schmerz, ausgehend vom M. masseter.

    2. Aufklärung: Dem Patienten wird der Zusammenhang erklärt: “Ihr Zahn ist vollkommen gesund. Die Ursache für die Schmerzen ist eine starke Verspannung in Ihrem Kaumuskel, die in den Zahn ausstrahlt. Wir müssen den Muskel behandeln, nicht den Zahn.”

    3. Therapie: Initiale Therapie ist die Physiotherapie, ggf. unterstützt durch eine Aufbissschiene bei Verdacht auf Bruxismus.

  • Ergebnis: Der Zahnarzt hat durch seine systematische und über den Zahn hinausgehende Diagnostik den Patienten vor einer unnötigen, ineffektiven und invasiven Behandlung bewahrt.